Ärzte Zeitung, 26.02.2015

Pakistan

Hilfe für traumatisierte Reporter

Terror und Gewalt gehören für pakistanische Berichterstatter fast schon zum Alltag. Viele sind durch diese Arbeit traumatisiert. Doch therapeutische Hilfe gilt in dem konservativen Land als Tabu.

Von Zia Khan

Hilfe für traumatisierte Reporter

Viele Berichterstatter in Pakistan sind traumatisiert.

© Adam Gregor / fotolia.com

PESHAWAR. Es war der erste Terroranschlag, von dem der junge Reporter Amin Mashal berichten sollte. Als im Mai 2011 Taliban mehr als 100 Soldaten an einer pakistanischen Militärschule töteten, eilte er an den Tatort, um von dort zu berichten.

"Es war das Schlimmste, was ich je erlebt habe", erinnert sich der inzwischen 24-jährige Journalist an das Attentat in Charsadda. Bis heute haben ihn die Bilder von damals nicht mehr losgelassen.

Tote lagen in großen Blutlachen, verwundete Soldaten stöhnten vor Schmerz. "Es war schrecklich", sagt Mashal.

Die Brutalität des Selbstmordattentats, mit dem die Angreifer im Mai 2011 die Ermordung des Al-Kaida Chefs Osama bin Laden rächen wollten, versetzte den jungen Journalisten in einen Schockzustand.

Wut und Angst kamen hinzu, als Extremisten seinen Kollegen töteten, der von dem Anschlag berichtet hatte.

Von der Familie verstoßen

Obwohl die Erlebnisse Mashal zutiefst quälten, kam eine Therapie für ihn zunächst nicht infrage. Psychische Probleme gelten im konservativen Pakistan nicht als Krankheit, sondern sind tabu.

Da Betroffene in einigen Fällen sogar von ihren Familien verstoßen werden, neigen die meisten dazu, ihre Probleme zu verschweigen.

Als Talibankämpfer im Dezember an einer vom Militär betriebenen Schule in Peshawar 136 Kinder töteten, stand Mashal kurz vor einem Nervenzusammenbruch.

"Hätte ich weiter von solchen Vorfällen berichten müssen, wäre ich kollabiert", sagte der junge Reporter im pakistanischen Radio. Seinen Traum, als erfolgreicher Reporter von Gewalt zu berichten, wollte er schon aufgeben.

Durch eine Initiative für traumatisierte Journalisten schöpfte er jedoch neuen Mut: Ein Zentrum an der Universität Peshawar bot den Betroffenen Möglichkeiten zur Therapie.

Bundesministerium fördert Projekte

Das Projekt an der Hochschule entstand in Zusammenarbeit mit der DW Akademie und ist Teil eines Langzeitprojektes im Auftrag des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ).

"Das BMZ fördert in Pakistan das Thema Meinungsfreiheit und Medienentwicklung mit einer Summe von bis zu 600.000 Euro jährlich für den Zeitraum von 2015 bis 2017", teilt die Deutsche Welle (DW) mit. Das Geld werde auf mehrere Projekte verteilt.

Mashal war einer von 15 Betroffenen, die seit der Eröffnung des Zentrums im November behandelt wurden.

"Meine Lehrer haben mich zu der Therapie ermutigt", sagt der 24-Jährige, der im vergangenen Jahr an der Universität sein Masterstudium in Journalismus abgeschlossen hat.

"So etwas haben wir hier dringend gebraucht", sagt Professor Altafullah Khan, Leiter der journalistischen Fakultät und Betreuer des Projekts.

"Es sind in erster Linie Journalisten, die ständig mit Gewalt konfrontiert werden. Trauma ist oft die natürliche Folge", erklärt er.

"Mithilfe des Projekts sollen Reporter von beklemmenden Ereignissen berichten können, ohne dass ihre Arbeit von den Erfahrungen beeinflusst wird", sagt Khan.

Die Psychologinnen Marina Khan und Farhat Naz betreuen die betroffenen Journalisten. "Die meisten Männer, die uns aufsuchen, leiden an Aggressivität, Angstzuständen und Stress", sagt Naz.

Weitere Symptome seien Schlafstörungen und Appetitmangel. Noch immer fällt es den Patienten schwer, offen über ihre Probleme zu sprechen. "Das ist die größte Hürde", sagt Naz.

"Ihnen klarzumachen, dass es sich um ein Problem handelt, das behandelt werden muss."

Trotz des gesellschaftlichen Tabus ist die Initiative gut angelaufen. Seit das Zentrum vor drei Monaten eröffnet wurde, haben die beiden Psychologinnen bereits mehr als ein Dutzend Patienten behandelt.

"Das hat unsere Erwartungen bei weitem übertroffen", freut sich auch Khan.

Dank des Projekts können Journalisten wie Mashal Träume verwirklichen, die sie zeitweise schon aufgegeben hatten. Nach rund zehn Sitzungen hat der junge Pakistaner auch seine Einstellung zur Therapie geändert, über deren Erfolge er offen spricht.

"Es geht mir schon viel besser." (dpa)

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