Ärzte Zeitung, 10.05.2007

Kalorienbilanz ist wichtig, nicht Diättyp

Ob niedrig oder hoch glykämische Diät - für den Diätplan zählt das wenig / Neue Daten aus Interventionsstudie

Von Thomas Müller

Ernährungsberater mussten in den vergangenen Jahren einige böse Überraschungen hinnehmen: In Studien nahmen Übergewichtige auch mit ausgefeilten Diätplänen langfristig meist nur zwei bis fünf Kilo ab, und das auch noch weitgehend unabhängig davon, auf welche Diät sie sich einließen.

Vollkornbrot, Gemüse und Fisch haben eine niedrige Glykämische Last, Weißbrot und Nudeln eine hohe. Fürs Abnehmen ist das kaum von Bedeutung. Foto: Comstock

Das Problem: Zu Beginn einer Studie werden die Diätvorschriften noch ernst genommen, je länger die Studie dauert, um so mehr essen die Teilnehmer wieder was sie wollen und wie viel sie wollen. Damit stellt sich die Frage: Macht es tatsächlich keinen Unterschied, nach welcher Diät man versucht abzunehmen - oder kann man die Unterschiede in solchen Studien nur deshalb nicht entdecken, weil sich die Leute kaum an den Diätplan halten?

Die Teilnehmer bekamen das Essen vorgesetzt

Diese Frage lässt sich nur klären, wenn die Studienteilnehmer nicht nur einen Diätplan erhalten, sondern auch gleich das jeweilige Essen. Genau das haben US-Forscher aus Boston nun getan. Sie versorgten 34 Übergewichtige ein halbes Jahr lang mit Nahrung, und zwar entweder mit einer hohen oder einer niedrigen Glykämischen Last. Eine niedrige Glykämische Last lässt den Blutzuckerspiegel langsamer ansteigen und soll länger satt halten.

In beiden Gruppen enthielten die Mahlzeiten 30 Prozent weniger Kalorien als die Teilnehmer bisher gewohnt waren. Nach sechs Monaten sollten sie für ein weiteres halbes Jahr die jeweilige Ernährung eigenständig beibehalten. Zugleich kontrollierten die Forscher um Dr. Sai Krupa Das von der Tufts University mit einer Isotopen-Technik, wie viel die Teilnehmer heimlich an Kalorien aufnahmen (Am J Clin Nutr 85, 2007, 1023).

Das Hungergefühl war bei beiden Diäten ähnlich

Unter solchen strikten Bedingungen nahmen die Teilnehmer tatsächlich deutlich ab: Nach sechs Monaten mit der niedrig glykämischen Diät um 10,4 kg, mit der der hohen glykämischen Diät um 9,1 kg. Nach zwölf Monaten gab es jedoch kaum noch Unterschiede: In beiden Gruppen hatten die Teilnehmer im Schnitt etwa 8 kg abgenommen.

Die Hoffnung, dass Übergewichtige mit einer niedrig glykämischen Diät weniger Hunger haben und daher weniger heimlich dazu essen, erfüllte sich nicht: In beiden Gruppen nahmen die Teilnehmer heimlich etwa 16 Prozent mehr Kalorien auf, als ihnen zugeteilt wurden, hatten die Isotopenmessungen ergeben.

Somit bestätigt auch diese Studie: Es kommt vor allem auf die Kalorienreduktion an, weniger auf die Nahrungszusammensetzung. Doch vom Tisch ist das Konzept mit der Glykämischen Last damit sicher nicht, immerhin gibt es Hinweise, dass zumindest bestimmte Übergewichtige davon profitieren.

So basiert das Konzept auf der Vorstellung, dass der Körper den Blutglukose-Spiegel möglichst konstant halten will und sich im Laufe der Evolution an Nahrung mit einer niedrigen Glykämischen Last gewöhnt hat. In solcher Nahrung ist etwa der Kohlenhydrat-Anteil gering, und die Nahrung enthält überwiegend solche Kohlenhydrate, die im Darm nur langsam zu Glukose abgebaut werden. Dazu zählen die meisten Vollkornprodukte, Hülsenfrüchte, Gemüse und Nüsse.

Produkte mit raffiniertem Weißmehl und Zucker, die inzwischen einen Großteil der modernen Nahrung ausmachen, haben dagegen eine hohe Glykämische Last: Die Stärke aus der Pizza oder den Pommes wird dabei ebenso schnell im Darm zu Glukose hydrolisiert wie der Zucker in der Cola. Auf die plötzliche Glukose-Schwemme nach einer Mahlzeit mit Pommes und Cola ist der Körper jedoch nicht vorbereitet, so die Annahme. Auf den schnellen, starken Anstieg des Blutzuckerspiegels reagiert der Körper tatsächlich mit einer starken Insulinausschüttung.

Die übermäßige Insulinsekretion begünstigt die Fettsäureaufnahme und lässt den Blutzuckerspiegel nach einiger Zeit wieder tief fallen, und zwar tiefer als vor der Mahlzeit. Diese Reaktionen auf Nahrung mit hoher Glykämischer Last lassen sich gut messen. Ob der stark erniedrige Blutzuckerspiegel dann aber wieder Hunger auslöst und somit Übergewicht begünstigt, und ob die starken Schwankungen von Insulin- und Glukosespiegeln einen Diabetes fördern, das ist weit weniger klar.

Immerhin, Hinweise gibt es bislang aus Versuchen mit Tieren: Eine Arbeitsgruppe aus Boston hat bei Ratten einen Prädiabetes imitiert, indem sie einen Teil des Pankreas entfernten. Anschließend bekamen die Tiere entweder eine hoch glykämische oder eine niedrig glykämische Diät. Da die Nahrung stets gleich viel Kalorien enthielt, nahmen die Tiere nicht zu, aber die Ratten mit der hoch glykämischen Diät hatten nach 18 Wochen doppelt so viel Körperfett wie Tiere mit niedrig glykämischer Nahrung. Zudem waren Glukose- und Insulin-Balance deutlich gestört (Lancet 364, 2004, 778).

Auf den Appetit hat die Glykämische Last kaum Einfluss

Allerdings gaben kleinere klinische Studien mit gesunden Teilnehmern keinen Hinweis auf einen solchen drastischen Effekt: In einer Studie wurden Diäten mit unterschiedlicher Glykämischer Last verglichen. Die Teilnehmer bekamen acht Tage lang ihr Essen vorgesetzt - die Menge war jedoch nicht begrenzt, sie konnten also essen, so viel sie wollten.

Teilnehmer mit hoher glykämischer Ernährung nahmen trotzdem nicht mehr Kalorien zu sich als solche mit niedrig glykämischer Diät, und es gab auch keinen Unterschied beim Hungergefühl oder bei der Insulin- und Glukose-Reaktion (Diabetes Care 28, 2005, 2123). Dies wird auch in der aktuellen Einjahres-Studie aus Boston bestätigt: die Teilnehmer litten etwa gleich stark unter Hungergefühlen, die Blutfettwerte besserten sich im gleichen Maße, auch der Nüchtern-Insulinwert ging in beiden Gruppen ähnlich stark zurück.

Von der Diät könnten Patienten mit Prädiabetes profitieren

Ein Trostpflaster bleibt den Verfechtern einer niedrig glykämischen Diät jedoch: Ende 2005 hatten die Forscher aus Boston eine ähnlich konzipierte Interventions-Studie publiziert. Die Hälfte der Übergewichtigen hatten dabei eine übermäßige Insulinsekretion nach einem Glukose-Toleranztest. Dies wird häufig vor Beginn eines Typ-2-Diabetes beobachtet.

Solche Patienten hatten nach sechs Monaten mit der niedrig glykämischen Diät im Schnitt zehn Kilo abgenommen, mit der hoch glykämischen nur sechs Kilo. Offenbar kann bei ihnen eine hoch glykämische Diät die ohnehin schon erhöhte Insulinausschüttung weiter hochtreiben - mit den genannten Konsequenzen. Bei Übergewichtigen ohne erhöhte Insulin-Ausschüttung war die Diätform dagegen nicht von Bedeutung (Diabetes Care 28, 2005, 2939).

STICHWORT

Glykämischer Index, Glykämische Last

  • Der Glykämische Index gibt an, wie stark die Kohlenhydrate eines Lebensmittels den Blutzuckerspiegel nach oben treiben. Als Vergleichsmaßstab dienen 100 g Glukose. Beispiel: Mit 100 g Kohlenhydraten aus gekochten Karotten wird 70 Prozent des Blutzuckeranstiegs von 100 g Glukose erreicht. Der Glykämische Index liegt bei 70.

  • Die Glykämische Last berücksichtigt auch die Kohlenhydrat-Dichte. So haben Karotten zwar einen hohen Glykämischen Index, aber nur 5 Prozent Kohlenhydrate. 100 g Karotten haben dananch eine Auswirkung auf den Blutzuckerspiegel wie 3,5 g Glukose (70/100 x 5). Die Glykämische Last für Karotten beträgt 3,5.

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