Jubiläumsausgabe, 09.11.2012

Ärger mit KV und Kasse

Die große Last mit der Bürokratie

Es ist nicht schlechte Bezahlung, es sind auch nicht anstrengende Patienten, die Ärzte nerven. Die Klage richtet sich gegen Kassen- und KV-Bürokratie.

Von Helmut Laschet

Die große Last mit der Bürokratie

Nerviges Papier: Ein Schreibtisch voller Bürokratie.

© imago

Von der Wiege bis zur Bahre - Formulare, Formulare...

Wenn niedergelassenen Ärzten etwas auf die Nerven geht, dann ist es die angeblich überbordende Bürokratie in ihrer täglichen Praxis.

Telefonische oder schriftliche Anfragen von Krankenkassen, Bescheinigungen für Patienten, der Kampf mit der Abrechnung, von Quartal zu Quartal geänderte Bestimmungen zum Einheitlichen Bewertungsmaßstab, Rechtfertigungszwänge in der Wirtschaftlichkeitsprüfung, Dokumentationspflichten, die mit dem Patientenrechtegesetz, das im kommenden Jahr in Kraft treten soll, noch zunehmen könnten.

Mehrere Kilo Kleingedrucktes an Vorschriften müssen Ärzte in ihrem Arbeitsalltag beachten, überwiegend produziert von ihrer Selbstverwaltung.

13 Prozent ihrer Arbeitszeit wenden Hausärzte für Verwaltung auf, 79 Prozent stehen unmittelbar für Patienten zur Verfügung: in der Sprechstunde, für Hausbesuche, und Bereitschaftsdienste. Der Rest entfällt auf Fortbildung und Konferenzen mit dem Praxisteam. Quelle: KBV-Ärztemonitor 6/2012

Die Belastung ist nach dem Gefühl der Ärzte, die an unserer Umfrage teilgenommen haben, weiter gestiegen. Waren es 2007 noch 81 Prozent der Umfrageteilnehmer, die sich über den bürokratischen Aufwand beklagten, so sind es nun aktuell 85 Prozent.

Zumindest aus der subjektiven Sicht wachsen die administrativen Aufgaben offenbar stärker, als auf der anderen Seite die Entlastung durch Delegation von Aufgaben an die Medizinischen Fachangestellten oder auch durch technischen Fortschritt vor allem in der Informationstechnologie erwarten lassen könnte.

Wenn es denn einen Handlungsauftrag an die ärztliche Selbstverwaltung gäbe, dann müsste die Priorität klar sein: Bürokratieabbau!

Doch das erscheint unrealistisch, wie unsere Umfrage ebenfalls zeigt: 86 Prozent der Leser meinen, auch in Zukunft werde die administrative Belastung weiter wachsen. Eine Einschätzung, die sich seit 2007 fast nicht geändert hat.

Freilich muss die laute Klage etwas relativiert werden. Rund drei Viertel ihrer Zeit stellen Ärzte der Patientenversorgung zur Verfügung, überwiegend in der Sprechstunde, ferner für Hausbesuche und Bereitschaftsdienste. Bei Hausärzten liegt dieser Anteil sogar bei fast 80 Prozent, wie aus dem KBV-Ärztemonitor hervorgeht.

Was beeinträchtigt Sie bei der Arbeit am meisten?

Die Beeinträchtigungen werden ...

Die Belastung für Ärzte ist gestiegen, sagen ...

Ich bin durch die Arbeit ausgebrannt, sagen ...

Der Rest der Zeit wird nicht vollständig von Bürokratie gefressen, sondern dient auch der Fortbildung und Konferenzen mit dem Praxisteam - folglich urärztlichen Aufgaben. Laut KBV-Monitor liegt der Administrationsanteil zwischen 13 (bei Hausärzten) und 18 Prozent (bei Psychotherapeuten).

Allerdings: Dass bei einer Wochenarbeitszeit von fast 58 Stunden der Umgang mit Bürokratie subjektiv besonders stark ins Gewicht fällt, erscheint verständlich.

Freilich gibt es eindeutig positive Entwicklungen: Zwischen 2007 und 2012 hat sich der Anteil der Ärzte, die darüber klagen, dass es für immer mehr Leistungen weniger Honorar gibt, von 79 auf knapp 60 Prozent vermindert. Das ist eine signifikante Verbesserung um fast 20 Prozentpunkte.

Sie korrespondiert mit den Ergebnissen anderer Umfragen, die auf eine bessere Einschätzung der eigenen wirtschaftlichen Situation der Ärzte hindeuten.

Dies sind Indizien dafür, dass der Paradigmenwechsel zu einer morbiditätsorientierten Vergütung durch den Gesetzgeber und die daraus resultierenden Honorarreformen auch in der subjektiven Wahrnehmung der Vertragsärzte angekommen sind. Wenn auch nicht zur vollkommenen Zufriedenheit.

Damit einher geht das Gefühl der Ärzte, wieder etwas mehr Handlungsspielräume bekommen zu haben: 68 Prozent sahen sich noch vor fünf Jahren eingeschränkt, 58 Prozent klagen aktuell darüber - zehn Prozentpunkte weniger.

In einem Punkt herrscht Realismus: die Arbeitsbelastung wird kaum abnehmen. Aber über die objektiv langen Arbeitszeiten klagen nur konstant 28 Prozent der Ärzte und empfinden sie als Beeinträchtigung.

Offenbar richtet man sich darauf ein, dass die Patientenprobleme nicht einfacher werden: deren - zu große - Erwartungen werden inzwischen von 37 Prozent der Ärzte als eine der gravierenden Belastungen empfunden.

30 Zeitungszeilen kompakt

Die subjektive Belastung durch administrative Aufgaben in den Praxen ist zwischen 2007 und 2012 weiter gestiegen: von 81 auf 85 Prozent aller Ärzte, die dies beklagen.

Tatsächlich wenden Hausärzte 13 Prozent ihrer Arbeitszeit für bürokratische Aufgaben auf. 79 Prozent der Arbeitszeit stehen unmittelbar dem Patienten zur Verfügung. Bei Psychotherapeuten ist der Administrationsanteil mit etwa 20 Prozent deutlich höher.

Subjektiv deutlich verbessert hat sich die Vergütungssituation in den vergangenen fünf Jahren. Dass es für immer mehr Leistungen weniger Honorar gibt, glauben aktuell noch knapp 60 Prozent der Ärzte, vor fünf Jahren waren es 79 Prozent.

Zu lange Arbeitszeiten beklagen immer mehr Ärzte: 36,7 Prozent empfinden dies so, 8,7 Prozent mehr als 2007. Objektiv gesehen gehören Ärzte mit einer 60-Stundenwoche zu den Vielarbeitern in der Gesellschaft.

[09.11.2012, 16:44:57]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
"Von der Wiege bis zur Bahre – Formulare, Formulare" (J. Nestroy 19. Jhdt.)
Die KPMG-Beratungsgesellschaft kam 2006 im Auftrag der KVWL nur bei den Dokumentations- und Informationspflichten auf 65 Rechtsvorschriften mit 281 Informationsanforderungen an Vertragsärzte/-innen. Daraus resultierten bundesweit hochgerechnet Bürokratiekosten von 1,6 Milliarden Euro. O h n e Verwaltungskosten bei selbstständiger Tätigkeit bzw. Überweisungen und Praxisgebühren (entfallen zum 1.1.2013), wohl gemerkt.

Sinnvolle Dokumentation, Qualitätssicherung und Transparenz sollen den prozess-, ergebnis- und risikoadaptierten Informationsfluss abbilden. Aber müssen es bei 145 GKV-Kassen wirklich 145 Extra-Formulare für Krankengeldzahlungen sein? Mit kleinen Kästchen, die handschriftlich mit Krankheitsbeginn, Dauer, Wiedervorstellung, Ende der AU und Diagnoseverschlüsselung nach ICD-10 ausgefüllt werden? Ein weiterer EDV-Ausdruck der Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung (AU) nach Muster 1 a würde genügen!

Wie singt Reinhard Mey im "Antrag auf Erteilung eines Antragsformular"?
"Schicken Sie uns sofort
Einen Antrag auf Erteilung eines Antragsformulars,
Zur Bestätigung der Nichtigkeit des Durchschriftexemplars,
Dessen Gültigkeitsvermerk von der Bezugsbehörde stammt
Zum Behuf der Vorlage beim zuständ‘gen Erteilungsamt."

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund  zum Beitrag »

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