Ärzte Zeitung, 16.05.2013

Schulen

Leistungsunterschiede werden größer

Sitzen in deutschen Gymnasien zu viele Schüler, die dort eigentlich gar nicht hingehören? Eine Studie informiert, wie wichtig dieses Problem für den Lehreralltag ist.

Leistungsunterschiede werden größer

Schulunterricht: Viele Pädagogen sind überzeugt, dass das Niveau in deutschen Schulen sinkt.

© Bernd Weißbrod/dpa

BERLIN. Die Leistungsunterschiede in deutschen Schulen wachsen, und das hat Folgen für den Unterricht. 42 Prozent aller Lehrer sind sicher, dass sie die Anforderungen an ihre Schüler in den letzten fünf bis zehn Jahren senken mussten, nur gut ein Drittel (35 Prozent) verlangt hingegen noch genauso viel.

Das hat eine repräsentative Studie des Instituts für Demoskopie Allensbach im Auftrag der Vodafone Stiftung Deutschland ergeben.

Besonders häufig bestätigen dabei Lehrer ab 55 Jahren, Lehrer mit mindestens 20-jähriger Berufserfahrung sowie Haupt- und Realschullehrer, dass sie ihre Anforderungen senken mussten (56 bis 58 Prozent).

Schüler, die eigentlich ungeeignet fürs Gymnasium sind, hat es sicher zu allen Zeiten gegeben. Fast zwei Drittel der in der Studie befragten Gymnasiallehrer (62 Prozent) sind aber der Ansicht, dass sich dieses Problem rasant verschärft hat.

Der Anteil von Schülern, die ein Gymnasium besuchen, obwohl sie für diese Schulform eigentlich nicht ausreichend qualifiziert sind, hat aus ihrer Sicht in den letzten Jahren zugenommen.

Auch diese Meinung wird von den ältesten und erfahrensten Gymnasiallehrern überdurchschnittlich stark geteilt (72 Prozent). Gleiches gilt für Lehrer an Gymnasien in den neuen Bundesländern (71 Prozent).

Die Studie der Vodafone Stiftung Deutschland deutet auch darauf hin, dass die konkrete Zusammenarbeit zwischen Eltern und Lehrern von beiden Seiten unterschiedlich bewertet wird.

Eltern nehmen stärker Einfluss

Einerseits sind fast sechs von zehn Eltern (59 Prozent) der Ansicht, dass deren Meinungen und Vorstellungen zu schulischen Themen für die Lehrer wichtig sind. Lediglich 23 Prozent der Eltern können sich hingegen vorstellen, dass Lehrer dies als Einmischung empfinden könnten.

Andererseits bestätigen fast zwei Drittel aller Lehrer (64 Prozent), dass Eltern immer stärker versuchen würden, Einfluss etwa auf die Unterrichtsgestaltung oder die Notenvergabe zu nehmen - eine Tendenz, die diese Lehrer mehrheitlich negativ bewerten (46 Prozent).

52 Prozent aller Lehrer sind überzeugt, dass die fachliche Leistungseinschätzung eines Kindes durch dessen Lehrer das entscheidende Kriterium zur Auswahl der weiterführenden Schule sein sollte. Kaum ein Viertel aller Lehrer (24 Prozent) hält hingegen die Ansichten der Eltern in dieser Frage für maßgeblich.

Wenn's um die Gestaltung des Unterrichts geht, sind sich Lehrer und Schüler einig, dass lehrplanrelevante Themen und Inhalte primär von den Lehrern vermittelt und möglichst nicht selbstständig von den Schülern erarbeitet werden sollten.

67 Prozent aller Lehrer sind der Meinung, dass diese Art der Unterrichtsgestaltung größere Lernerfolge für die Schüler zeigt, und 58 Prozent sind überzeugt, dass Konzepte des "freien Lernens" oder "offenen Unterrichts" die meisten Schüler überfordern würden.

Auch Schüler bestätigen mit deutlicher Mehrheit von insgesamt 61 Prozent, dass sie den Schulstoff lieber von ihren Lehrern beigebracht bekommen möchten.

Unter den Eltern befürwortet ebenfalls die Hälfte aller Befragten (50 Prozent) eine Unterrichtsgestaltung nach den Vorgaben der Lehrer, während gut ein Drittel (34 Prozent) für eine größere Selbstständigkeit der Schüler plädiert.

Keine Chancengerechtigkeit

Fast zwei Drittel der Lehrer in Deutschland bezweifeln, dass Schüler ungeachtet ihrer sozialen Herkunft die gleichen Bildungschancen haben: 61 Prozent sehen eine Chancengerechtigkeit an deutschen Schulen grundsätzlich nur unzureichend oder überhaupt nicht gegeben.

Drei Viertel der Lehrer (74 Prozent) sind zudem der Ansicht, dass eine individuelle Förderung einzelner Schüler - zum Beispiel zur Verringerung bestehender Leistungsunterschiede - im Rahmen der Lehrpläne kaum oder gar nicht möglich ist.

Die Ergebnisse sind Teil einer aktuellen Studie mit dem Titel "Hindernis Herkunft: Eine Umfrage unter Schülern, Lehrern und Eltern zum Bildungsalltag in Deutschland", die das Institut für Demoskopie Allensbach im Auftrag der Vodafone Stiftung Deutschland gemacht hat.

Neben einem repräsentativen Querschnitt von Lehrern an allgemeinbildenden Schulen in Deutschland wurden dafür insgesamt 1804 bevölkerungsrepräsentativ ausgewählte Personen ab 16 Jahren befragt, darunter 543 Eltern schulpflichtiger Kinder. (eb)

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