Ärzte Zeitung, 06.03.2006

Tauchurlaub ist für chronisch Kranke nicht unbedingt tabu

Gründlicher Check von Herz, Lunge und Ohren empfohlen / Provokationstests bei Asthmatikern sinnvoll / Externe Otitis ist bei Tauchern häufig

ULM. Tauchen in den Tropen ist für viele Deutsche der Höhepunkt des Jahres. Und viele Taucher wollen sich vor dem Urlaub ärztlich untersuchen lassen. Eine solche Tauch-Tauglichkeits-Untersuchung sollten Ärzte nicht auf die leichte Schulter nehmen: Denn stellt sich heraus, daß ein Taucher einen Unfall hatte, weil Kontraindikationen übersehen wurden, muß der jeweilige Arzt mitunter dafür haften.

Von Thomas Meißner

Das Belastungs-EKG ist zur Überprüfung der Tauch-Tauglichkeit bei über 40jährigen unerläßlich. Foto: sbra

Bei jedem zweiten Tauchunfall seien medizinische Risikofaktoren von Bedeutung, berichten Dr. Claus-Martin Muth von der Universität Ulm und seine Kollegen in der "Münchner Medizinischen Wochenschrift" (27 / 28, 2005, 24).

Wolle jemand vom Arzt die Tauch-Tauglichkeit bestätigt haben, gehe es im Prinzip darum, potentielle Kontraindikationen aufzudecken oder - bei bereits bestehenden Krankheiten - eine Risikoabwägung vorzunehmen. Das Hauptaugenmerk gilt dabei dem Herz-Kreislauf-System, den Atemorganen und den Ohren.

Ruhe-EKG und Spirometrie sind Basisuntersuchungen

Basistests nach gründlicher Anamnese und klinischer Untersuchung sind ein Ruhe-EKG, die Spirometrie sowie die Inspektion der Trommelfelle. "Bei Tauchern über 40 Jahren sollte auch eine Ergometrie mit Belastungs-EKG gemacht werden", fordern Muth und seine Kollegen.

Auf der Liste der absoluten Tauch-Kontraindikationen, die es bei der Gesellschaft für Tauch- und Überdruckmedizin (GTÜM) gibt, stehen etwa "Zustand nach Myokardinfarkt" oder "Lungenerkrankungen mit respiratorischer Globalinsuffizienz". Länger ist schon die Liste der relativen Kontraindikationen.

Denn auch bei gesundheitlichen Einschränkungen oder bei bestehenden chronischen Erkrankungen der Atmungs- und Herz-Kreislauforgane ist Tauchen gefahrlos möglich. Um dies beurteilen zu können, rät Muth jedoch, mit entsprechenden Fachärzten zusammenzuarbeiten.

Auch Patienten mit einem Glaukom könnten durchaus tauchen, solange der Nervus opticus nicht geschädigt sei, so Muth. Und Asthmatiker, die unter regelmäßiger Medikation weitgehend beschwerdefrei sind, müssen auf den Unterwasser-Spaß nicht immer verzichten. Zuvor sollte jedoch bei einem Pneumologen ein Provokationstest vorgenommen werden.

Denn die sehr trockene und kalte Inspirationsluft beim Tauchen ist ein Reiz, der zu Bronchospasmen führen kann. Herzklappen-Insuffizienzen sind tolerabel, solange sie hämodynamisch nicht von Bedeutung sind.

Dagegen führe jede Form der Belüftungsstörung in Ohren und Nasen zumindest vorübergehend zum Tauchverbot, so die Experten von der GTÜM. Das Gleiche gelte für ein perforiertes Trommelfell oder atrophe Narben im Trommelfell. Es sei auch nicht sinnvoll, solchen Patienten Tauchen bis zu einer bestimmten Tiefe zu erlauben, denn die relativ größte Druckbelastung trete bereits während der ersten zehn Tiefenmeter auf.

Aber auch wer tauchtauglich ist, sollte besonders auf seine Ohren achten. So sei eine externe Otitis ein häufiges Problem von Tauchern. Der ständige Wasserkontakt weicht die Gehörgangshaut auf, wodurch Bakterien eindringen können, zumal in feuchtwarmen Regionen, wo das Wasser viele Schwebeteilchen enthält. Die schützende Fettschicht im Ohr werde durch das Meerwasser zerstört, berichtet Muth (MMW 27 / 28, 2005, 28).

Das Ausspülen der Gehörgänge mit sauberem Süßwasser nach jedem Tauchgang und die zusätzliche Desinfektion mit alkoholischer Essigsäure (Taucherohrentropfen) seien daher wichtige vorbeugende Maßnahmen. Essig wirkt keimtötend und erhält den physiologischen pH-Wert der Gehörgangshaut. Abschließend kann etwas Baby- oder Olivenöl in den Gehörgang geträufelt werden.

Leichte Dehydrierung durch trockene Luft im Flugzeug

Ein weiterer Tip von Muth und seinen Kollegen: Tauchen ist nicht nur kurz vor dem Rückflug tabu, auch nach dem Hinflug in die Tauchregion sollte man nicht gleich unter Wasser gehen: Beim Hinflug ist man wegen der sehr trockenen Luft im Flugzeug etwas dehydriert. Die Reizung der Schleimhäute könne zu Problemen beim Druckausgleich führen.

Zusätzlich erhöhe der Flüssigkeitsverlust das Risiko für einen Dekompressionsunfall. Je nach Flugzeit sollte man sich bis zu zwei Tagen Ruhe gönnen, bevor man mit den Fischen schwimmen geht. Auch zum Rückflug sollte ein 12- bis 24stündiger Abstand gehalten werden.

Die Gesellschaft für Tauch- und Überdruckmedizin (GTÜM) hat Empfehlungen zur Untersuchung von Tauchsportlern erstellt. Außerdem bietet sie Kurse zur Tauch-Tauglichkeits-Untersuchung an. Weitere Informationen gibt es im Internet unter http://www.gtuem.de.

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