Ärzte Zeitung, 03.06.2009

Priorisierung erhitzt nicht nur die Gemüter von Ärzten

Wer soll welche Leistungen bekommen? Da gehen die Meinungen in der Gesellschaft weit auseinander

BREMEN (cben). Der Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Bischof Wolfgang Huber, hat auf dem Bremer Kirchentag mehr Eigenverantwortung von den Patienten gefordert.

Priorisierung erhitzt nicht nur die Gemüter von Ärzten

Plädiert für starke Eigenverantwortung: der Berliner Bischof Wolfgang Huber.

Foto: dpa

Auf der Veranstaltung "Medizin bei knappen Kassen. Wie begrenzen wir medizinische Leistungen?" lehnte Huber eine mögliche Rationierung von medizinischen Leistungen ab. Er unterstrich aber, dass die Patienten verpflichtet seien, verantwortlich mit ihrer Gesundheit und ihrem Körper umzugehen. Auf der anderen Seite sei es die Aufgabe des Staates, bei der Gesundheitsversorgung für Gerechtigkeit zu sorgen. Hier sieht der Ratsvorsitzende indessen erhebliche Defizite.

Längst habe man bei den Zugangsmöglichkeiten zur medizinischen Versorgung "ein Gerechtigkeitsproblem", so Huber, der auch Bischof von Berlin, Brandenburg und der schlesischen Oberlausitz ist, vor mehreren tausend Zuhörern in der Halle 4 des Bremer Messezentrums. Chronisch Kranke würden bereits jetzt benachteiligt. Es sei aber "ein Gebot der Gerechtigkeit, zuallererst Rationalisierungsreserven zu heben, bevor man an Rationierungen geht." So habe er sich selber mehrfach "an ziemlich trickreichen Versuchen" beteiligt, dem Ärztemangel in seiner Heimat beizukommen.

Stefan Etgeton, Gesundheitsexperte beim Bundesverband der Verbraucherzentralen und Theologe wie Huber, hat zwar in seinem Vortrag die Rationierung und Priorisierung im Gesundheitswesen kritisiert. "Unser Problem sind aber viel eher Unter-, Über- und Fehlversorgung", erklärte Etgeton. In der gesetzlichen Krankenversicherung sieht er aber kein Instrument der Gerechtigkeit, sondern "System gewordene Barmherzigkeit, in dem die Starken die Schwachen tragen." Dieses System mute es der Gesellschaft zu, "dass auch die Dicken und die Raucher und die, die sich selber gefährden, Zugang zur Versorgung erhalten", so Etgeton.

Der Sozialmediziner Heiner Raspe aus Lübeck versuchte den Eindruck zu zerstreuen, Priorisierung sei gleichbedeutend mit einem Kehraus in der Gesundheitsversorgung. Mit Hinweis auf Versuche in Schweden, wo Priorisierung bei mehreren Diagnosen bereits Realität sei, erklärte Raspe: "Priorisierung schließt eigentlich nichts aus." Sie gebe aber gedankliche Ordnung, um zu entscheiden, was in der Versorgung am dringlichsten ist. In Deutschland dagegen erkennt Raspe "das Diktat der Ökonomie. Wenn Ärzte merken, dass sie ökonomisch gesteuert werden, werden sie selbst ökonomisch. Dadurch entsteht eine Ökonomisierung, die den Geist des Systems auffrisst."

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