Ärzte Zeitung, 26.05.2010

Psychotherapeuten fordern Reform der Bedarfsplanung

Sektorübergreifende Versorgung soll Engpässe vermeiden

BERLIN (sun). Psychotherapeuten mahnen eine Reform der Bedarfsplanung an. Diese gibt nach Ansicht der Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK) den Versorgungsbedarf falsch wieder. Nach wie vor gebe es ein Defizit in der Versorgung psychisch kranker Menschen.

Die Verhältniszahlen von Psychotherapeut je Einwohner seien vor elf Jahren festgelegt worden und beruhten auf den Zulassungen bis zum 31. August 1999, so die BPtK. Anlässlich des zu dieser Zeit in Kraft getretenen Psychotherapeutengesetztes sei der damalige Ist-Zustand zum Versorgungs-Soll erklärt worden - tatsächlich seien jedoch viele Gebiete unterversorgt. "Im Stadtgebiet Heidelberg gibt es so viele Psychotherapeuten wie in Sachsen-Anhalt. Das ist eine katastrophale Ungleichverteilung", sagte der Chef der Deutschen PsychotherapeutenVereinigung (DPtV), Dieter Best, der "Ärzte Zeitung".

In ländlichen Regionen werde ein Psychotherapeut auf 23 106 Einwohner gerechnet, während in Städten ein Psychotherapeut für 2577 Einwohner vorgesehen sei. Bundesweit stehen immer noch etwa fünf Millionen psychisch kranken Menschen im Jahr nur 1,5 Millionen Behandlungsplätze (90 000 davon im Krankenhaus) gegenüber. Monatelange Wartezeiten auf einen Behandlungsplatz sind die Regel.

Und der Bedarf steigt: "Deutsche Arbeitnehmer sind immer häufiger aufgrund von psychischen Erkrankungen arbeitsunfähig", sagte BPtK-Chef Professor Rainer Richter. Um die Versorgung dennoch sicherzustellen, plädieren die Psychotherapeuten für eine kleinteilige und sektorübergreifende Bedarfsplanung - so wie es kürzlich von der Union vorgestellt wurde (wir berichteten). Nur so könne eine wohnortnahe Versorgung sichergestellt werden. Es sei geplant, Gremien der gemeinsamen Selbstverwaltung zu schaffen. "Daran müssen auch die Psychotherapeutenkammern beteiligt werden", forderte Best. Dies sei aber bisher nicht vorgesehen.

Daher ginge es jetzt darum Versorgungsengpässe zu vermeiden. Der ambulante Bereich sollte innovative Versorgungskonzepte entwickeln, so Richter. Viele psychisch kranke Menschen bräuchten eine sektorenübergreifend abgestimmte Versorgung - unter anderem durch multiprofessionell zusammengesetzte Teams aus Psychotherapeuten, Ärzten und Pflegepersonal. Zu häufig würden Patienten stationär behandelt werden - die ambulanten Versorgungsmöglichkeiten reichten nicht aus.

Ein neues Versorgungskonzept bietet zum Beispiel die Techniker Krankenkasse (TK): Seit Anfang des Jahres setzt die TK verstärkt auf ambulante Versorgung statt auf stationäre Unterbringung. Psychisch kranke Menschen sollen mit Hilfe eines vernetzten Teams ambulant begleitet werden. Vor allem sollen teuere und unnötige Krankenhausaufenthalte vermieden werden (wir berichteten).

Lesen Sie dazu auch den Kommentar:
Psychotherapeuten finden kein Gehör

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