Ärzte Zeitung, 17.11.2010

Hintergrund

Kein empirischer Nachweis für den Ärztemangel

Medizinstudenten wollen nicht mehr Arzt werden? Einen statistischen Beweis dafür sieht der Medizinische Fakultätentag nicht.

Von Anno Fricke

"Ärztemangel gibt's nicht und wird es auch nicht geben"

Keine Lust auf Arzt? Nach Ansicht von Dr. Volker Hildebrandt ist diese Behauptung schlicht falsch.

© Steinach / imago

BERLIN. Die von großen Medien immer wieder verbreitete Behauptung, dass nahezu jeder zweite Medizinstudent nicht mehr Arzt werde, sei falsch, sagte Dr. Volker Hildebrandt beim Herbstforum der deutschen Hochschulmedizin.

Im Gegenteil: Es gebe keinen empirischen Nachweis für einen bestehenden beziehungsweise bevorstehenden Ärztemangel, sagte der Generalsekretär des Medizinischen Fakultätentages. Die Absolventenzahlen an den Hochschulen lägen seit mehr als einem Jahrzehnt konstant bei etwa 9000 Jungmedizinern im Jahr. Von dem unterstellten Schwund sei nur ein gutes Drittel nachweisbar.

Von den 11 660 Studienanfängern des Jahres 1997 sollen zwölf Semester später gerade einmal 6802 den weißen Arztkittel übergezogen haben. Das sind Zahlen, die die Kassenärztliche Bundesvereinigung und die Bundesärztekammer vorgelegt hatten.

Hildebrandt kann diese Zahlen allerdings nicht nachvollziehen. Seinen Recherchen zufolge hätten damals lediglich 10 769 junge Menschen das Medizinstudium aufgenommen, von denen immerhin 8902 das Staatsexamen abgelegt hätten. Heute beendeten mehr als 90 Prozent aller Studienanfänger das Medizinstudium mit Erfolg.

Bis 2020 würden etwa 70 000 Ärzte benötigt, davon rund 51 000 Vertragsärzte. Die würden schon vom bisherigen Ausbildungsbetrieb zur Verfügung gestellt. Die Zahl der niedergelassenen Ärzte steige kontinuierlich - von etwa 95 000 im Jahr 1990 auf derzeit rund 140 000.

Um einen Sicherheitspuffer zu haben, empfahl Hildebrandt, trotzdem die Zahl der Studienplätze um etwa 1000 aufzustocken. 415 Millionen Euro im Jahr müssten die Länder dafür in etwa aufwenden.

Dennoch tun sich in der ärztlichen Versorgung Lücken auf. Dies gilt sowohl in der haus- und fachärztlichen Versorgung auf dem flachen Land als auch in den Krankenhäusern, vor allem kleinen Häusern mit weniger als 300 Betten. Dort seien etwa vier Prozent der ausgeschriebenen Stellen bis zu drei Monaten vakant, hat das Deutsche Krankenhaus-Institut festgestellt.

Insgesamt seien regelmäßig 6000 Krankenhausstellen und etwa 3600 Vertragsarztsitze nicht besetzt, stellen die zuständigen Verbände und Kammern fest. Für Hildebrandt ist das allerdings kein Problem.

Es gebe viele Tausend Ärzte, die zum Beispiel aus familiären Gründen ihre Karriere unterbrochen hätten und gerne wieder in den Beruf einsteigen würden. Anstatt Ärzte für Deutschland im Ausland anzuwerben, sollten die Angehörigen dieser stillen Reserve Angebote erhalten, ihr Fachwissen aufzufrischen.

Auch der Ministerialdirigent im Bundesgesundheitsministerium Dr. Volker Grigutsch, vermochte nach den ihm vorliegenden Zahlen keinen Ärztemangel festzustellen. Etwa 94 Prozent aller Absolventen landeten in der Krankenversorgung, erläuterte er.

Unattraktiv sei der Beruf keinesfalls. Auf jeden Studienplatz kämen aktuell immerhin 4,4 Bewerber. Vor zehn Jahren seien es nur 2,55 Bewerber gewesen.

Die Abwanderung ins Ausland stellt sich aus Sicht von Grigutsch ebenfalls nicht als Problem dar. Auslandsaufenthalte würden für die Berufsbiografie sogar ausdrücklich empfohlen. Derzeit arbeiten nach seinen Angaben 17 000 deutsche Ärzte im Ausland. Dafür würden etwa 20 000 ausländische Ärzte in Deutschland beschäftigt.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar:
Kein Raum für Interpretationen

[22.11.2010, 20:07:32]
Dr. Reiner Blessing 
Ärtztemangel gibt es nicht - aber einen Mangel an bezahlter ärztl. Arbeit !
Viele in Deutschland hätten gerne mehr ärztliche Leistungen, z.B. Ultraschall- Untersuchungen, Endoskopien, ambulante Operationen , eine medikamentöse Therapie mit hochwertig. Medikamenten. Nur - sie sind dafür nicht versichert. Nach Paragr. 12 des Soz.Gesetz-Buches V (SGB V) ist nur eine ausreichende (Schulnote 4) Behandlung versichert. Deshalb stellen die Kassen für eine Behandlung auch nur 20-40 Euro pro Vierteljahr zur Verfügung. Dies ist für schwer kranke Patienten lediglich ein Tropfen auf den heißen Stein. Reichlich eigene Mittel (Vermögen) haben in Deutschland nur wenige. Deshalb findet die eigentl. wünschenswerte und medizin. durchaus mögliche Behandlung nicht statt - und der ärztl. Nachwuchs geht zu Recht ins Ausland. So zügig es eben geht. Was soll er auch hier ? zum Beitrag »
[19.11.2010, 18:38:19]
Dr. Michael Denkinger 
Die Sicht eines betroffenen Assistenten
Für betroffene Assistenten, die, auch in potentiell wohl gelittenen Städten, mit Nicht-besetzten Stellen leben müssen, ist diese Aussage auch nach der Richtigstellung keine Hilfe.

Als wichtigsten Indikator des Mangels sollte die Öffentlichkeit die steigende Zahl unbesetzter Stellen registrieren. Sicherlich gibt es Reserven, welche die Kliniken über adäquate Arbeitszeitmodelle und evtl. Ausbau der Kinderbetreuung (anderes Thema!) ausschöpfen könnten und müssten, aber auch hier stoßen sie an Grenzen.

Wichtig ist, dass, wie von Herrn Dr. Günterberg ins seinem Leserbrief erwähnt, auf steigende Anforderungen bei kürzeren Arbeitszeiten, zunehmende Teilzeitstellen und geringe Überstunden hingewiesen wird. Allein die Anzahl der Ärzte oder Absolventen hilft in der Diskussion nicht weiter!

Beste Grüße
Dr. med. Michael Denkinger zum Beitrag »
[18.11.2010, 16:52:24]
Dr. Volker Hildebrandt 
In dem Artikel von Herrn Anno Fricke vom 17.11.2010 in der Ärzte Zeitung

"Ärztemangel gibt's nicht und wird es auch nicht geben"

Der Generalsekretär des Medizinischen Fakultätentages ist absolut sicher: Deutschland hat genügend Ärzte

wird durch die Anführungszeichen in der Überschrift und den Untertitel der Anschein erweckt, dass hier ein Zitat des Generalsekretärs des Medizinischen Fakultätentages (MFT) veröffentlicht wurde. Richtig ist jedoch, dass dies keine Aussage des MFT-Generalsekretärs ist und eine derartige Aussage von ihm auch nie gemacht wurde.

Ferner schreibt Herr Fricke:

"Es gebe keinen empirischen Nachweis für einen bestehenden beziehungsweise bevorstehenden Ärztemangel, sagte der Generalsekretär des Medizinischen Fakultätentages."

Auch hier handelt es sich um eine falsche Zuschreibung eines Zitates. Richtig ist, dass der MFT-Generalsekretär den Bericht des Vorsitzenden des Wissenschaftsrates vom Juli 2010 wörtlich zitiert hat:

"Es liegt also ein spezifisches Verteilungsproblem vor, während der Behauptung eines allgemeinen Mangels an ärztlichem Personal die empirische Grundlage fehlt." Professor Dr. Peter Strohschneider, Wissenschaftsrat, Juli 2010.

Dr. Volker Hildebrandt
Generalsekretär des Medizinischen Fakultätentages

 zum Beitrag »
[17.11.2010, 21:36:20]
Dr. Klaus Günterberg 
MIT DEN BEHAUPTUNGEN VON GENERALSEKRETÄREN IST ES SO EINE SACHE
Mit den Behauptungen von Generalsekretären ist es so eine Sache, Deutschland hat da einschlägige Erfahrungen gesammelt. Sicher zu sein, behaupteten Sie immer, oft aber stellten sich die Dinge dann doch anders dar. Und nun machen ihnen noch Ministerialdirigenten Konkurrenz.

Behauptet wird in Sachen „Ärztemangel“ von allen Seiten vieles. Richtig ist: Deutschland hat heute mehr Ärzte als je zuvor. Und dennoch gibt es einen zunehmenden Ärztemangel, in Stadt und Land, bei Haus- und Fachärzten, in Niederlassungen und Kliniken (valide Zahlen existieren). Wie passt das zusammen? Wie kommt das?

Weil: Ärzte weniger Überstunden als früher machen. Und weil es neue ärztliche Aufgaben in großem Umfang gibt. Und weil die Informatik - völlig anders als in Handel und Industrie - zusätzlichen ärztlichen Bedarf generiert hat. Und aus vielen anderen Gründen.

Weil: Seit der Arbeitszeitbegrenzung in den Kliniken die Zahlen vor 2007 nicht mehr mit heutigen Arztzahlen vergleichbar sind.

Weil: Wir eine deutliche Abwanderung deutscher Ärzte haben. Von zehn hier ausgebildeten Ärzten verlassen drei unser Land.

Und: Weil wir zwar eine deutliche Zuwanderung ausländischer Ärzte haben. Die aber haben eine Arbeitslosenquote von 18 Prozent.

Es gäbe zu dem Thema noch viel mehr zu sagen, das das Wesentliche ist aber schon geschrieben. Bitte lesen Sie dazu ausführlich nach unter: www.dr-guenterberg.de/Publikationen unter "Ärztemangel"

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Günterberg
Gynäkologe, Berlin
 zum Beitrag »

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