Ärzte Zeitung, 18.03.2011

Hilfe für Frauen, die Opfer von Gewalt wurden

Anfragen kommen aus ganz Deutschland: Ein Netzwerk im Ennepe-Ruhr-Kreis in NRW unterstützt Ärzte beim Erkennen und Betreuen von Frauen, die körperlich, psychisch oder sexuell misshandelt worden sind.

Von Friederike Krieger

Hilfe für Frauen, die Opfer von Gewalt wurden

Frauen schweigen oft über Gewalt, die ihr der Ehemann zufügt. Auch ohne erkennbare Verletzungen können Ärzte Gewaltopfer erkennen.

© grassegger / imago

KÖLN. Opfer häuslicher Gewalt sprechen in der Arztpraxis ungern über ihre Probleme - und Mediziner fragen oft nicht danach. Das Netzwerk "Gesine Netzwerk Gesundheit. EN" im Ennepe-Ruhr-Kreis will das ändern.

Es unterstützt Mediziner beim Erkennen und Betreuen von Frauen, die körperlich, psychisch oder sexuell misshandelt worden sind. Träger des 2004 gegründeten Netzwerks ist der Verein Frauen helfen Frauen EN, der im Ennepe-Ruhr-Kreis ein Frauenhaus und eine Beratungsstelle betreibt.

"Die Frauen berichteten oft, dass sie einen Besuch beim Arzt gescheut haben", sagt Diplom-Sozialpädagogin Marion Steffens, Gründerin des Netzwerkes. Andere hätten dem Mediziner nichts von ihren Problemen erzählt, weil sie nicht glaubten, dass er ihnen helfen kann.

Oft fehlt im Praxisalltag die nötige Zeit

Auch die Ärzte sprechen das Thema von sich aus selten an, so Steffens Erfahrung. "Viele sehen das als soziales Problem an, das nicht in ihren Aufgabenbereich fällt", sagt sie. Oft fehle im Praxisalltag aber auch die Zeit, um über häusliche Gewalt zu sprechen - vor allem, wenn der Arzt nicht weiß, wie er das am besten bewerkstelligt.

Das Netzwerk bietet niedergelassenen Mediziner, Klinikärzten, aber auch Angehörigen anderer Gesundheitsberufe wie Physiotherapeuten Fortbildungen zum Thema häusliche Gewalt an.

So hat "Gesine" etwa eine Liste mit Merkmalen für Mediziner unterschiedlicher Fachgruppen zusammengestellt, an denen sie Gewaltopfer erkennen können. Denn nicht immer sind die Hinweise so offensichtlich wie ein blaues Auge oder Prellungen.

"Viele Frauen leiden unter psychosomatischen Störungen, an Schlaflosigkeit oder undifferenzierten Schmerzen, und haben schon eine Odyssee über mehrere Ärzte hinter sich", sagt Steffens.

Hausärzte sollten hellhörig werden, wenn Frauen über unklare gesundheitliche Störungen klagen. Die Probleme zu Hause führen aber auch zu Magen-Darm-Problemen oder Herzerkrankungen, berichtet sie.

Übungen zur Gesprächsführung

Zudem stehen Übungen zur Gesprächsführung mit der Patientin auf dem Programm - sowie die gerichtsfeste Dokumentation etwaiger Verletzungen. Darüber hinaus bietet das Netzwerk Medizinern Informationsmaterial für die Patientinnen und vermittelt Kontakte zu weiterführenden Hilfsangeboten. Das sei besonders wichtig, so Steffens. "Nur wenn die Ärzte wissen, wohin sie eine Patientin vermitteln können, sind sie in der Lage zu helfen."

Die Qualität der Versorgung von Gewaltopfern im Ennepe-Ruhr-Kreis habe sich durch die Arbeit des Netzwerks verbessert, glaubt Steffens. "Die Ärzte entdecken mehr gewaltbetroffene Patientinnen in ihren Praxen, auch die Frauen bemerken einen Unterschied", sagt sie.

Bald wird es dazu genauere Daten geben. Als Teil des vom Bundesfamilienministerium geförderten Modellprojekts "Medizinische Intervention gegen Gewalt an Frauen" hat das Netzwerk mit 31 niedergelassenen Ärzten aus dem Kreis besonders intensiv zusammengearbeitet und Daten über den Erfolg des Angebots erhoben.

Insgesamt gehören dem Netzwerk rund 80 Akteure aus dem Gesundheitswesen der Region an. "Wir erhalten inzwischen auch Anfragen aus dem gesamten Bundesgebiet", sagt Steffens. Vor kurzem hat das Netzwerk einen Preis beim Wettbewerb "365 Orte im Land der Ideen" gewonnen, einer Initiative der Bundesregierung und der Industrie.

Weitere Informationen unter: www.gesine-net.info

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