Ärzte Zeitung, 12.01.2012

Thüringens Gesundheitswirtschaft boomt

Trotz strukturschwacher Regionen und einer alternden Bevölkerung blüht in Thüringen der Gesundheitssektor auf. Ein Gutachten beziffert die Wirtschaftskraft des größten Arbeitgebers im Freistaat - und stellt der Branche ein gutes Zeugnis aus.

Von Robert Büssow

ERFURT. Das über Jahrzehnte geprägte Negativ-Image vom Gesundheitssektor als teurem Kostgänger des Staates hat sich in den vergangenen Jahren massiv gewandelt. So wurde aus dem lästigen Gesundheitswesen die lukrative Gesundheitswirtschaft.

Die milliardenschwere Branche boomt, ist krisensicher, lokal verwurzelt und arbeitsintensiv. Diese Vorzüge hat längst auch die Politik erkannt, wie der "Gesundheitswirtschaftsbericht" zeigt, den das Thüringer Sozialministerium vorgelegt hat.

Die Autoren der Universität Jena hantieren mit dem Vokabular der Ökonomie: Die Gesundheitsbranche erreichte 2008 in Thüringen eine Bruttowertschöpfung von 3,9 Milliarden Euro - das entspricht einem Anteil von gut zehn Prozent und ist mehr, als Bau- oder Metallindustrie in Thüringen erwirtschaften.

Wachstumsrate liegt über dem Schnitt der Thüringer Wirtschaft

Auch die Wachstumsrate liegt deutlich über dem Schnitt der Thüringer Wirtschaft: Im Jahr 2000 wurden erst 2,9 Milliarden Euro umgesetzt. Natürlich speist sich ein großer Teil der Umsätze aus öffentlichen Transferleistungen des Staates, der Kranken- und Pflegekassen, wie die Autoren zugeben.

"Allerdings wird vielfach nicht berücksichtigt, dass der öffentlichen Hand auch direkt messbare Einnahmen durch die Einrichtungen zufließen." Gemeint sind Sozialbeiträge, Lohn-, Umsatz- und Gewerbesteuern, aber auch Investitionen.

Nicht zu vergessen die Opportunitätskosten, die gespart werden, weil ein Arbeitnehmer wieder gesund oder gar nicht erst krank wird. Leider unternehmen die Autoren nicht den Versuch, den Rückfluss in die Staatskasse zu beziffern.

Viele Regionen sind strukturschwach

Sie führen neben den monetären vor allem die weichen Faktoren ins Feld. Das ist gerade für Thüringen relevant. Das kleine Bundesland mit seinen 2,24 Millionen Einwohnern leidet unter einem anhaltenden Bevölkerungsverlust. Viele Regionen sind strukturschwach.

Der Gesundheitssektor ist dem Bericht zufolge hingegen ein "stabiler Wirtschaftspartner", auf den Verlass ist, weil er seinen Standort nicht ins Ausland verlagern kann. In seinem Kernbereich beschäftigt er in Thüringen 62 400 Menschen - etwa sieben Prozent der Sozialversicherungspflichtigen - und zählt damit zu den größten Arbeitgebern.

Unter den Top Ten der Thüringer Unternehmen rangieren zwei Krankenhäuser. Seit 1999 ist die Zahl der Beschäftigten um 14 Prozent gestiegen. Allein an den 42 Kliniken, gleichmäßig im Land verteilt, sind 27 600 Ärzte und Krankenschwestern beschäftigt.

Das "Humankapital" arbeitet und konsumiert weitgehend lokal

Hinzu kommt ein dichtes Netz an Apotheken, deren Zahl sich seit 1990 auf 583 fast verdoppelt hat, sowie der ambulante Sektor. Dieses "Humankapital" arbeitet und konsumiert weitgehend lokal. Gleichzeitig hat sich der Anteil der Teilzeitbeschäftigten seit 1999 auf 29 Prozent fast verdoppelt.

Unter Pflegehelfern und Apothekern (etwa 40 Prozent) ist er besonders hoch, bei Ärzten (elf Prozent) am geringsten. Ein weiterer Vorzug der Branche: Die Jobs sind nicht export- und damit konjunkturabhängig, ein stabilisierender Faktor in einer Finanzkrise.

Die Autoren prognostizieren der Gesundheitsbranche weiterhin rosige Zeiten. Der demografische Wandel beschert Thüringen immer mehr ältere, multimorbide und chronisch kranke Patienten. Im Jahr 2030 wird jeder dritte Thüringer älter als 65 Jahre sein.

Auch die Zahl der Pflegebedürftigen steigt. Mit ihnen der Bedarf an Fachkräften - dem Markt droht der Pflegenotstand, was steigende Preise und Umsätze verspricht. Weitere Triebfedern sind ein größeres Gesundheitsbewusstsein und der medizinisch-technische Fortschritt.

Längst hat sich um den einst rein staatlichen Kernbereich ein hoch lukrativer, schnell wachsender Markt für Health-Care aus Wellness und Gesundheitstourismus angesiedelt, wie die Autoren zeigen. Die Zahl der Heilpraktiker, Masseure und Krankengymnasten legte in den vergangenen zehn Jahren in Thüringen um fast 80 Prozent zu.

Boom-Branche Gesundheitswirtschaft in Thüringen
Veränderung der Beschäftigtenzahl zwischen 1999 und 2010
1999 2010 Veränderung 1999 bis 2010
Krankenschwestern, -pfleger,
Hebammen
20.589 21.114 + 3 %
Sprechstundenhelfer 12.355 12.950 + 5 %
Ärzte 7.604 8.269 + 9 %
davon SV-beschäftigte Ärzte 4.266 5.408 + 27 %
Helfer in der Krankenpflege 3.975 6.450 + 62 %
Masseure, Krankengymnasten
und verwandte Berufe
2.925 5.347 + 83 %
Medizinlaboranten 2.754 2.811 + 2 %
Zahnärzte 2.115 2.074 - 2 %
Apotheker 1.415 1.300 - 8 %
Diätassistentinnen, pharmazeutisch-techn. Assistentinnen 828 1.863 + 125 %
Heilpraktiker 124 225 + 81 %
Gesamt 54.684 62.403 + 14 %
Quelle: Bundesagentur für Arbeit - Tabelle: Ärzte Zeitung

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