Ärzte Zeitung, 20.08.2012

Umfrage

Deutsche wollen zuhause sterben

Was die meisten schon geahnt haben, ist Gewissheit: Die Deutschen wollen lieber daheim sterben als im Krankenhaus. Und zwar so: begleitet, betreut und schmerzfrei - am besten organisiert vom Hausarzt.

Von Anno Fricke

Deutsche wollen zuhause sterben

Sterben - Wunsch und Wirklichkeit - die Zahlen sprechen für sich.

BERLIN. Der Trend ist eindeutig. Wer sich mit dem eigenen Tod auseinandersetzt, wünscht sich in der Regel, zu Hause zu sterben. Das bestätigt eine aktuelle Umfrage der Forschungsgruppe Wahlen im Auftrag des Deutschen Hospiz- und Palliativverbandes (DHPV).

66 Prozent derjenigen, die sich darüber Gedanken gemacht haben, hegen diesen Wunsch. Weitere 18 Prozent wollen ihre letzten Tage in einem Hospiz verbringen.

Aus den Ergebnissen der Umfrage spricht ein Grundvertrauen der Menschen in persönliche Netzwerke und die medizinische Versorgung zu Hause. "Begleitet, betreut, ohne Schmerzen", bringt es die ehemalige Bundesjustizministerin und Schirmherrin des DHPV Herta Däubler-Gmelin auf den Punkt, wie sich die Menschen das Programm der letzten Reise wünschen.

Zu Hause ist (fast) alles gut, in der Klinik nicht

Mehr als 90 Prozent der Befragten und immerhin 76 Prozent der alleinlebenden Menschen geht davon aus, dass sich Angehörige, Freunde und Nachbarn bei Krankheit und Pflegebedürftigkeit um sie kümmern.

72 Prozent schätzen die Schmerztherapie eines ihnen nahe stehenden Menschen zu Hause als gut ein. Die Wahrnehmung der Palliativbehandlung in Krankenhäusern schneidet schlechter ab. 49 Prozent empfanden sie für einen ihnen nahe stehenden Patienten als gut.

Für die DHPV-Vorsitzende Dr. Birgit Weihrauch sind die Antworten einerseits ein Beleg dafür, dass dem persönlichen Netzwerk ein gut ausgebautes Versorgungs- und Betreuungsnetzwerk zur Seite gestellt werden muss. Andererseits auch dafür, dass das Schmerzempfinden nicht nur von der medizinisch-pflegerischen Versorgung, sondern auch vom Umfang der psychosozialen und spirituellen Betreuung, Geborgenheit und Nähe abhängen kann.

Die "zentrale Rolle" im Aufbau des letzten Netzwerks eines Menschen solle der Hausarzt spielen, sagte DHPV-Vize Dr. Erich Rösch. Der Verband wolle auf den Gesetzgeber einwirken, hier Spielräume zu schaffen, damit Ärzte die für die Betreuung von Menschen am Lebensende nötige Zeit auch aufbringen könnten.

Aufbruch der Hospizbewegung in Deutschland vor 30 Jahren

30 Jahre nach dem Aufbruch der Hospizbewegung in Deutschland und 20 Jahre nach Gründung des DHPV lesen die Verbandsvertreter aus ihrer Umfrage ein Missverhältnis zwischen der privaten und öffentlichen Wahrnehmung des Sterbens heraus. Fast jeder hat die Erfahrung mit dem Tod nahestehender Menschen gemacht.

26 Prozent vor allem der älteren Menschen hat eine Patientenverfügung verfasst, 43 Prozent hat schon ernsthaft darüber nachgedacht. Deutlich mehr als die Hälfte der Befragten gab aber an, dass sich die Gesellschaft insgesamt mit dem Thema zu wenig auseinandersetze.

Weitere Aufklärung ist nötig. Dies belegen ebenfalls Ergebnisse der Befragung. So können vergleichsweise wenige Menschen mit dem Begriff Palliativmedizin etwas anfangen. Gerade einmal elf Prozent der Befragten ist bekannt, dass die Versorgung in einem Hospiz oder die Hospizbegleitung zuhause von den Krankenkassen getragen wird.

Informationsdefizite sieht Däubler-Gmelin in diesem Punkt auch bei Mitarbeitern von Krankenkassen. Es müsse klargestellt werden, dass Kassen den Aufenthalt in Hospizen finanzieren müssen. Wenn dies kassenintern nicht erreicht werde, müsse der Gesetzgeber noch einmal darauf aufmerksam machen.

"In die Transplantationsmedizin muss sehr viel mehr Transparenz", sagte Däubler-Gmelin. Die bekannt gewordenen Manipulationen hätten das Vertrauen vieler Menschen erschüttert, die nun nicht mehr wollten, dass ihre Angehörigen oder sie selbst in einer Klinik sterben.

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