Ärzte Zeitung online, 03.07.2015

Machtwort zu E-Health

Keine Verzögerungen mehr!

Auch ein Teil der Opposition macht beim E-Health-Gesetz mit. Das ist in der ersten Lesung des Gesetzentwurfes im Bundestag deutlich geworden.

Von Anno Fricke

Keine Verzögerungen mehr!

Digital mit dem Doc auf Du und Du? - Mit dem E-Health-Gesetz will die Bundesregierung das Gesundheitswesen fit für die Generation Internet machen.

© apops / fotolia.com

BERLIN. Zwölf Jahre nach dem Beschluss, die elektronische Gesundheitskarte einzuführen, hat der Bundestag am Freitag erstmals darüber debattiert, dieses Vorhaben ernsthaft umzusetzen.

Außer dem Bild des Inhabers unterscheidet die eGK bislang nichts von der Versichertenkarte, die sie abgelöst hat. Über Anwendungen wie das Stammdaten- und Notfallmanagement, Medikationspläne und sogar eine umfassende, sektorenübergreifende elektronische Patientenakte haben die Akteure der Selbstverwaltung mehr als zehn Jahre lang ohne greifbare Ergebnisse diskutiert. Im Schnitt 100 Millionen Euro im Jahr haben sie dafür ausgegeben, mehr als eine Milliarde Euro insgesamt.

"Verzögerungen werden wir nicht mehr hinnehmen", sagte Staatssekretärin Annette Widmann-Mauz (CDU) bei der ersten Lesung des Entwurfes des "E-Health-Gesetzes" im Bundestag.

Es gehe nicht nur um mehr Effizienz und Kostenersparnis, es gehe um bessere Medizin.

"Digitale Vernetzung kann Leben retten", warb die Staatssekretärin für das Gesetz. Als Beispiel nannte sie die Einführung eines Medikationsplans, weil zu viele Menschen unter unerwünschten Nebenwirkungen von Polymedikation leiden müssten. Ausgerechnet diese Anwendung findet sich jedoch nicht auf der Gesundheitskarte, sondern wird in Papierform gestartet.

Widmann-Mauz kündigte zudem eine Verschärfung des Datenschutzes an. Die Regierung plane strafrechtliche Konsequenzen für unerlaubte Zugriffe auf Daten der Versicherten.

Zimmermann: Weg mit E-Card!

Die elektronische Gesundheitskarte verbessere nicht die Gesundheit, sondern ökonomisiere das Gesundheitswesen, kritisierte Pia Zimmermann von der Linken das Projekt.

Damit gelangten Daten von 70 Millionen Versicherten in die falschen Hände, vor allem der der Versicherungs- und Pharmakonzerne. Die eGK gehöre eingestampft, sagte Zimmermann.

Mit dieser Ansicht steht die Linke allerdings allein. Maria Klein-Schmeink von den Grünen kündigte an, dass ihre Fraktion das E-Health-Gesetz unterstützen werde. Sie forderte, in den anstehenden Beratungen die Zugriffsrechte der Versicherten auf ihre Daten zu stärken.

Von der Telemedizin erwartet Dr. Katja Leikert (CDU) Verbesserungen bei der Versorgung chronisch kranker Menschen. Es müsse schnell zu mehr Abrechnungsziffern für diese Verfahren kommen, forderte sie den Bewertungsausschuss auf, tätig zu werden.

Das E-Health-Gesetz werde eine "phänomenale Dynamik" auslösen. Leikert blickte sogar über das Gesetz hinaus. "E-Health 2" solle Versorgungsforschung in Big Data ermöglichen. Es sei ein "Skandal", dass viele Gesundheitsdaten bislang nicht genutzt werden könnten.

Gassen hat Zweifel an Sicherheit der Daten

Die Vertragsärzte bleiben skeptisch. Angesichts der erfolgreichen Hackerangriffe auf den Bundestag "sieht man die Aussage, die Daten seien sicher, mit einem gewissen Stirnrunzeln", sagte KBV-Vorsitzender Dr. Andreas Gassen der dpa.

Die Karte sei kein Medium, um Doppeluntersuchungen und Kreuzmedikationen zu vermeiden. Gassen rügte, grundsätzlich sei ungeklärt, wo die Patientendaten abgelegt würden. "Auf einem großen Server? Wo steht der Server? Wer hat Zugriff?", fragte Gassen.

Der KBV-Chef signalisierte allerdings auch Bereitschaft zur Kooperation. Er sicherte zu, dass die KVen ihr Datennetz nicht aufgebaut haben, um Parallelstrukturen zu schaffen.

"Sobald das System funktioniert, wird das bestehende KV-Netz angedockt. Dann gibt es nur noch eine Datenautobahn", so Gassen.

Kosten und Nutzen stünden bislang in keinem Verhältnis, sagte IKK-Vorstand Hans Peter Wollseifer. Bis 2020 gehen die Kassen von Gesamtkosten von 4,5 Milliarden Euro für den Aufbau der Telematik-Infrastruktur und die Ausgabe neuer Karten aus.

Elsner fordert Korrekturen

Nicht nachvollziehbar sei die geplante Vergütung für das Einlesen und Versenden elektronischer Arztbriefe, sagte vdek-Chefin Ulrike Elsner.

"Es kann nicht sein, dass Praxen eine Extra-Vergütung erhalten, wenn sie eine Anwendung nutzen, die ihnen Geld spart", forderte Elsner Korrekturen am Gesetzentwurf.

Im Gesetz fehle das erwartete politische Signal als Startschuss für komplexe eHealth-Anwendungen, welche die Versorgung über die Sektoren hinweg integrierten, beklagte Dr. Michael Meyer, stellvertretender Vorsitzender des ZVEI-Fachverbands Elektromedizinische Technik.

Dazu gehörten Telemonitoring-Lösungen zum durchgehenden Management chronischer Erkrankungen in den eigenen vier Wänden oder auch die Vernetzung von Medizinern und Gesundheitseinrichtungen untereinander.

"Auch für diese komplexen eHealth-Anwendungen brauchen wir ein ebenso deutliches politisches Signal, wie es die gesetzliche Regelung zum Telekonsil für Röntgenaufnahmen für die Telemedizin ist", sagte Meyer.

|
[06.07.2015, 12:28:37]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Von der Tragödie zur Komödie?
Es ist schon tragisch: Medizinische Popädeutik, Anamnese, Untersuchung, Differenzialdiagnostik, Therapie und auch Palliation sind grundsätzlich analog und n i c h t digital. Selbst digitale Palpations- und Untersuchungstechniken, die manche "Gesundheits"-Politiker für den Einstieg in "E-Health" halten, sind analoger Natur.

Zugleich wurde mit Milliarden-Aufwand die vor 12 Jahren konzipierte elektronische Gesundheitskarte mit heutzutage völlig veralteter EDV-Technik eingeführt. Nicht mal ein einziges Thorax-Röntgenbild kann darauf gespeichert werden; da müsste man zuvor die Stammdaten löschen. Ein preisgünstiger, persönlicher USB-Stick, der auch noch die informationelle Selbstbestimmung der Patienten respektiert, wäre auf dem aktuellen Stand der Technik.

Komödiantisch wird es bei der Meinung: "Digitale Vernetzung kann Leben retten" von Annette Widmann-Mauz (CDU), Staatssekretärin des ebenso ahnungslosen Bundesgesundheitsministers. Wenn sie als Beispiel die Einführung eines Medikationsplans nennt, weil zu viele Menschen unter unerwünschten Nebenwirkungen von Polymedikation leiden, müsste sie erst einmal erklären, weshalb allen GKV-Patienten in der Apotheke systematisch ihr Kassen-Rezept mitsamt ärztlicher Signatur weggenommen wird. Wurde die unübersichtliche Polymedikation in den letzten 65 Jahren vielleicht systematisch politisch gefördert, um sie jetzt noch besser als besonders bedrohlich darstellen zu können?

Wie viele meiner hausärztlichen Kolleginnen und Kollegen schrieb ich seit meiner Praxisgründung 1992 regelmäßig papiergestützte Medikationspläne. Jede Praxis-EDV übernimmt dies heutzutage auf Knopfdruck. Praxisfremde und Medizin-bildungsferne Politiker checken das allerdings bis heute nicht. Sie wollen gar per Gesetz eine Papierform einführen, vermutlich weil sie ahnen, dass die elektronische Gesundheitskarte eine problemlose EDV-Übertragung von Medikationsdaten gar nicht zulassen wird bzw. für ältere, EDV-ferne und interaktionsgestörte Patienten nichts bringt.

Was für eine "Gesundheits"-Tragikomödie!

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
 zum Beitrag »
[05.07.2015, 19:35:17]
Dr. Wolfgang P. Bayerl 
Eine räumliche Trennung von Arzt und Patient ist grundsätzlich ein Nachteil und kein Fortschritt
Die "Radiologie" ist insofern keine typische "ärztliche" Tätigkeit weil der Patient in der Regel sowieso nicht vom kompetenten Befunder der Bilder angesehen wird und diese Bildanalyse auch OHNE Teleradiologie nicht am Ort der Patientenuntersuchung stattfindet, ähnlich einem Labor das Analysen immer in räumlicher Entfernung vom Patienten durchführt. Rein rechtlich ist das zwar alles anders, weil es gesetzlich keine "Auftragsleistung" geben darf und der Radiologe die Indikation immer selbst stellen "müsste", eine gepflegte Illusion wie vieles.
Aber schon die zeitliche Abkoppelung von Untersuchung und Befundung hat den Nachteil dass individuelle Optimierung entfällt, die sowohl in Reduzierung als auch in erforderlicher Ausdehnung der Untersuchung bestehen kann. Worin soll also bitte hier der große Fortschritt liegen???
JEDER Indikationsstellung MUSS eine klinische Untersuchung des Kranken vorausgehen.
Offenbar macht allein das Wort "Tele-" die Menschen (Laien) regelrecht betrunken, dass sie nicht mehr klar denken können. Nur ein kleiner Bruchteil von Erkrankungen lässt sich durch topographische "Bildanalyse" überhaupt erfassen. Die akute Appendizitis z.B. nicht.
Der Knackpunkt der Radiologie liegt übrigens keineswegs in der rein technisch korrekten Durchführung,
sondern AUSSCHLIEßLICH in der kompetenten Befundung.
Und hier und sonst nirgendwo ist auch die offene Flanke der ganzen Radiologie. zum Beitrag »
[04.07.2015, 15:00:52]
Dr. Wolfgang Bensch 
Bessere Medizin mit zentralen Gesundheitsdatenbanken?
Es ist schon bemerkenswert, wie sich die Gesundheitspolitik hierzulande geriert, wenn auf der anderen Seite Ausspähung und Anzapfen von Datenquellen quasi "normaler Alltag" selbst unter befreundeten westlichen Staaten zu sein scheint.
Weshalb sollten "gesuchte Daten" in individuellen Gesundheitsbelangen da eine Ausnahme bzgl. der Datensicherheit darstellen?
Medizin - und wohl auch die "gute Medizin" - ist im konkreten Fall einer vitalen Bedrohung zumeist "tagesaktuell" und benötigt nicht den Zugriff auf "antike" Daten zur Vorgeschichte. zum Beitrag »

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text
Top-Meldungen

Mangelernährt in deutschen Kliniken

Es ist ein vernachlässigtes Thema: Kranke Menschen in deutschen Kliniken sind oft mangelernährt. Seltsamerweise wird das kaum wahrgenommen. mehr »

Mit Brustkrebs-Screening kein Überlebensvorteil

Haben Frauen mit Brustkrebs, der beim Mammografie-Screening diagnostiziert worden ist, einen Überlebensvorteil gegenüber Frauen mit symptomatischen Tumoren haben? Laut einer Studie nicht. mehr »

Stuttgarter Gericht greift Rechtsprechung an

Patienten müssen ihre Ärzte von der Schweigepflicht entbinden, wenn sie sich Lohnfortzahlung auch über sechs Wochen hinaus sichern wollen. Das Landesarbeitsgericht Stuttgart greift diese elf Jahre alte Rechtsprechung nun an. mehr »