Ärzte Zeitung, 12.01.2016

Ernährung

Politischer Streit um Fett, Salz und Zucker

Weniger Salz, Zucker und Fett für die Bundesbürger: Die Regierung stellt die Weichen Richtung gesündere Ernährung. Die Grünen zweifeln die Ernsthaftigkeit der Pläne an.

Von Anno Fricke

Politischer Streit um Fett, Salz und Zucker

Für eine gesündere Ernährung: Die Regierung will Zucker, Salz und Fette in Fertigprodukten reduzieren.

© Kitty / fotolia.com

BERLIN. Die Koalition zeigt Ansätze einer Politik, die das Thema Gesundheit auch in Politikfeldern außerhalb der klassischen Gesundheitspolitik mitdenkt, zum Beispiel bei der Ernährung.

Die Opposition vermisst allerdings die letzte Konsequenz in der Umsetzung. Landwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU) habe keinen Plan, kritisiert die Grünen-Abgeordnete Nicole Maisch.

Im Juni hat der Bundestag beschlossen, gegen zuviel Fett, Zucker und Salz in verarbeiteten Lebensmitteln vorzugehen. Zwei Millionen Euro stehen dafür bereit. Beteiligt sind das Landwirtschaftsministerium, das Gesundheits- und das Wirtschaftsministerium.

Ende des Jahres soll die Reduktionsstrategie anlaufen. Konkrete Gespräche mit der Lebensmittelwirtschaft und dem Handel hat es laut Regierungsinformationen bislang jedoch nicht gegeben.

Zudem soll die Nahrungsmittelindustrie vorerst lediglich freiwillig auf die Risikofaktoren in ihren Produkten teilweise verzichten.

Denn, das räumt die Regierung in der Antwort auf eine Kleine Anfrage der Grünen ein, Fett, Zucker und Salz seien nachweislich an der Entstehung von Herz-Kreislaufkrankheiten und Diabetes beteiligt.

Eine Reduktionsstrategie werde sich jedoch nicht unmittelbar auf den Krankenstand in der Bevölkerung auswirken. Schließlich müssten sich auch das Konsumverhalten und das Ernährungsbewusstsein ändern.

Deutsche essen zu viel Zucker

So leicht wollen die Grünen die Regierung und den bei der Reduktionsstrategie federführenden Landwirtschaftsminister Christian Schmidt Schmidt (CSU) nicht aus der Verantwortung entlassen.

"Wir erwarten, dass noch in dieser Legislatur erste Reduktionsschritte umgesetzt werden. Schmidts übliche Taktik, sich mit Aussitzen und endlosem Einholen von immer neuen Studien um politisches Handeln herumzudrücken werden wir ihm bei diesem Thema nicht durchgehen lassen", sagte Maisch der "Ärzte Zeitung".

Die Menschen in Deutschland essen gemessen an wissenschaftlichen Ernährungsempfehlungen zu salzig, zu süß und zu fett. Die tägliche Natriumaufnahme über Salz liege bei Männern um das Sieben- bei Frauen um das Fünffache über dem täglichen Bedarf, rechnet die Deutsche Gesellschaft für Ernährung vor.

Überlegungen in der Weltgesundheitsorganisation zielen darauf ab, dass Menschen nur fünf Prozent ihres Energiebedarfs aus Zucker decken sollten. In Deutschland liegt dieser Wert zwischen 20 und 25 Prozent.

In der EU haben erste Reduktionsprogramme bereits 2007 begonnen. Große Handelsgruppen auch außerhalb Deutschlands haben aktuell Prüfungen der Rezepturen ihrer Eigenmarken angekündigt.

Laut der Regierungsauskunft hat ein Drittel der Unternehmen bereits vor zehn Jahren etwa die Hälfte ihrer Produkte mit neuen Rezepturen versehen.

Die Zuckerlobby zeigt sich weiterhin alarmiert von den politische Aktivitäten in Europa und Deutschland. Sie versucht Abgeordnete davon zu überzeugen, dass Zucker nicht per se als Dickmacher diffamiert werden dürfe.

[12.01.2016, 15:33:02]
Dr. Karl-Otmar Stenger 
Rezepturen der Lebensmittelindustrie (bitte alte Version gegen diese korrigierte austauschen)
In unserem Wirtschaftssystem ist von keinem CEO in der Lebensmittelbranche zu erwarten, dass er mutwillig seine Umsatzzahlen nach unten korrigiert. Das wird an einer Begebenheit deutlich, die in Michael Moss "Das Salz, Zucker, Fett Komplott ..." geschildert wird: Am 8.4.1999 trafen sich in Minneapolis 11 führende Vertreter der Lebensmittelbranche (damals 700000 Beschäftigte und $ 280 Milliarden)zu einem geheimen Treffen, zu dem James Behnken (damals Chairman bei Pillsbury) eingeladen hatte. Thema des Vortrages von Michael Mudd (damals vice president bei Kraft Food): "How to deal with the obesity epidemic". In der anschließenden Diskussion legte Stephen Sanger, CEO bei Grand Mills die Marschrute der Lebensmittelindustrie sinngemäß wie folgt dar: Der Verbraucher will mal dies und mal jenes. Man muss sich den Wünschen der Verbraucher anpassen. Man darf aber nie die Rezepturen der erfolgreichen Produkte ändern.
Mit anderen Worten, wir kennen das vom 2-Liter-Auto, die Branche gibt mit großem TamTam vor, den Verbraucherwünschen zu folgen, stellt dann fest, dass das Produkt nicht läuft und stellt die Produktion möglichst unauffällig ein. Die Lebensmittelbranche ist sich ihres Umsatzes deshalb sicher, weil sie sich nicht darauf verlässt, wie ein Verbraucher bewusst entscheidet. Ihre Produkte sind vielmehr mittels neurophysiologischer Expertise auf den "Glückspunkt" hin optimiert (wie das gemacht wird, ist bei Michael Moss nachzulesen).
Anzumerken ist noch, dass Michael Mudd nach seinem Ausscheiden bei Kraft in der New York Times ganz deutlich gemacht hat, dass es aus der Lebensmittelbranche heraus niemals Veränderungen geben wird, die auf eine Entlastung des Gesundheitssystem zielen.
Um das Problem mit der Fettleibigkeit zusammenzufassen: Die Akkumulationen von Fett und von Kapital haben so manche Parallele. Während sie beim Menschen (meist untere Einkommensschichten) auf Dauer schwer krank machen, ist das Fehlen von Investitionen, also reine Akkumulation, hinderlich für notwendige Innovationen.
Vordringlich ist bei der Bekämpfung der Fettleibigkeit nicht die Liberalisierung des Zuckermarktes der EU (wie zum 1.10.2017 geplant), sondern das degressive Zurückführen des Zuckerverbrauches auf 4 Mio. Tonnen/Jahr für > 500 Mio. EU-Bürger (gemäß Empfehlungen der WHO für ein gesundheitlich unbedenkliches Maß an Zuckerkonsum). Man sollte sich an den Pariser Beschlüssen zu "Global Warming" und an Fangquoten für die Fischerei ein Beispiel nehmen. zum Beitrag »

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