Ärzte Zeitung, 30.06.2010

Arznei-Richtgrößen taugen für Ärzte nicht

Der Befund des "Arzneimittel-Atlas 2010" fällt eindeutig aus: Ein prominentes Lenkungsinstrument im deutschen Arzneimittelmarkt - die Richtgrößen für Ärzte - greift nicht: Die Botschaft an die Politik lautet: Abschaffen!

Von Thomas Hommel

Arznei-Richtgrößen taugen für Ärzte nicht

Regionale Abweichungen bei Arzneiausgaben vom Bundesschnitt: Ursächlich sind Morbiditätsunterschiede und Mitversorgungsfunktion von Hamburg und Berlin fürs Umland.

BERLIN. Es handelt sich um eine seit Jahren gängige Praxis: Auf regionaler Ebene schließen KVen und Krankenkassen Arzneimittelvereinbarungen. Aus ihnen werden für Ärzte Ausgabengrenzen - Richtgrößen - für Medikamente abgeleitet. Sinn und Zweck dieses Instruments ist, die Arzneimittelausgaben der Kassen nicht ins Uferlose steigen zu lassen.

Glaubt man den Autoren des am Mittwoch in Berlin vorgestellten "Arzneimittel-Atlas 2010", dann hat sich das "arztbezogene Steuerungsinstrument" der Richtgrößen mittlerweile überlebt. Mehr noch: Es läuft ins Leere! In keiner einzigen Region Deutschlands, so der Arzneimittelexperte und Chef des IGES-Instituts in Berlin, Professor Bertram Häussler, würden verordnende Ärzte die zwischen Kassenärztlichen Vereinigungen und Kassen ausgehandelten Vorgaben noch einhalten. "Was auf den ersten Blick wie ein Ärzteversagen aussieht, ist in Wirklichkeit das Resultat unrealistischer Vorgaben." So stehe etwa die Höhe der regional ausgehandelten Richtgrößen in keinem Zusammenhang mit dem jeweiligen Bedarf an Arzneimitteln.

Auch die den Ärzten auferlegten Einsparerwartungen je Versicherten seien teilweise willkürlich festgelegt und fielen denn auch sehr unterschiedlich aus: In Berlin, Niedersachsen oder Schleswig-Holstein sollten Ärzte pro Versicherten bis zu 122 Euro im Jahr einsparen. Von den Kollegen in Nordrhein, Thüringen und Mecklenburg-Vorpommern erwarte man hingegen nur Einsparungen von rund 40 Euro pro Versicherten. Eine sachliche Begründung für diese unterschiedlichen Einsparerfordernisse durch "nachvollziehbare Einflussfaktoren" lasse sich nicht erkennen, so Häussler.

Für Vertreter der Pharma-Industrie ergibt sich aus dem Befund des Arzneimittel-Atlas, dass Richtgrößenvereinbarungen den wirklichen medizinischen Bedarf nicht adäquat abbilden und damit "leer laufen", die Botschaft an die Politik: Er muss die Arzneimittel-Richtgrößen schnellstmöglich abschaffen! "Wenn der Gesetzgeber neue Lenkungsinstrumente - wie gegenwärtig Verträge - schafft, sollte er auch alte - wie Arzneimittelrichtgrößen - abschaffen", sagt der Vorsitzende des Verbands forschender Arzneimittelhersteller, Dr. Wolfgang Plischke. Die verordnenden Ärzte könnten sich - "im Interesse ihrer Patienten" - ohnehin nicht an die Vorgaben halten. So gesehen seien Arztpraxen die "falschen Adressaten" der Forderung nach einer "Kultur des Sparens". Für Wirtschaftlichkeit und Effizienz am Arzneimittelmarkt müssten Politik, Kassen und Pharma-Unternehmen sorgen - getreu dem Motto: "Kassen und Firmen kümmern sich um Verhandlungen, Ärzte um Behandlungen."

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