Ärzte Zeitung, 06.06.2011

Arzneimittelfälscher auf dem Weg in die EU

Nicht nur Schweizer Uhren und Computerspiele werden kopiert. Auch mit Medikamenten-Fälschungen lässt sich viel Geld verdienen. Die Europäische Union fürchtet, dass mehr Fälschungen in den legalen Vertrieb gelangen. Ein Sicherheitscode soll die Entdeckung erleichtern.

Von Anno Fricke

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BERLIN. Arzneimittelfälschungen werden das Gesundheitswesen in Zukunft verstärkt belasten.

Darauf haben Vertreter der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände (ABDA) und der Pharmaindustrie im Vorfeld des internationalen Anti-Fälschungstages hingewiesen.

"Büchse der Pandora" geöffnet

Hersteller, Großhändler und Apotheker spürten bereits den Druck, den Arzneimittelfälschungen in Zukunft auf die Märkte ausüben könnten, sagte Thomas Bellartz von der ABDA bei einer von Bayer HealthCare ausgerichteten Diskussion in Berlin.

Die Zulassung des Internets als Vertriebsweg zum 1. Januar 2004 habe die "Büchse der Pandora" geöffnet, sagte Bellartz, hob aber hervor, dass der seriöse offiziell zugelassene Internethandel nicht mit Fälschungen in Verbindung gebracht werde.

Arzneimittelkriminalität schwer zu fassen

Die Arzneimittelkriminalität ist international, aber statistisch nur schwer zu fassen. Schätzungen der Weltgesundheitsbehörde reichen von 50 Prozent gefälschter Medikamente im unseriösen Internethandel bis zu ein Prozent gefälschter Medikamente in der Vertriebskette hoch entwickelter Staaten wie der in der EU.

Die Europäische Kommission fand schon 2006 heraus, dass zwei Prozent der an den EU-Außengrenzen beschlagnahmten Produktfälschungen Arzneimittel waren. Diesen Trend bestätigen deutsche Zollbehörden. 2005 stellten sie eine halbe Million gefälschte Tabletten sicher. Im vergangenen Jahr waren es bereits fünf Millionen.

Die Zahl der Ermittlungsverfahren sei von 644 im Jahr 2009 auf 916 in 2010 gestiegen, heißt es beim Zollkriminalamt in Köln.

Viele gefälschte Medikamente

"Gefälscht wird, was Profit bringt", sagt Dr. Stephan Schwarze, der für Bayer HealthCare auf Fälschungsjagd ist. Der Markt funktioniere nach Angebot und Nachfrage. Gefälschte Arzneimittel, allen voran Viagra, brächten den Fälschern deutlich höhere Gewinne als Kokain oder Heroin.

Das Verfolgungs- und Entdeckungsrisiko sei zudem ungleich geringer. Außer Lifestyle-Produkten seien inzwischen auch Blutdruck- und Herzmedikamente für Fälscher interessant.

Der technische Fortschritt mache es Fälschern leichter, Pillen und Verpackungen halbwegs original scheinen zu lassen, sagte Schwarze. Darauf hat die EU Ende Mai mit einer Direktive reagiert.

Einheitliche Rechtsgrundlage

Die Mitgliedsstaaten sollen in den kommenden eineinhalb Jahren eine einheitliche Rechtsgrundlage für den Kampf gegen Arzneimittelfälschungen schaffen. Etwas mehr Zeit bekommen sie, um eine fälschungssichere Codierung umzusetzen.

Bei Generika gebe es derzeit keine Hinweise auf Fälschungsversuche, sagte ProGenerika-Geschäftsführer Bork Bretthauer der "Ärzte Zeitung".

Die geplanten Sicherheitsmerkmale dürften die Generikahersteller nicht teurer kommen als die Herstellung der Produkte insgesamt, warb er für eine pragmatische Lösung.

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