Ärzte Zeitung, 19.11.2012

Pharma in Berlin

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Die Pharmaindustrie zählt wie die Elektroindustrie und der Maschinenbau zu den Stabilitätsankern der Hauptstadt. Eine Vernetzung der Industrie mit der öffentlichen Hand und den Universitäten Berlins könnte der Entwicklung weiteren Schub verleihen,

Von Anno Fricke

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Forschung auf höchstem Niveau in Berlin. Die Pharmaindustrie ist ein Anker der Industrie in der Hauptstadt.

© vfa

BERLIN. Eine engere Einbindung in die medizinische Versorgung in Netzwerken hat die Hauptgeschäftsführerin des Verbandes der forschenden Pharma-Unternehmen (vfa), Birgit Fischer, gefordert.

Nachdruck verleiht dieser Forderung eine Untersuchung des Instituts der deutschen Wirtschaft in Köln (IW), das im Auftrag des vfa erstmals Daten und Fakten zum Pharma-Standort Berlin zusammengetragen hat.

Die belegen, dass die Pharmaindustrie zu den Wachstumsmotoren der Hauptstadt zählt. Sie erwirtschaftet demnach 23 Prozent des Umsatzes und knapp 37 Prozent des Auslandsumsatzes des gesamten verarbeitenden Gewerbes der Stadt.

In den 25 pharmazeutischen Unternehmen der Stadt arbeiten zehn Prozent der Beschäftigten des verarbeitenden Gewerbes. Elf Prozent der Investitionen der Hauptstadtindustrie entfallen auf diesen Sektor.

Im Jahr 2011 waren in Berlin 9589 Menschen bei Unternehmen der Pharmaindustrie beschäftigt, die einen Gesamtumsatz der Branche von 5,6 Milliarden Euro erwirtschaftet haben, 4,1 Milliarden davon im Ausland.

Das sind 14 Prozent des Gesamtumsatzes der Pharmaindustrie in Deutschland. In den Standort investiert haben sie in diesem Zeitraum rund 840 Millionen Euro. Ihren Sitz oder ihre deutsche Zentrale in Berlin haben Unternehmen wie Pfizer, Berlin Chemie, Bayer, Sanofi und neuerdings Takeda.

Der Staat, der Bremser?

Damit gehöre Berlin zu den wichtigsten Pharmaregionen Deutschlands, etwa gleichauf mit Nordrhein-Westfalen, aber schwächer als Hessen.

Allerdings sei die Bedeutung der Pharmaindustrie in Berlin im Vergleich mit anderen Industriezweigen stärker ausgeprägt als im restlichen Bundesgebiet, sagte Dr. Jasmina Kirchhoff vom IW bei der Vorstellung der Untersuchung am Montag in Berlin.

Die wirtschaftliche Bedeutung des Industriezweigs könne durch eine engere Vernetzung mit Akteuren der öffentlichen Hand und mit wissenschaftlichen Forschungseinrichtungen noch weiter aufwachsen, kommentierte Birgit Fischer die Ergebnisse der Untersuchung.

Dies setze aber die Bereitschaft aller Beteiligten zur Zusammenarbeit voraus. Fischer forderte mehr Gesundheitsforschung und eine bessere Ansiedlungspolitik in der Hauptstadt.

Der Staat betätige sich jedoch als Bremser solcher Entwicklungen, beklagte Fischer. Er betrachte die Industrie und die Arzneimittelpreise ökonomisch eindimensional als Kostenfaktor für die gesetzliche Krankenversicherung.

Entlastungen für die Kassen seien aber Belastungen für die Industrie, die Wachstumsaussichten- und Investitionsbereitschaft berührten.

Gesundheits-, Wirtschafts- und Forschungspolitik sollten aber vielmehr als Einheit angesehen werden, um zu einer Betrachtung von "Gesamtsalden" zu kommen.

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