Ärzte Zeitung, 01.02.2016

Arznei

Ist nach dem Pharma-Dialog vor einer AMNOG-Änderung?

Eine Änderung des AMNOG scheint nach dem inoffiziellen Ende des Pharma-Dialogs wahrscheinlich. Auch über die Rolle der Ärzte als Verordner wird diskutiert.

Von Anno Fricke

BERLIN. "Mondpreise" wie bei Sovaldi® verhindern, das Einsparvolumen des AMNOG anheben, Ärzte dazu bringen, mehr Innovationen mit anerkanntem Zusatznutzen zu verschreiben: Vertreter der Bundestagsfraktionen, der Krankenkassen, aber auch aus den Verbänden der Industrie bringen sich aktuell in Stellung, um frühzeitig ihre Positionen in den erwarteten Änderungsprozess des AMNOG einzuspeisen.

Der Pharma-Dialog zwischen Industrie und Regierung ist auf der Fachebene seit wenigen Tagen beendet. Tatsächlich abgeschlossen werden soll er mit einer gemeinsamen Erklärung am 12. April.

Erst dann sollen auch die von mehreren Vertretern der Regierungsfraktionen angekündigten Änderungen am AMNOG vorbereitet werden. Sie sollen unabhängig von der Vierten Novelle des Arzneimittelgesetzes angegangen werden.

Das geht aus einem internen Fahrplan des Gesundheitsministeriums hervor, der der "Ärzte Zeitung" vorliegt. Diese Novelle soll eine Anpassung deutschen an europäisches Recht regeln und bereits Mitte März ins Kabinett.

Die sich aus dem Dialog ableitenden Optionen lassen sich dementsprechend länger diskutieren:

- Barrieren, die Ärzte daran hindern, positiv bewertete Arzneien Wirkstoffen ohne festgestellten Zusatznutzen vorzuziehen, könnten beseitigt werden. Eine Befragung der Techniker Krankenkasse hat ergeben, dass jeder zweite Arzt (49 Prozent) sich auf Fortbildungen dazu entschließt, neue Arzneien zu verordnen.

Die Ergebnisse der frühen Nutzenbewertung lösen dies nur bei jedem sechsten Arzt (15 Prozent) aus. Zudem finden sich in Leitlinien zahlreiche Arzneien (47 Prozent), die die frühe Nutzenbewertung ohne Zusatznutzen durchlaufen haben. Ärzte sind gehalten, leitliniengerecht zu verordnen.

- Deutschland ist Referenzpreisland. Um ihre Weltmarktpreise nicht zu gefährden, haben Hersteller seit 2011 knapp 20 Medikamente vom Markt genommen.

Einige davon hatten Versorgungsrelevanz und mussten von den Kassen dennoch als teure Re-Importe weiter eingekauft werden.

Um die international wirkenden Kellertreppeneffekte auszuschließen, könnten sich Kassenvertreter auch vorstellen, in den Preisverhandlungen einem höheren Referenzpreis zuzustimmen, der in anschließenden, geheimen Zusatzverhandlungen relativiert werden könnte. Das entspricht Praktiken, die auch aus dem Ausland bekannt sind.

- Die Kassen fordern ein Ende der freien Preisbildung im ersten Jahr nach Markteinführung eines Präparats ("Mondpreise"). Die Industrie hält dagegen.

Gesprochen wird über Kompromisse, die freie Preisbildung auf die ersten sieben Monate zu begrenzen (frühe Nutzenbewertung plus die Opt out-Phase). Der verhandelte Erstattungsbetrag könnte dann ab dem achten Monat nach Markteinführung gelten.

- Die Mischpreise, die sich aus unterschiedlicher Gewichtung des Zusatznutzens eines Wirkstoffs für einzelne Subgruppen ergeben, sind ebenfalls in der Diskussion.

Je nach Ausmaß des Zusatznutzens für einzelne Subpopulationen gestaffelte Preise seien denkbar, sagte der Arzneimittelexperte der Unionsfraktion, Michael Hennrich, im Januar in Berlin.

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