Ärzte Zeitung, 24.05.2013

HIV-Therapie

Nutzenbewertung in der Kritik

HIV-Infizierte können heute ein normales Leben führen. Doch die frühe Nutzenbewertung könnte dem einen Strich durch die Rechnung machen. Politiker und Ärzte fordern ein Umdenken.

Von Anno Fricke

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Bluttests führen auf die Spur des HI-Virus. Eine frühe Diagnose erhöht die Chancen der Therapie.

© Nenov Brothers / fotolia

BERLIN. Medizinische Fachgesellschaften bei der frühen Nutzenbewertung neuer Arzneien stärker zu berücksichtigen, hat die CDU-Gesundheitspolitikerin Karin Maag gefordert.

"Darauf, wie die Expertise der Fachgesellschaften regelhaft in den AMNOG-Prozess eingebunden werden kann, müssen wir in der nächsten Legislaturperiode Antworten finden", sagte Maag bei der Veranstaltung "HIV/Aids-Versorgung im Wandel: Wann nutzt der Fortschritt den Patienten" von ViiV-Healthcare in Berlin.

"Mir liegt daran, dass nicht der Eindruck entsteht, die formalen Anforderungen könnten schwerer wiegen als die inhaltlichen", sagte Maag.

Die Besonderheit bei HIV-Medikamenten sei, dass prospektive Studien mit der Dokumentation eines Zusatznutzens nicht möglich seien, wenn Endpunkte wie Überleben und aidsfreie Zeit keine Rolle mehr spielten, sagte Maag.

Zum Hintergrund: Der frühzeitige Einsatz retroviraler Therapien hat dazu führt, dass sich die Lebenserwartung HIV-infizierter Menschen der der Nichtinfizierten annähert. Das Bundesgesundheitsministerium bezeichnet die HIV-Infektion inzwischen als "gut behandelbare, chronische Erkrankung".

Eine Mehrheit der HIV-Patienten in den Industriestaaten stirbt an Krankheiten, die nicht mit Aids zusammenhängen.

Dass HIV-infizierte Menschen bei rechtzeitigem Beginn der Therapie sehr alt werden können, sei die Herausforderung bei der Entwicklung neuer Therapien und neuer Therapieregime. "Wir brauchen Medikamente mit weniger Nebenwirkungen", sagte Behrens.

Neue Impulse durch die ASV erwartet

Die könnten helfen, die Adhärenz der Menschen zu stärken, die jahrzehntelang Tabletten einnehmen müssten. Zudem seien Kombipräparate gefragt, mit denen sich die komplexen Komorbiditäten HIV-infizierter Patienten behandeln ließen.

Behrens verwies darauf, dass die Zusammenarbeit zwischen niedergelassenen Ärzten und universitären Zentren eine Erfolgsgeschichte sei. 85 Prozent aller HIV-Therapien in Deutschland seien leitliniengerecht.

In 90 Prozent der Patienten seien die Therapieziele erreichbar. Das sei bei anderen schweren Indikationen kaum zu finden. Behrens goss aber auch Wasser in den Wein: Die Behandlung müsse frühzeitig beginnen, um die besten Erfolge zu erzielen.

"Ein Großteil der Patienten in Europa zeigt sich aber erst, nachdem eigentlich eine Indikation für eine Therapie schon vorbei ist", sagte Behrens. Der Blick in die Welt offenbart weiteren Handlungsbedarf. Nur 40 Prozent der Infizierten bekomme überhaupt eine Therapie, sagte Behrens.

Auf jeden, der neu behandelt werde, kämen zwei bis drei Neuinfektionen. Zudem seien außerhalb der Industrieländer immer noch viele Medikamente mit starken Nebenwirkungen im Einsatz, die hierzulande längst aussortiert seien.

Die HIV/Aids-Versorgung sei im Wandel, sagte Johannes Inama-Sternegg, Geschäftsführer der ViiV-Healthcare GmbH, ein von Glaxo Smith Kline und Pfizer gegründetes Unternehmen. 2012 kam Shionogi als Anteilhaber hinzu. In diesem Jahr kämen erstmals Generika für antiretrovirale Therapien auf den Markt.

Impulse seien zudem von der ambulanten spezialfachärztlichen Versorgung (ASV) zu erwarten, in der die Versorgung von HIV-Patienten eine zentrale Rolle spielen werde.

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