Ärzte Zeitung, 30.05.2011

Zur Person

Jörg-D. Hoppe - 12 Jahre erste Geige

Professor Jörg-Dietrich Hoppe tritt als Präsident der Bundesärztekammer von der bundespolitischen Bühne ab. Wie kein anderer prägte er das Bild der Ärzte in der Öffentlichkeit.

Von Wolfgang van den Bergh

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Hoppe: Jahre lang prägte er das Bild der deutschen Ärzteschaft.

© dpa

Es ist seine Welt, es ist sein zweites Zuhause, wenn er hinter den gigantischen Aktenbergen und den unzähligen CD-Stapeln in seinem Arbeitszimmer im Institut für Pathologie in Düren sitzt. Im Hintergrund läuft das Konzert für Violine und Orchester in D-Dur op. 61 von Ludwig van Beethoven. Experten behaupten, dass dies Beethovens einziges vollendetes Konzert dieser Gattung ist.

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Ärztetag-Auftritte mit den drei Gesundheitsministern: Andrea Fischer, ...

© Athenstädt/dpa

Als vollendet würde Professor Jörg-Dietrich Hoppe seine Arbeit nach zwölf Jahren an der Spitze der Bundesärztekammer wohl nicht bezeichnen.

Der gelernte Pathologe und Allgemeinarzt ist selbstkritisch genug, einzuräumen, zwar viele Dinge angeschoben, aber nicht alle gelöst zu haben. Dennoch: Stolz darauf ist er schon, wenn er etwa über die Ärzteproteste 2006 spricht, die Ausdruck eines neuen Wir-Gefühls innerhalb der Ärzteschaft waren.

Hinter den Protesten stand auch eine Überzeugung: Hoppes unnachgiebiger Einsatz für Freiberuflichkeit und Therapiefreiheit sowie seine Kritik an einer Kommerzialisierung des Arztberufs.

Unbeeindruckt vom Mainstream bezieht Hoppe Position und scheut nicht die Auseinandersetzung mit der Politik. Das musste zu Beginn seiner Amtszeit die grüne Gesundheitsministerin Andrea Fischer erfahren und später noch viel intensiver ihre Nachfolgerin Ulla Schmidt.

"Ich will die Ärzte mit den Köpfen zusammenstoßen"

Angetreten war Hoppe mit dem Ziel, die innerärztlichen Zwistigkeiten zu lösen. Hoppe vor seiner Wahl in Cottbus 1999: "Ich will die Ärzte dauernd mit den Köpfen zusammenstoßen, damit zentrifugale Kräfte frei werden."

Professor Jörg-Dietrich Hoppe

Aktuelle Position: Präsident der Bundesärztekammer seit 1999; seit 1975 Mitglied im BÄK-Vorstand; 1991 Vize-Chef der BÄK, seit 1993 Kammer-Präsident in Nordrhein.

Werdegang/Ausbildung: Jahrgang 1940, 1960 bis 1965 Medizinstudium, 1975 Weiterbildung Pathologie/ Allgemeinmedizin; 1982 bis 2006 Chefarzt am Institut für Pathologie in Düren; niedergelassener Pathologe;

Privates: Hoppe hat eine große Vorliebe für klassische Musik, er spielt selbst Geige.

Da blitzt der rheinische Humor des Nicht-Rheinländers auf, der in Thorn an der Weichsel vor 71 Jahren geboren wurde. Doch was wie ein Scherz klingt, hat eine tiefere Bedeutung: Er hat geackert, um den Dauerstreit zwischen niedergelassenen Ärzten und Klinikern und zwischen Haus- und Fachärzten beizulegen.

Beispiel: die Reform der Weiterbildungsordnung. Sein Meisterstück lieferte er mit der Ost-West-Harmonisierung der neuen Weiterbildungsordnung 1992 noch vor seiner Präsidentschaft ab. Seitdem waren es oft die föderativen Strukturen, die dazu geführt haben, dass die Weiterbildung etwa in der Allgemeinmedizin ein Dauerstreitthema geblieben ist.

Sein Engagement für ethische Fragen in der Medizin ist ein roter Faden in seiner Amtszeit. Hoppe sucht nicht den Applaus für seine Auffassungen, er überzeugt und lässt die Kraft der Argumente wirken, auch wenn ihm im Alltag der Wind kräftig ins Gesicht weht.

Ein Beleg dafür ist die aktuelle Diskussion zur ärztlichen Sterbebegleitung. Die im Februar vorgestellten überarbeiteten Grundsätze der Bundesärztekammer sorgten nicht nur in der Ärzteschaft für große Irritationen.

Hoppe musste eingestehen, dass eine Klarstellung dringend erforderlich war. Am Ende verständigte man sich auf den Satz: "Die Mitwirkung des Arztes bei der Selbsttötung ist keine ärztliche Aufgabe!" - eine eindeutige Formulierung, die keinen Zweifel an Hoppes Grundüberzeugung lässt.

Ebenso hat der Kammer-Präsident in die Gesundheitspolitik seine Akzente gesetzt. Es habe nie ein menschliches Problem zwischen ihm und Ulla Schmidt gegeben, sagt Hoppe im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung". Mit ihrer Amtsübernahme im Jahr 2001 begann ein Streit, der bis zum Ende von Schmidts Amtszeit im September 2009 nicht gelöst werden konnte.

Beide haben völlig unterschiedliche Vorstellungen von der Zukunft des Gesundheitswesens. "Frau Schmidt und Gesundheitssprecher Karl Lauterbach wollen ein Gesundheitssystem nach britischem Vorbild", sagt Hoppe.

Das habe nichts mit seiner Vorstellung von ärztlicher Freiberuflichkeit zu tun. Vor allem beim Thema Wettbewerb wird Hoppe hellhörig, weil ein wettbewerblich organisiertes Gesundheitswesen nur eingeschränkt praktikabel sei. Begründung: "Das Problem ist, Patienten können sich den Geschäftsgegenstand nicht aussuchen."

So liegt ihm auch die Arzt-Patienten-Beziehung besonders am Herzen. Rückblende 1999: "Wir müssen das Vertrauen der Bürger in die Kompetenz der Ärzte wieder stärken", sagt Hoppe. Er scheut es nicht, die Kollegen anzugreifen, die ihre Patienten erst dann behandeln wollen, wenn diese zuvor eine Vereinbarung über individuelle Gesundheitsleistungen unterschrieben haben.

Über all die Jahre hat er sich schützend vor Patienten gestellt, vor allem dann, wenn Ärzte wie anlässlich der Debatte über den großen Lauschangriff zu Erfüllungsgehilfen von Politik und Kassen gemacht werden sollten.

"Machen wir uns nichts vor: Die Budgets sind nicht weg"

Das ist auch der Grund dafür, dass Hoppe wie kein anderer die Ökonomisierung der Medizin und die Kommerzialisierung des Arztberufs kritisiert - und dabei auch (Fehl-)Verhalten eigener Kollegen offen anspricht. Er widerspricht der Auffassung, dass die unter Horst Seehofer eingeführte strenge Ausgaben-orientierte Gesundheitspolitik erst durch Ulla Schmidt abgeschafft worden sei: "Machen wir uns nichts vor - die Budgets existieren immer noch."

Und weil das so ist, wird Hoppe auch nicht müde, das Thema Rationierung und Priorisierung zu diskutieren. Zwei Überschriften stehen stellvertretend für Hoppes Meinung: "Wer rationiert, muss auch offen dazu stehen." (ÄZ v. 14.5.2008) und "Ärzte sind mittlerweile Allokations-Jongleure." (ÄZ v. 8.5.2009). Er prangert die zunehmende Ökonomisierung in der Medizin an.

Sein Vorgänger Professor Karsten Vilmar spricht in diesem Zusammenhang "von der Feigheit der Politik", den Menschen zu sagen, dass bei begrenzten Mitteln nicht alles zur Verfügung steht, was versprochen wird.

Auch wenn die Politik die Diskussion massiv kritisiert, hält Hoppe diesem Druck stand. Heute gehört das Thema auf jede Tagesordnung, wenn Experten über die Zukunft des Gesundheitswesens debattieren. Allerdings: Hoppes Vorschlag eines nicht demokratisch legitimierten Gesundheitsrats, der Vorschläge zur Priorisierung machen sollte, hat noch keinen Widerhall gefunden.

Den Chronisten zu Folge soll das Violinkonzert Beethovens, das im Auftrag des Geigenvirtuosen Franz-Joseph Clement (1780-1842) geschrieben wurde, am 23.12.1806 in Wien uraufgeführt worden sein. Clement und sein Ensemble erhielten das Manuskript erst am Morgen der Aufführung. Sie waren gezwungen, quasi vom Blatt zu spielen. Als Geigenspieler weiß Jörg-Dietrich Hoppe, wie schwer so etwas ist. Übertragen auf seine Amtszeit: Viele Zuhörer werden Hoppe attestieren, ein exzellentes Konzert gegeben zu haben.

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