Ärzte Zeitung, 14.07.2011

Hintergrund

Vernetzung ist gelebte Praxis

Rund 65.000 Versicherte sind in den sechs erfolgreichsten Ärztenetzen in Bayern eingeschrieben - und täglich werden es mehr. Das Modell der Zukunft, betonen Sprecher der Netze. Sie fordern nun: Der Gesetzgeber muss aktiv werden.

Von Jürgen Stoschek

Vernetzung ist gelebte Praxis

Ärztenetze in Bayern fordern mehr Würdigung der Versorgungsleistungen.

© [M] Stefan Rajewski / Fotolia.com | ill

Für eine vernetzte Gesundheitsversorgung in den Regionen stehen in Bayern aktuell insgesamt etwa 25 Praxisnetze in den Startlöchern. Mittelfristig könnte sich die Zahl auf rund 100 Netze erhöhen. Das sagen zumindest die Manager und Vorsitzenden von sechs Praxisnetzen in Bayern. Alle haben einen Vertrag mit der AOK Bayern - zum Teil seit mehr als zehn Jahren.

Bei einer Ausdehnung der regional vernetzten Gesundheitssysteme auf 100 Praxisnetze in Bayern könnten mehr als eine Million Versicherte der AOK Bayern in den Genuss einer besseren Versorgung kommen, sagten die Sprecher im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung".

Einsparungen sind möglich

Einsparungen von jährlich 250 Millionen Euro seien so möglich, wobei sich die Qualität der Versorgung sogar verbessern würde, hieß es vor dem Hintergrund der laufenden Verhandlungen zwischen dem Bayerischen Hausärzteverband (BHÄV) und der AOK über einen Hausarztvertrag.

Sechs erfolgreiche Netze in Bayern

In Bayern gibt es derzeit sechs Ärztenetze. In Unterfranken ist das Netz "MainArzt" mit 40 Ärzten und rund 3400 eingeschriebenen Patienten aktiv. In Oberfranken gibt es seit 2006 das Netz "UGHO", in dem 64 ärztliche Leistungspartner vernetzt sind. Hier sind über 11.000 Patienten eingeschrieben.

In der Region rund um Nürnberg ist das "Gesundheitsnetz Qualität und Effizienz QuE" mit über 9000 eingeschriebenen Patienten und 105 Ärzten aktiv. In der Region Oberpfalz Mitte rund um Amberg hat sich das "UGOM" zusammengeschlossen.

Hier arbeiten 95 Partner zusammen, 15.350 Patienten sind eingeschrieben. Rund um München gibt es zwei Netze: Bei "Münchner Ärzte" sind 134 Ärzte vernetzt, rund 5700 Patienten eingeschrieben. Über 2000 Patienten sind beim Netz "GMZ" eingeschrieben, das 200 Leistungserbringer in München und weiteren Landkreisen verbindet. (bee)

Das in Bayern älteste der sechs Netze ist das Gesundheitsnetz Qualität und Effizienz (QuE) in Nürnberg mit 105 teilnehmenden Ärzten, das jüngste ist das Praxisnetz Münchner Ärzte, das mit 134 Praxen im Westen der bayerischen Landeshauptstadt und in angrenzenden Gemeinden vertreten ist.

Zur Gemeinschaft gehören außerdem die GMZ GmbH mit 200 Ärzten in Oberbayern, UGOM in der Oberpfalz und UGHO in Oberfranken sowie das Netz MainArzt in Unterfranken. Insgesamt sind in den sechs Netzen derzeit etwa 65.000 Versicherte eingeschrieben.

Erwähnung im Sozialgesetzbuch

"Wir scheuen den Wettbewerb nicht", sagte der Geschäftsführer der GMZ GmbH, Dr. Elmar Schmid. Es müsse aber fair zugehen. Jeder Arzt in Bayern sollte sich frei entscheiden können, ob er in ein Netz gehen möchte. "Unsere Verträge laufen seit Jahren konstant und werden immer wieder weiterentwickelt", betonte Schmid.

Deshalb wäre es an der Zeit, dass die Praxisnetze als eine mögliche Form der Versorgung auch im Sozialgesetzbuch Erwähnung finden sollten. "Wir wollen nicht, dass die Krankenkassen verpflichtet werden, mit den Praxisnetzen 140er Verträge abzuschließen. Es wäre aber schön, wenn noch mehr Kassen auf diesen Erfolgszug aufsteigen würden", sagte Schmid.

Die Verträge, die die sechs Praxisnetze mit der AOK Bayern haben, sind in ihrer Grundstruktur einheitlich, bieten jedoch die Möglichkeit regionale Besonderheiten zu berücksichtigen, erläuterte der Vorstand des Nürnberger Gesundheitsnetzes Qualität und Effizienz (QuE), Dr. Veit Wambach.

Regionalität, Erfahrungsaustausch und Ideenwerkstatt

In den Netzen gebe es auch unterschiedliche Schwerpunkte. Während das eine Netz den Fokus auf die elektronische Vernetzung der Praxen lege, kümmere sich ein anderes Netz um die Weiterentwicklung einer qualitäts- und ergebnisorientierten Vergütung. "Wir lernen voneinander", berichtete Wambach. Der Erfahrungsaustausch solle künftig weiter ausgebaut werden.

Die Stärke der Netze sei ihre Regionalität, erklärte Christian Brucks als Vertreter des Praxisnetzes Münchner Ärzte. Von der Größe her sollten Praxisnetze "überschaubar" sein, so dass sich jeder für das Ganze verantwortlich fühlt. Notwendig sei aber auch ein professionelles Netzmanagement, ergänzte Dr. Andreas Pötzl vom Unternehmen Gesundheit Hochfranken (UGHO) in Rehau.

Ziel der Praxisnetze seien Vollversorgungsverträge, so der Geschäftsführer des Praxisnetzes Unternehmen Gesundheit Oberpfalz-Mitte (UGOM), Dr. Thomas Bahr. Die Praxisnetze seien zugleich aber auch eine Ideenwerkstatt. "Wir sitzen in der Praxis und müssen das dann auch umsetzen.

Das ist was anderes, als wenn man sich in Berlin was ausdenkt", sagte Bahr. Die Veränderungen im Gesundheitswesen verlangten flexible Lösungen. Verträge, die landesweit einheitlich gelten, seien kaum in der Lage, Einsparungen nachzuweisen.

Manche Praxen haben sich weitgehend von der KV gelöst

Um die Versorgung ihrer Versicherten in Praxisnetzen zu fördern, sollten die Krankenkassen die Möglichkeit bekommen Netz-Wahltarife anzubieten, regte Bahr an. Auf diese Weise könnten Patienten, die dauerhaft im Netz bleiben, ebenfalls am Erfolg eines Netzes beteiligt werden. Zudem werde so der Patient stärker in die Verantwortung genommen.

Für manche Netzpraxen seien die Verträge mit der AOK inzwischen ein wichtiges Standbein, berichtete Schmid. "In einzelnen Praxen sind bereits bis zu 80 Prozent der Patienten eingeschrieben", sagte er. Das bedeute, dass diese Praxen schon weitgehend KV-unabhängig seien.

Entsprechend groß sei die Verantwortung der Managementgesellschaft. Die Praxisnetze seien deshalb längst keine "Spielweise der Krankenkassen" mehr, wie gelegentlich zu hören sei, sondern echte Versorgungsrealität. "Die Zukunft hat bei uns schon begonnen", sagte Schmid.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar:
Praxisnetze streben nach Anerkennung

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