Ärzte Zeitung, 13.11.2011

Gerangel um ärztliche Qualität

Besetzen Industrie und Krankenkassen das Thema "Qualitätsmanagement"? ÄZQ-Chef Günter Ollenschläger ist davon überzeugt und rät Ärzten, dagegen zu halten.

Von Anno Fricke

Ärzte, Industrie und Kassen rangeln um den Einfluss auf die Qualitätssicherung

Die Akte QM: Ärzte sollte sie sich nicht aus der Hand nehmen lassen.

© Christian Jung / fotolia.com

BERLIN. Die von den Ärzten erbrachte Qualität ist ein Markenzeichen, das sich die Ärzte nicht aus der Hand nehmen lassen sollten.

Diese These vertrat Günter Ollenschläger, der Leiter des Ärztlichen Zentrums für Qualität in der Medizin (ÄZQ), als Hauptredner bei der Bundesversammlung des NAV-Virchowbundes.

Die aktuelle Diskussion um Qualitätsmanagement und Qualitätssicherung in der Praxis sieht Ollenschläger als Indiz für den Umschlag vom Preis- in den Qualitätswettbewerb.

"Bürokratisch überfrachtet und verordnet"

Es sei für die Ärzteschaft deshalb wichtig hinzuschauen, was genau methodisch dabei geschehe.

Qualitätsmanagement-Maßnahmen würden von Theoretikern entwickelt, nicht aus der Praxis heraus, seien bürokratisch überfrachtet und von oben aus dem Gemeinsamen Bundesausschuss oder von den Kassen verordnet. Ziel sei die externe Kontrolle über die ärztliche Arbeit.

Die Gemengelage sei intransparent und interessengeleitet. Berater, Zertifizierer, Buchautoren und neuerdings auch Adressenhändler versuchten an der Entwicklung von Qualitätsmanagent-Maßnahmen zu verdienen.

Beispiel Bewertungsportal

Industrie, Kassen und Stiftungen seien dabei, das Thema Qualität zu besetzen. Ein Beispiel seien die Arztbewertungsportale, die die Kassen für absolut notwendig hielten.

Dahinter stehe die langfristig angelegte Strategie, beliebte Ärzte und Krankenhäuser zu identifizieren, um sie für Selektivverträge zu gewinnen.

Ollenschläger riet Ärzten zu Zertifizierungsverfahren in Zusammenarbeit mit ärztlichen Verbänden.

Darauf könnten sie als ärztliche Unternehmer, die Qualitätsprojekte durchführten, mehr Einfluss nehmen, als wenn sie "industriegeleitete Angebote" einkauften, deren Hintergründe nicht zu durchschauen seien.

"Nicht abhängig machen"

Wissenschaftliche Erkenntnisse in der Praxis zu nutzen, werde für Ärzte immer komplizierter, teurer und unsicherer. Der Wunsch nach unabhängigen Informationsquellen werde von dem immer komplexeren Informationsangebot konterkariert.

Ärzte sollten dagegen halten, um sich nicht von den Informationen interessierter Kreise abhängig zu machen.

Dazu gehöre auch Misstrauen gegenüber den Meinungsführern im Gesundheitswesen, "die zum großen Teil auf den Gehaltslisten von Firmen stehen, deren Themen nachher in Leitlinien auftauchen", sagte Ollenschläger.

Der ÄZQ-Chef plädierte für die Verknüpfung elektronischer Patientendaten mit möglichst unabhängigen medizinischen Quellen als "künftig notwendige Technologie".

"In den zwei bis drei Minuten, die der Patient vor Ihnen sitzt, sind diese Informationen überlebenswichtig", sagte Ollenschläger.

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