Ärzte Zeitung, 21.11.2011

Kassen-Navigator: KBV dreht den Spieß um

Das Internet wird zur Arena. Als Reaktion auf die Arztbewertungsportale der Krankenkassen bereitet die Kassenärztliche Bundesvereinigung den "Kassen-Navigator" vor. An den Start gehen soll das Portal schon 2012.

Von Anno Fricke

Kassen-Navigator: KBV dreht den Spieß um

Kassen-Navigator: KBV dreht den Spieß um

Kassen-Navigator: KBV dreht den Spieß um

BERLIN. Die Pleiten der City BKK und der Heilberufe BKK beunruhigen viele gesetzlich Versicherte. Das geht aus der Versichertenbefragung 2011 der Mannheimer Forschungsgruppe Wahlen im Auftrag der KBV hervor.

Immerhin 15 Prozent der mehr als 2.000 Ende September befragten Menschen sorgten sich, von einer anderen Krankenkasse aufgenommen zu werden, sollte die eigene Kasse dichtmachen müssen.

Dies treibe vor allem die Menschen um, die öfter als zehn Mal im Jahr einen Arzt aufsuchen, sagte Matthias Jung von der Forschungsgruppe bei der Vorstellung der Umfrageergebnisse am Montag in Berlin.

Bedarf an Informationen nicht gedeckt

Zu wenig über das Gesundheitssystem informiert zeigten sich die Befragten auch einer weiteren Studie, die die Medizinische Hochschule Hannover für die KBV erstellt hat.

"Insgesamt scheint der Informationsbedarf der Menschen in Bezug auf die Versorgung nicht gedeckt", kommentierte KBV-Chef Dr. Andreas Köhler die Ergebnisse beider Untersuchungen.

Wenn die Kassen ihren eigenen Ansprüchen, die Versicherten ausreichend zu informieren, nicht genügten, dann müsse die Ärzteschaft dies selbst in die Hand nehmen.

Angebot der Kassen vergleichen

Köhler kündigte an, dass die KBV im kommenden Jahr einen "Kassen-Navigator" an den Start bringe. Versicherte könnten damit im Internet das Leistungsangebot ihrer Kassen bewerten.

Damit reagiert die KBV auf die Arztbewertungsportale, die die AOK, die Barmer GEK und der Verband der Ersatzkassen in der jüngeren Vergangenheit aufgelegt haben.

Bislang haben zehn Prozent der Versicherten, die an der Umfrage der Forschungsgruppe Wahlen teilgenommen haben, ein solches Portal genutzt, immerhin drei Prozent mehr als im Jahr 2010.

Relevanz überschätzt?

Von diesen hat laut der Umfrage mehr als die Hälfte die Arztbewertungen im Internet als nicht hilfreich empfunden, Tendenz steigend.

"Die Krankenkassen überschätzen die Relevanz von Arztbewertungsportalen", sagte KBV-Vorstand Dr. Carl-Heinz Müller dazu.

Die Verunsicherung, die die Angebote Individueller Gesundheitsleistungen (IGeL) unter den Versicherten auslösen, ist bei der KBV angekommen. Ärzte haben knapp einem Viertel der Befragten eine solche Leistung von sich aus angeboten.

Verhältnis weitgehend unbeschädigt

In 33 Prozent der Fälle geschah dies durch den Hausarzt, in 63 Prozent durch Fachärzte. Während acht Prozent (minus fünf Prozent gegenüber 2010) der Patienten die Zeit, die ihnen der Hausarzt einräumte, über das Angebot nachzudenken, als zu kurz empfanden, waren es bei den Fachärzten 24 Prozent (plus neun Prozent).

Diese Tendenz trieb Andreas Köhler die Sorgenfalten auf die Stirn. "Es soll nicht der Eindruck entstehen, dass Ärzte das Arzt-Patientent-Verhältnis nutzen, um etwas zu verkaufen."

Dieses Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patient zeigt sich trotz der Versichertenkritik weitgehend unbeschädigt. Mehr als 90 Prozent geben ihm die Note "sehr gut" oder "gut".

Aut-idem verunsichert alte Menschen

Die Tendenz weist allerdings deutlich Richtung "gut". Dies gilt analog auch für die Antworten auf die Frage nach der gefühlten Fachkompetenz des Arztes, die 92 Prozent mit den Noten eins und zwei bewerteten.

44 Prozent der Befragten halten die Aut-idem-Substitution von Medikamenten für falsch, 49 Prozent für richtig.

Für KBV-Vorstand Carl-Heinz Müller ist dieses Verhältnis dennoch ein Indiz dafür, dass der Austausch von gewohnten Medikamenten gegen wirkstoffgleiche Präparate nicht sehr akzeptiert ist.

Vor allem ältere Patienten würden dadurch verunsichert. Abhilfe könne das von KBV und Apothekerverbänden entwickelte Modell einer reinen Wirkstoffverordnung schaffen, sagte Müller. Dieses Konzept soll laut Entwurf des Versorgungsstrukturgesetzes in einer Testregion erprobt werden (wir berichteten).

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