Ärzte Zeitung, 15.12.2011

Interview

"Ein Arzt in Marzahn wird nicht mehr verdienen als am Ku'damm"

Mario Czaja hat als neuer Berliner Gesundheitssenator etliche Baustellen übernommen: die regional ungleiche Versorgung oder der Ärztemangel in den Gesundheitsämtern sind nur einige. Im Interview mit der "Ärzte Zeitung" erläutert der CDU-Politiker, welche Probleme er zuerst anpacken will.

"Wir brauchen eine gleichmäßige Versorgung"

Senator Czaja: "Ich will den Fokus stärker auf die Gesundheitspolitik legen als die Vorgängerverwaltung."

© Hannibal / dpa

Ärzte Zeitung: Was sehen Sie als ihre Arbeitsschwerpunkte an?

Mario Czaja (CDU)

Aktuelle Position: Senator für Gesundheit und Soziales in Berlin.

Werdegang/Ausbildung: Versicherungskaufmann, seit 2010 Betriebswirt nach berufsbegleitendem Fernstudium, Diplomarbeit über "Betriebswirtschaftliche Chancen und Risiken des Modells Praxisklinik für den niedergelassenen Facharzt".

Karriere: 2001 bis 2011 gesundheitspolitischer Sprecher der CDU-Fraktion im Abgeordnetenhaus, seit 2006 stellvertretender Fraktionsvorsitzender.

Privates: geboren 1975 in Berlin.

Mario Czaja: In der Gesundheitspolitik liegt ein wesentlicher Schwerpunkt beim öffentlichen Gesundheitsdienst. Die Vorgaben des einvernehmlich abgestimmten Mustergesundheitsamtes wollen wir mit Leben erfüllen.

Dazu muss das Problem der nicht ausreichenden Personalausstattung aufgrund der hier zu niedrigen Arztgehälter und erschwerten Außeneinstellungen gelöst werden.

Ärzte Zeitung: Wie will man das finanzieren?

Czaja: Dass das zusätzliche Geld kostet, ist jedem klar. Im Koalitionsvertrag haben wir uns dazu bekannt. Wir werden das jetzt im Rahmen der Haushaltsplanumstellung diskutieren.

Es gibt nur zwei Möglichkeiten: Entweder wir bekommen neue Ärztinnen und Ärzte oder wir entscheiden uns dafür, nicht mehr alle Kinder zur Einschulungsuntersuchung zu schicken.

Das wollen wir aber nicht, weil diese Untersuchungen nicht nur für die Kinder und deren Eltern selbst so wichtig sind, sondern die Untersuchungsergebnisse auch ein reales Bild geben über den Zustand der Gesundheit der Berliner Kinder.

Daraus lässt sich ableiten, an welcher Stelle in welchem Berliner Stadtgebiet gehandelt werden muss, wenn es Defizite gibt.

Ärzte Zeitung: Welche Schwerpunkte setzen Sie in der ambulanten Versorgung?

Czaja: Wir haben im Allgemeinen eine gute Ausstattung mit Fach- und Hausärzten, aber es gibt auch eine regionale Ungleichverteilung. Das Versorgungsstrukturgesetz ermöglicht im Rahmen von Zuschlägen und kleineren Versorgungsbereichen diese Disparitäten auszugleichen.

Diese Möglichkeiten werden wir nutzen. Dazu brauchen wir die Zusammenarbeit mit der KV. Mit ihr wollen wir über kleinere Versorgungsbezirke und Zuschläge in verschiedenen Gebieten sprechen.

Ärzte Zeitung: Das kann dann heißen, dass zum Beispiel der Arzt in Ihrem Wahlbezirk Marzahn plötzlich mehr verdient als der in Charlottenburg, obwohl es bisher umgekehrt war?

Czaja: Er wird möglicherweise bei der Versorgung von gesetzlich Versicherten keine Fallzahlbegrenzung haben, im Gegensatz zu dem Arzt am Kurfürstendamm, der dem gegenüber mehr Möglichkeiten hat, Einnahmen zu erzielen, sei es durch IGeL-Leistungen oder Privatpatienten.

Aber das wird das nicht dazu führen, dass eine Ärztin oder ein Arzt in Nord-Neukölln oder Marzahn mehr verdient als die Mediziner am Kurfürstendamm. Wie schon gesagt, werden wir die neuen Möglichkeiten nutzen, die das Versorgungsstrukturgesetz hier eröffnen werden.

Ärzte Zeitung: Glauben Sie, dass die Mittel des Versorgungsstrukturgesetzes ausreichen, um Ärzte nach Marzahn zu holen?

Czaja: Es ist ein Weg in die richtige Richtung. Ob es allein so funktioniert, werden wir sehen. Das Problem besteht ja nicht nur zwischen Bezirken, sondern auch zwischen Ortsteilen. So ist beispielsweise im Süden von Neukölln die Versorgung gesichert, im Norden dagegen problematisch.

Ärzte Zeitung: Weiter entlang der Versorgungskette: Wie steht es um die Kooperation zwischen niedergelassenen Ärzten und Krankenhäusern?

Czaja: Ambulante und stationäre Versorgung wollen wir enger miteinander verzahnen. Dafür haben wir im Koalitionsvertrag festgelegt, dass wir ein gemeinsames Gremium gründen wollen, den Landesbeirat für Integrierte und sektorenübergreifende Versorgung.

Darin muss es auch um das Entlassungsmanagement gehen. Das ist wichtig vor dem Hintergrund kürzerer Verweildauern in den Krankenhäusern und der immer älter werdenden Bevölkerung.

Ärzte Zeitung: Bei den Krankenhäusern haben Sie nur wenig Gestaltungsspielraum, denn der Krankenhausplan ist vor kurzem erst beschlossen worden…

Czaja: Ja, aber wir machen ja langfristige Gesundheitspolitik. Ich meine, die Krankenhausplanung sollte detaillierter als bisher die einzelnen Disziplinen ausweisen. Fehlentwicklungen könnten so besser entgegengewirkt werden.

Im neuen Krankenhausplan ist beispielsweise die Bettenzahl in der Geriatrie gestiegen, dies ist richtig vor dem Hintergrund des demografischen Wandels. Die Zahl der Betten in der Inneren Medizin ist dagegen gleich geblieben.

Bei den Krankenhäusern spielt auch der Wirtschaftsfaktor eine immer größere Rolle. Dabei müssen wir in Zukunft stärker darauf achten, dass bei der Notwendigkeit für die Kliniken, die Wirtschaftlichkeit mit zu berücksichtigen, nicht diejenigen im Nachteil sind, die die weniger lukrativen Fälle behandeln und sich dabei qualitativ hochwertiger Behandlung verpflichtet fühlen.

Ärzte Zeitung: Wie steht es um die Gesundheitswirtschaft?

Czaja: Die Gesundheitswirtschaft ist für den neuen Senat ein wichtiges Thema. Die rot-rote Gesundheitspolitik wurde meiner Meinung nach zu sehr aus dem reinen Versorgungsgedanken heraus gedacht.

Berlin hat das Potenzial, sich zum wichtigsten Gesundheitsstandort bundesweit zu entwickeln. Dieses Potenzial muss stärker ausgeschöpft werden. Jeder neunte Berliner arbeitet schon jetzt im Gesundheitswesen.

Das Cluster Gesundheitswirtschaft hat große Wachstums- und Beschäftigungspotenziale. Die Wertschöpfung liegt hier jetzt schon bei 14 Milliarden Euro, mit steigender Tendenz.

Unbedingt angeführt werden muss noch die besondere Attraktivität Berlins als Wissenschafts- und Forschungslandschaft und die qualitativ hochwertige gesundheitliche Versorgungsstruktur.

Ärzte Zeitung: Im Koalitionsvertrag ist angekündigt, dass mit den Akteuren des Gesundheitswesens in Berlin enger zusammengearbeitet werden soll. Wie darf man sich das vorstellen?

Czaja: Ich werde als Senator den Fokus stärker auf die Gesundheitspolitik legen, als dies in der Vorgängerverwaltung der Fall war. Dazu will ich mit der Ärztekammer, der Krankenhausgesellschaft und der KV - bei allen Problemen, die wir momentan mit letzterer haben - einen konstruktiven Dialog pflegen. Ich glaube, dass wir die beschriebenen Herausforderungen nur gemeinsam meistern können.

Die Fragen stellte Angela Mißlbeck.

[16.12.2011, 21:13:30]
Dr. Bernhard reiß 
Mehr Geld im sozialen Brennpunkt
Zum Plan, daß ein Arzt in sozial schwachen Gebieten mehr verdient als der im Nobelviertel: ha,ha,hahahahah zum Beitrag »
[16.12.2011, 14:59:08]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Gesundheitspolitisches "Warmduschen"?
Da möchte ich als alter 'Berliner' widersprechen: Vertragsärzte/-innen in sozialen Brennpunkten und Problembezirken wie Berlin-Marzahn sollen und m ü s s e n mit 10-12 Stunden Arbeitstagen mehr verdienen, als GKV-Hobbypraxen am Kurfürstendamm, die lieber ihre Privatklientel bedienen.
Wo bleibt der Leistungsgedanke in der CDU-Gesundheits- und Sozialpolitik? Außerdem würde es die Attraktivität von unterversorgten Bezirken verbessern, wenn dort Fallzahlbegrenzungen abgeschafft und Mengenabstaffelungen ausgesetzt werden. Berlin-Marzahn ist für klinisch tätige Ärzte mit dem Unfallkrankenhaus Berlin (ukb) ein hochattraktiver Standort, nicht zuletzt durch das Engagement von Prof. Axel Ekkernkamp, Ärztlicher Direktor und Geschäftsführer, der von der Ruhr-Universität Bochum kam.

Im Übrigen wird die "gute Ausstattung mit Fach- und Hausärzten", wovon der neue Berliner Gesundheitssenator und Dipl. Betriebswirt Mario Czaja spricht, ganz sicher nicht durch einen aufgeblähten ärztlichen Dienst im Öffentlichen Gesundheitswesen verstärkt, sondern eher die Verwaltung v o r die Versorgung gestellt. Präventive, diagnostische, therapeutische, kurative, operative u n d palliative Versorgung ambulant-stationär sicherzustellen, d a s ist die Herausforderung. Dazu gehört, dass man es nicht Allen Recht machen kann, sondern klare Ansagen macht und Widersprüche als "kalte Dusche" annimmt.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
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