Ärzte Zeitung online, 07.11.2014

Medizinstudium

Regierung will Defizite beheben

Die Bundesregierung geht das Medizinstudium an. Die teuren Studienplätze sollen mehr gesellschaftlichen Ertrag abwerfen.

Regierung will Defizite beheben

Die Regierung plant Reformen beim Medizinstudium.

© Peter Atkins/Fotolia.com

BERLIN. Die Regierung plant Reformen beim Medizinstudium. Der gesundheitspolitische Sprecher der Unionsfraktion, Jens Spahn (CDU), hat eine Bund-Länder-Arbeitsgruppe dazu angekündigt.

"Nach der Uniklinikfinanzierung sprechen wir über das Medizinstudium", sagte Spahn bei der Hauptversammlung des NAV-Virchowbundes am Freitag in Berlin.

Die Koalition will damit offenbar den Druck auf die Länder erhöhen, bereits erkannte Defizite im Medizinstudium anzugehen. "Die Gesundheitsminister der Länder beschließen dauernd, was sich ändern muss. Aber die Wissenschaftsminister tun nichts", sagte Spahn.

Deshalb sollen die für die Universitäten zuständigen Länderressorts von Anfang an mit an diesem Runden Tisch sitzen, kündigte Spahn an. Auch die Fakultäten und die Ärztekammern müsse man dazuholen. Die Geduld der Bundespolitiker scheint erschöpft.

Es gebe kein anderes Studienfach, in dem das Missverhältnis zwischen dem, was an gesellschaftlichem Bedarf da sei und dem was tatsächlich rauskomme, so groß sei, sagte Spahn.

Die Ärztin Sabine Dittmar, für die SPD im Bundestag, warnte vor den Lücken in der Aus- und Weiterbildung. In der ärztlichen Ausbildung würden nur sehr ausgewählte Krankheitsbilder vermittelt.

Mancher Ordinarius habe noch nicht verstanden, dass viele Krankheiten komplett in den ambulanten Sektor abgewandert seien und in den Kliniken nicht mehr vermittelt würden, ergänzte der NAV-Virchowbund-Vorsitzende Dr. Dirk Heinrich.

Die Weiterbildung müsse ambulanter werden. Damit lasse sich auch Interesse an der Niederlassung wecken.

Nachdem die Koalition bereits erste gesetzliche Schritte zur Stärkung der hausärztlichen Weiterbildung unternommen hat, rückt auch die fachärztliche Weiterbildung in den Fokus.

"Der Einfluss der Weiterbildung auf die Patientenversorgung ist enorm, sagte Dr. Ellen Lundershausen von der BÄK.

Heinrich bleibt für weitere vier Jahre Bundesvorsitzender des NAV-Virchowbundes. Die Delegierten bestätigten den Hamburger HNO-Arzt am Samstag in Berlin mit 96 Prozent der Stimmen im Amt.

Dr. Veit Wambach aus Nürnberg ist weiterhin sein Stellvertreter. (af)

[10.11.2014, 19:05:30]
Dr. Claus Kühnert 
Die Defizite beginnen bereits frühzeitig, kausal und mit der Insuffizienz bei der Auswahl,dem Studium und der später zu hohen Toleranz der Ärzteschaft gegenüber der Politik (Gesundheitsminister etc.)
Seit Jahren läuft dieses unsinnige Hick-Hack über die Strukturen und Effizienz unseres Gesundheitswesens,die Qualität ärztlicher Versorgungen, Mangel oder gar zuviel an Ärzten, vor allem aber Ärztemangel auf dem Land etc. p.p.
Unabhängig vom 4-jährigen parlamentarischen und Regierungszirkus, sowie der mehr oder minder großen Insuffizienz der jeweiligen Gesundheitsminister, selbst ein temporär tätiger "Facharztminister" blieb unter dem Niveau mancher "Nichtmediziner", es blieb und bleibt immer beim üblichen Palaver. Bei unserer Tendenz zur Orientierung an anderen Ländern, besonders den wo es noch schlechter funktioniert und /oder mehr kostet, können wir doch relativ gut mit unseren Kausalfehlern leben. Das wird sich m.E. auch kaum ändern, solange wir unsere medizinische Grundausbildung (Studium) Gremien überlassen, die nur den Verwaltungsweg kennen und ggf. beherrschen. Das soll heißen, wenn wir, obwohl schon 1000 x erwähnt oder "andiskutiert", das Studienauswahlverfahren immernoch am 'numerus clausus" (NC) festmachen und überwiegend Pauker und fleissige Lieschen zum Studium zulassen und auf Praxisbindung verzichten, solange werden wir weiterhin der Effizienz nachlaufen. Das soll keinesfalls heissen, dass alle bisherige Ärzte versagt haben, denn dann wäre ich auch einbezogen, sondern bedeutet, dass die Gesellschaft einschließlich der Familien der Studienanwärter zuviel Hoffnungen und Wünsche implizieren anstatt auf solide praktikable Grundlagen zu vertrauen. Wenn ein Abiturient am Ende nur weis, dass er studieren will, das Fach aber mehr im Familienver- band "gefunden" wird(...werde doch Arzt wie der Opa oder Vati, das ist doch ein hochangesehener Beruf mit gutem Verdienst und schöner Dienstbekleidung"..) und von der 1,0 - max. 1,2 vorgegeben wird, dann liegt und bleibt alles im Argen. Falls dann, wie leider so häufig, junge 'Mediziner' und selbst gestandene Kollegen(innen)beim Ablichten in Zeitschriften, vor allem im Deutschen Ärzteblatt, sich mit dem Stethoskop um den Hals "zum Affen machen" und vom "Emergency room" träumen wirds total peinlich. Manche junge Kollegen können heute schon nicht mehr ausreichend auskultieren, geschweige denn Lungen- oder Herzgrenzen perkutieren. Sollten wir nicht endlich zu einer qualitativ hochwertigen Auswahl unseres ärztlichen Nachwuchses zurückfinden und es nicht mehr Verwaltungsgremien wie 'hochschulstart. de.-medizin' auf der Basis der Pünktchenvergabe und NC überlassen?
Wir benötigen junge Wissenschaftler/Ärzte, die bereits vor dem Studium wissen was sie erwartet und was sie ggf. temporär auch mal entbehren müssen. D.h. grundsätzlich eine frühzeitige Beziehung zum künftigen Beruf durch ein pflegerisches Praktikum (z. B. früher Zivi.-Jahr o.Ä.) bzw. eine bereits vorbestehende medizin. Berufsausbildung (Krankenschwester, - pfleger, MTA).
Unser ärztlicher Nachwuchs muss bereits klare Vorstellungen, sehr gute Wissenskenntnisse (auch Allgemeinwissen)und die Fähigkeit besitzen Gelerntes fachgebietsübergreifend miteinander zu verknüpfen um eine konkrete Diagnose stellen und Therapie veranlassen zu können. Wir benötigen wieder mehr praxisgebundene Zeit (Praktika, Seminare, Untersuchungen am Krankenbett während des Studiums etc. p.p.)und Zeit zur Erhebung einer Anamnese, dies ist die Mutter der Diagnose! Das technische 'Know how'kommt danach sachbezogen und nicht en masse.
Bei der Primärauswahl zum Medizistudium muss den Universitäten mehr Mitwirkung und Handlungsspielraum eingeräumt werden, auch wenn das eine Mehrbelastung ist, die sich aber später und auf Dauer auszahlt
(weniger Studienabbrecher und vor allem weniger ärztliche Tiefflieger im Beruf auf Dauer).
Natürlich bedarf es dafür auch mehr und ausreichender finanzieller Ressourcen. Der Ausstieg aus der defizitären Fallpauschale und vor allem die Abschaffung der unnötigen KV-en wären effiziente Optionen für einen finanziellen Zugewinn für den stationären und ambulanten Sektor, sowie die Pflegekasse.
dokuet

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[10.11.2014, 13:02:11]
Dr. Rüdiger Storm 
Politikerspiele
"Es gebe kein anderes Studienfach, in dem das Missverhältnis zwischen dem, was an gesellschaftlichem Bedarf da sei und dem was tatsächlich rauskomme, so groß sei, sagte Spahn."
Spahn liegt mit seinen knackigen Formulierungen gerne mal völlig falsch, damit lässt sich höchstens Schlagzeile machen. Aber das genügt dann schon.
Anscheinend glaubt jeder der schon mal beim Arzt war mitreden zu können.

In keinem anderen Fach maßen sich Fachfremde an so viel reinregieren zu wollen wie in der Medizin.
Bei Zunahme der alternden multimorbiden Anteile sollte man bestrebt sein den Beruf deutlich attraktiver zu machen. Natürlich bei gleichem Ausgabenanteil.

Warum der Nachwuchs gerne mal frustriert ins Ausland abwandert, das fragt sich keiner der Herren Politiker.

Nur im Bürokratieaufbau wird hervorragende Arbeit geleistet, und der Arzt hat dafür immer weniger Zeit für den Patienten.  zum Beitrag »

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