Ärzte Zeitung online, 11.06.2015

Klinik-Ratingreport

So schlecht steht es um die Krankenhäuser

Die Insolvenzgefahr steigt, rund 200 kleinere Kliniken stehen vor dem Aus: Dieses düstere Bild zeichnet der Klinik-Ratingreport 2015, der am Donnerstag auf dem Hauptstadtkongress vorgestellt wurde. Aber es gibt auch Lichtblicke.

Von Anno Fricke

So schlecht steht es um die Krankenhäuser

Das Klinikum in Offenbach: Die Investition in den Neubau hatte die Kommune überfordert , das Klinikum wurde privatisiert.

© Dedert / dpa

BERLIN. Mehr als jedes sechste Krankenhaus in Deutschland (16 Prozent) ist von Insolvenz bedroht. Fast alle dieser deutlich mehr als 300 Krankenhäuser stehen in Baden-Württemberg, Niedersachsen, Bremen, Bayern und Hessen.

In den neuen Ländern zeigt sich der stationäre Sektor nach den harten Strukturreformen der 1990er-Jahre wirtschaftlich gefestigt.

Das ist ein Ergebnis des aktuellen Krankenhaus-rating-Reports von RWI, der Stiftung Münch und der Philips GmbH. Der Report beruht auf einer Stichprobe von rund 750 Jahresabschlüssen der Jahre 2012 und 2013. Er wurde am Rande des Hauptstadtkongresses in Berlin vorgestellt.

30 Prozent machen Miese

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Auf Konzernebene hätten 30 Prozent der Krankenhäuser Verluste geschrieben, berichtete Dr. Sebastian Krolop von Philips. 2012 seien es noch 33 Prozent gewesen. Über alle Häuser sei eine Umsatzrendite von 1,2 Prozent erwirtschaftet worden.

Die Unterfinanzierung besteht dennoch fort. Den jährlichen Investitionsbedarf beziffern die Autoren des Reports auf 5, 3 Milliarden Euro. Derzeit bezahlen die dafür zuständigen Länder jedoch nur rund 2,7 Milliarden Euro im Jahr. Inzwischen sei ein Investitionsstau von mindestens zwölf Milliarden Euro aufgelaufen, sagte Krolop.

Ändere sich daran nichts, steige der Anteil von Krankenhäusern mit erhöhter Insolvenzgefahr in den kommenden fünf Jahren auf 27 Prozent. Die Konsequenz: In den alten Bundesländern wäre dann mehr als jedes zweite Krankenhaus tief in den Miesen.

Um den stationären Sektor zu sanieren, seien Produktivitätssteigerungen und Marktaustritte nötig, sagte Dr. Boris Augurzky vom RWI.

Das Institut habe hochgerechnet 205 kleinere Krankenhäuser ausgemacht, die geschlossen werden könnten, ohne dass es zu Versorgungsengpässen komme.

Das sind zehn Prozent der noch 2000 Häuser, allerdings deutlich weniger, wenn man die Zahl der Betten zu Grunde legt. Etwa 700 Millionen Euro im Jahr ließen sich damit einsparen.

Die Schließung solle ein aktiver Strukturfonds betreiben, eine Art "Bad Bank", schlägt Augurzky vor. Dieser Fonds könne Kliniken abwickeln, wenn für einen Träger weder eine Sanierung noch ein Verkauf in Frage komme.

Fonds aus Bundesmitteln

Der Fonds solle aus Bundesmitteln gespeist werden. Benötigt werde dafür eine Anfangsdotierung von 2,7 Milliarden Euro. Dem stünden Erlöse aus dem Handel mit den freiwerdenden Casemix-Punkten gegenüber.

Die Alterung der Gesellschaft fordere Effizienzverbesserungen zur Vermeidung von Rationierung im Gesundheitswesen. Die seien nur in integrierten, nationalen und regionalen Verbünden erzielbar, so Augurzky.

Ein weiteres Ergebnis des Reports: Der ärztliche Dienst hat die Pflege als größten Posten der Personalkosten in Krankenhäusern abgelöst. Demnach entfielen im Jahr 2013 rund 31 Prozent der Personalkosten auf die Ärzte.

Diese Entwicklung werde die Kliniken zu tief greifenden Änderungen der Arbeitsorganisation zwingen. "Delegation und Substitution sowie die Digitalisierung der Prozesse müssen vorangetrieben werden", sagte Krolop.

[21.06.2015, 10:24:46]
Dr. Wolfgang P. Bayerl 
gute Kommentare!
Des Pudelskern sowohl bei Politik wie auch bei der DKG ist die ökonomische Dominanz der Akteure.
In der Politik mit schönen Worten verschleiert, im Krankenhaus (und natürlich den "Kostenträgern") ganz unverschleierte Realität.
Was kann so ein dummer Ökonom am besten?
Personal einsparen! Damit ist schon so manches Krankenhaus in die Knie gegangen.
Musterbeispiel die Zerstörung der ehemals operativen internationalen Spitzenklinik Uni-Mannheim, ein Trauerspiel.
Ärztlicher Sachverstand und damit letztlich die Behandlungsqualität bleibt auf der Strecke.

Die dritte, vielleicht gar die wichtigste Säule, das Risikoverhalten des "Patienten" wird von Politik und Medienöffentlichkeit konsequent ausgeblendet. Das machen andere Länder besser!

Pseudomedizin macht sich breit zum Beitrag »
[19.06.2015, 15:40:14]
Andrea Gerber 
Einnahmen der Krankenhäuser sichern und steigern
Hohe Kodierqualität als wichtiger Faktor zur Sicherung der Erlöse

Der aktuelle Krankenhaus Rating Report 2015, der kürzlich beim Hauptstadtkongress in Berlin vorgestellt wurde, kommt zu einem ernüchternden Ergebnis: Mehr als jedes sechste Krankenhaus in Deutschland (16 Prozent, über 300 Einrichtungen) ist von Insolvenz bedroht.
5,3 Milliarden Euro jährlich müssten außerdem in den nächsten Jahren investiert werden. Wenn sich also nichts Grundlegendes ändert, steckt in den alten Bundesländern wohl bald mehr als jedes zweite Krankenhaus tief in den roten Zahlen.

Die finanzielle Situation vieler Krankenhäuser ist u. a. deshalb kritisch, weil etliche Behandlungsfälle aus Kapazitätsgründen nicht leistungsgerecht verschlüsselt und Rechnungen sehr spät gestellt werden. Hunderttausende von Euro könnten durch eine Verbesserung des Erlösmanagements gewonnen werden.

Mit einer höheren Qualität der Kodierung ließen sich die Erlöse also deutlich steigern. Doch was genau macht diese Qualität aus? Um alle Leistungen der Ärzte und Pflegenden im DRG- oder PEPP-System abzubilden, benötigen die Kodierenden neben umfassenden Kenntnissen in der DRG-Verschlüsselung auch eine ausreichende medizinisch-klinische Erfahrung. Eine möglichst genaue Patientendokumentation ist ebenfalls von großer Bedeutung, da nur so optimal kodiert werden kann.

Ein erster Schritt wäre, ausreichend Personal einzustellen und die Kodierkräfte laufend zu schulen. Recht wirkungsvoll ist auch die fallbegleitende Kodierung, bei der die Kodierer die Visite begleiten. Eine sehr effektive Lösung in „heißen“ Phasen ist, externe Ressourcen zu nutzen, vor allem dann, wenn kurzfristig keine neuen Kodierfachkräfte oder Medizincontroller eingestellt werden können.

Außerdem müssen die Aufgaben konsequent aufgeteilt werden. „Ärzte sind zur Behandlung von Patienten da!“ Nur so kann sich das medizinische Personal wieder verstärkt seinen eigentlichen Aufgaben widmen. Folglich lassen sich beim Einsatz von qualifizierten internen Fachkräften mit externer Unterstützung durch Spezialisten auch die DRG-Kodierung und die Bearbeitung von MDK-Gutachten in angemessener Qualität erledigen. Auf diese Weise werden Krankenhäuser und Kliniken auf Dauer nicht nur medizinisch, sondern auch wirtschaftlich erfolgreich sein.

Andrea Gerber
elbamed zum Beitrag »
[12.06.2015, 12:27:36]
Dr. Ilona Köster 
Fokussierung auf Verluste verkennt Versorgungsbeitrag
Die Überlegung, dass in Deutschland zu viele Krankenhäuser existieren, ist nicht neu. Auch nicht, dass durch Konzentration und Reduktion Kosten gespart werden können. Was in dieser Diskussion und auch im Artikel aber zu kurz kommt, ist die Frage, ob die Tatsache, dass ein Haus Verluste aufweist, gleichbedeutend damit ist, dass genau dieses Haus überflüssig ist. Angesichts der Schieflagen in der Vergütung, die bestimmte, insbesondere planbare Leistungen bevorzugt, dürfen Zweifel angemeldet werden. Vor allem, da wir gerade in diesen Leistungsbereichen auffällige Mengenentwicklungen in Deutschland haben.

Eine unreflektierte neoliberale Vorgehensweise, die ausgerechnet die notwendigen Versorger in Insolvenz und assistierte Auflösung treibt, wäre demnach mit Blick auf die Versorgungssicherheit der Patienten fatal. Vor diesem Hintergrund ist der Ansatz im KHSG zielführender, zunächst festzulegen, welche Versorgung gebraucht wird, und jene Häuser zu unterstützen, die wegen ihrem Engagement in diesen besonders versorgungsrelevanten Leistungsbereichen in die roten Zahlen geraten. Bleibt nur zu wünschen, dass das auch effektiv umgesetzt und nicht durch Lobbyinteressen verwässert wird. zum Beitrag »
[12.06.2015, 10:57:11]
Andrea Gerber 
Pflegepersonal in Not – Besserung in Sicht?
Der Präsident des Deutschen Pflegerats (DPR), Andreas Westerfellhaus, schlägt Alarm: „Unbestritten ist, dass bereits heute in den Krankenhäusern 50.000 Pflegende fehlen.“ Die Pflegekräfte arbeiteten an den Grenzen ihrer Belastungsfähigkeit. Durch die gravierende personelle Unterbesetzung seien die Versorgung, Betreuung und Sicherheit der Patienten gefährdet, so der Präsident des Deutschen Pflegerats. Die Bundesregierung müsse die Tragweite der aktuellen Probleme der professionellen Pflege im Krankenhaus endlich anerkennen und dringend handeln.

Ein wichtiger Schritt wäre, „wenn ab 2015 die Verwendung der in den DRG kalkulatorisch enthaltenen Kosten für den Pflegeaufwand für Pflegestellen im Rahmen der Budgetverhandlungen und/oder unter dem Attest eines Wirtschaftsprüfers durch die Krankenhäuser nachgewiesen werden müssten.“ Damit ließe sich sicherstellen, dass die für die pflegerische Versorgung kalkulierten Mittel auch wirklich für Personal ausgegeben werden. Auch müssten die Erstattung durch die Krankenversicherungen garantiert und die Tariferhöhungen vollumfänglich berücksichtig werden, betont Westerfellhaus.

Angesichts der gravierenden Mangelsituation wäre es unverantwortlich, Pflegepersonal verstärkt in der DRG-Kodierung auf den Stationen einzusetzen, wie es in manchen Häusern diskutiert wird. Durch diese Mehrbelastung wären die Pflegenden deutlich überfordert, was zu weiteren krankheitsbedingten Ausfällen führen würde. Darunter hätten nicht nur die Patienten bzw. die Qualität ihrer Versorgung zu leiden. Auch die gesamte Dokumentation und die Gründlichkeit der Kodierung könnten nicht im erforderlichen Umfang geleistet werden, was weitreichende Erlösminderungen für die Krankenhäuser zur Folge hätte.

Wesentlich effektiver ist es für die Kliniken, die DRG-Kodierung auf spezialisierte Fachkräfte zu übertragen, die kontinuierlich fortgebildet werden und deren Qualität regelmäßig extern überprüft wird. Bei Engpässen (Urlaubszeit, Krankheit, Stellenneubesetzung) sollten externe Experten zur Unterstützung und Entlastung bei der DRG-Kodierung hinzugezogen werden. So könnend die wertvollen pflegerischen Ressourcen in der Patientenversorgung belassen und gleichzeitig eine rasche und bestmögliche Vergütung der erbrachten Leistungen sichergestellt werden.


Dr. René Holm
Andrea Gerber
elbamed GmbH
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