Ärzte Zeitung online, 28.08.2015

KBV-Befragung zeigt

Hausarzt als Lotse findet Zustimmung

Eine Umfrage der KBV unter gesetzlich Versicherten offenbart Versorgungsmängel. Um Beiträge zu sparen, würden immer mehr Patienten freiwillig Arztsteuerungsmodelle akzeptieren.

Von Anno Fricke

Lange Wartezeiten für die meisten Patienten kein Problem

Lange Wartezeiten auf einen Termin? Die meisten Patienten sehen das laut aktueller KBV-Befragung nicht so.

© Yantra / fotolia.com

BERLIN. Der Hausarzt als Lotse im Gesundheitssystem findet breite Akzeptanz. Dabei verpflichten sich Versicherte freiwillig dazu, vor einem Facharztbesuch zunächst einen Hausarzt aufzusuchen.

Die Vorstände der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) haben daher bei der Vorstellung der Versichertenbefragung 2015 eine Stärkung der primärärztlichen Versorgung auch über günstigere Tarife in der gesetzlichen Krankenversicherung gefordert.

"Es ist längst an der Zeit, solche Wahltarife einzuführen, sagte KBV-Chef Dr. Andreas Gassen am Freitag in Berlin.

Die Forschungsgruppe Wahlen aus Mannheim hatte im Auftrag der KBV mehr als 6000 Versicherte befragt. Mehr als zwei Drittel der Befragten (siehe Grafik) würden demnach ein Modell akzeptieren, das sie darauf verpflichtete, Fachärzte nur mit Überweisung zu konsultieren. Diese Bereitschaft, sich der Hausarztsteuerung zu unterwerfen, sollte dann aber mit niedrigeren Beiträgen belohnt werden.

Zustimmung ist gestiegen

Diese Haltung liegt im Trend. Im Vergleich zur Befragung 2008 sei der Anteil dieser Gruppe um neun Prozent gestiegen, sagte Matthias Jung von der Forschungsgruppe Wahlen, die die Befragungen von März bis Mai dieses Jahres vorgenommen hatte.

Hausarzt-Vorstand Regina Feldmann betonte, dass die KBV die freie Arztwahl damit nicht einschränken wolle. Versicherte sollten jedoch die Chance erhalten, über günstigere Tarife ihrer Krankenkassen an Hausarztmodellen teilzunehmen.

Wenig überrascht von diesem Ergebnis zeigte sich der Vorsitzende des Hausärzteverbands Ulrich Weigeldt. "Immer mehr Versicherte in Deutschland befürworten ein Hausarztprogramm.

Dies sehen wir an dem Erfolg der Hausarztzentrierten Versorgung (HZV) der Hausarztverbände, in die sich inzwischen, auch ohne Wahltarif, mehr als 3,7 Millionen Versicherte freiwillig eingeschrieben haben", sagte Weigeldt der "Ärzte Zeitung".

Man könne durchaus überlegen, ob diese Versicherten in Zukunft an den wirtschaftlichen Vorteilen der HZV finanziell beteiligt werden sollten.

Die Arztwahl komplett der Kasse überlassen würde nur gut ein Fünftel der Versicherten. Kostenerstattungs- und Teilkaskotarife sind im Augenblick nicht mehrheitsfähig.

Wie die Versicherten die wohnortnahe Versorgung mit haus- und fachärztlichen Dienstleistungen wahrnehmen, deutet auf Fehlallokationen bei den niedergelassenen Ärzten hin.

Ärztemangel macht sich bemerkbar

Wie bei der Befragung von vor zwei Jahren sind drei Viertel der Befragten der Meinung, dass es in ihrem Umfeld genügend Hausärzte gebe. In den neuen Ländern sehen jedoch knapp zwei Fünftel der Befragten Probleme bei der Hausarztversorgung, in den alten lediglich 16 Prozent. Zudem zeigt sich: Je größer die Städte und Gemeinden, desto höher liegt die Zufriedenheit mit dem Versorgungsgrad.

Die Versorgungslage mit Fachärzten hat sich laut der Umfrageergebnisse seit 2013 verschlechtert. 40 Prozent der Befragten halten die wohnortnahe Versorgung mit Fachärzten für mangelhaft. Von diesem Anteil wiederum berichten 43 Prozent von Problemen, einen Facharzt zu finden. Das sind neun Prozent mehr als vor zwei Jahren.

Im Osten sprechen 56 Prozent von einem Fachärztemangel, im Westen 36 Prozent. Frauen sind dabei insgesamt kritischer als Männer.

Die Zahl der Besuche bei niedergelassenen Ärzten und Psychotherapeuten ist in Deutschland ungebrochen hoch. 86 Prozent der Befragten hatte in den zwölf Monaten vor der Umfrage Kontakt zu einem Haus- oder Facharzt.

Dieser Wert steigt seit der ersten Befragung im Jahr 2006 (82 Prozent) leicht, aber kontinuierlich an. Mehr als 90 Prozent vertrauen ihrem Arzt oder Psychotherapeuten und schätzen seine fachliche Qualität hoch ein.

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text
Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Langes Arbeiten kann tödlich sein

Eine lange Wochenarbeitszeit erhöht das Risiko für Herzerkrankungen und Krebs. Forscher konnten die Stundenzahl sogar exakt angeben, ab der sich das Risiko stark erhöht. mehr »

Ausschuss reißt Frist des Gesetzgebers

Das neue Qualitätsmaß für Pflegeheime gerät in Verzug. Eine Studie bietet eine Alternative an. mehr »

Jeder dritte Demenz-Fall vermeidbar

Finge die Demenz-Prävention bereits in der Kindheit an, könne die Krankheit bei einem Drittel aller Erwachsenen verhindert werden – so eine Studie. mehr »