Ärzte Zeitung, 09.11.2015

Hartmannbund

Neustart nach der Wende

25 Jahre nach dem Mauerfall: Der Umbau des DDR-Gesundheitswesens nach westlichem Vorbild war alternativlos, sagen die, die dabei waren.

BERLIN. Die Etablierung eines gesamtdeutschen Gesundheitswesens kurz nach dem Mauerfall war in erster Linie das Ergebnis einer pragmatischen Lösungssuche. "Es herrschte das Diktat des Faktischen", erinnerte sich Franz Knieps, heute Chef des BKK Dachverbandes.

Knieps hatte damals im Auftrag des AOK-Bundesverbandes die letzte DDR-Regierung beraten. Einzelnen Elementen des DDR-Gesundheitswesens könne er aber durchaus etwas abgewinnen, räumte Knieps ein. "Es war ein Fehler, den Fortbestand der Polikliniken auf fünf Jahre zu befristen", räumte der Gesundheitsexperte beispielsweise ein.

Die ehemaligen Protagonisten, die der Hartmannbund in einer Podiumsdiskussion versammelt hatte, waren sich einig: Grundsätzlich sei es richtig gewesen, die westdeutschen Gesundheitsstrukturen schnell auf die neuen Länder zu übertragen. Für lange Debatten habe es damals kaum Zeit gegeben.

Der Druck war hoch

"Der Druck war hoch und wir mussten etwas organisieren, damit das System funktioniert", bestätigte auch Dr. Rainer Hess. Der damalige Hauptgeschäftsführer der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) wehrte sich gegen den Vorwurf, die bundesdeutschen Strukturen den Ostdeutschen übergestülpt zu haben.

Noch im Oktober 1990, so Hess, habe die letzte DDR-Regierung ein Gesetz beschlossen, das den Aufbau von KVen vorsah. Zudem hatte die KBV bereits 1990 mit den Krankenkassen eine Übergangsregelung ausgehandelt, um die ambulante Versorgung und auch die Polikliniken von 1991 an finanziell abzusichern.

Endlich mitgestalten

"Es gab auch Polikliniken, die sich erfolgreich neu strukturiert haben und heute noch bestehen", betonte Hess.Das Vorgehen habe eine "Niederlassungswelle" im Osten ausgelöst. Dr. Ellen Lundershausen, Fachärztin aus Erfurt und heute Präsidentin der Landesärztekammer Thüringen, war damals mit dabei.

Die Wende, so erzählt sie, habe sie als Chance erlebt, endlich selbst gestalten und dafür Verantwortung übernehmen zu können. Sie warnte davor, dass die heutige Politik durch Regulierungen und Vorschriften die Freiberuflichkeit des Arztes zunehmend einschränken könnte. "Das dürfen wir uns das nicht gefallen lassen. Wir müssen unsere Freiberuflichkeit sichern, um unsere Patienten gut versorgen zu können", forderte Lundershausen.

Dr. Klaus Reinhardt, Vorsitzender des Hartmannbundes, kritisierte in seinem anschließenden Bericht scharf die aktuelle Arbeit der KBV. Deren Vertreter würden ein "jämmerliches Bild" abliefern. Konkret bemängelte er, dass eine strategische Debatte fehle, die Kommunikation "kakophon" daher komme und man bei den gesundheitspolitischen Themen nur hinterher hechele.

"Die Politikfähigkeit der KBV hat sehr gelitten", sagte Reinhardt, der KBV-Chef Gassen ausdrücklich von der Kritik ausnahm. Mit Blick auf die aktuelle Gesundheitspolitik forderte Reinhardt, sich innerhalb der Ärzteschaft intensiver mit Fragen der Patientensteuerung auseinanderzusetzen.

Die sei angesichts der Debatte um die Portalpraxen dringend nötig. Viele Patienten hätten heute keinen festen Hausarzt mehr und suchten bei Bedarf auch schnell eine Klinikambulanz auf. "Der ungeregelte Zugang braucht eine Veränderung. Und die Ärzteschaft muss sich darüber über die Sektoren hinweg verständigen und gemeinsam ein Konzept ausarbeiten", sagte Reinhardt. (wer)

[11.11.2015, 11:36:50]
Dipl.-Med Gesine Liesong 
alternativlos???
Mit der Bezeichnung Wende ehren Sie im nachhinein den Wendehals Egon Krenz. Das kann doch wohl hoffentlich nicht gewollt sein?
Und wir hätten eine Alternative gehabt, die aber von meinen Kollegen aus Ost und West nicht gewollt war. Die aus dem Osten hofften, jetzt endlich richtig Geld zu verdienen und die aus dem Westen fürchteten um ihre Pfründe. Die Polikliniken hätten erhalten gehört, an ihre Spitze einen ordentlichen Manager,alle einer Berufsgruppe bekommen dasselge Gehalt auf einem unteren Level, der zum Leben reicht. Und wer mehr tut, bekommt mehr. Und jeder kann die Befunde des Kollegen nutzen und keiner muß aus Existenzangst irgendwelchen Blödsinn machen und jeder macht nur das, wovon er etwas versteht. Im Idealfall kommt der Patient vorn mit einer Beschwerden rein und geht hinten mit Diagnose und Therapie raus. Das gesamte Gesundheitswesen wäre wesentlich effektiver. Keine Abrechnungsakrobatik und das Schielen auf die Konkurrenz, sondern ein auskömmliches und gedeihliches Miteinander.
Möglich wäre es gewesen, aber eben nicht gewollt.
Mit freundlichen Grüßen von einer, die schweren Herzens ihre Praxis eigenhändig schließen mußte und heute froh ist, dass das alles hinter ihr liegt, was mit dem eigentlichen Arztberuf nichts zu tun hatte.
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