Ärzte Zeitung, 09.12.2015

Teilzeit-Krankschreibung

Idee haut Ärzte nicht vom Hocker

Arbeitnehmer sollen auch zu 25 oder 50 Prozent krankgeschrieben werden können, empfehlen die Gesundheitsweisen. Ihre Idee stößt bei Verbänden und Ärzten auf Kritik. Sie sehen nicht, wie sich die Teil-AU in der Praxis umsetzen lassen könnte.

Von Anno Fricke und Jana Kötter

Idee haut Ärzte nicht vom Hocker

Ärzte hadern mit der Idee der Gesundheitsweisen, Teilzeitunfähigkeit einzuführen.

© Matthias Buehner / fotolia.com

BERLIN. Der Vorschlag der Gesundheitsweisen, die Einführung eines Teilkrankengelds zu prüfen, hat bislang nur verhaltenes Echo ausgelöst.

"Das Gutachten gibt wichtige Anstöße und ist eine gute Diskussionsgrundlage für weitere Maßnahmen", hielt sich Gesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) zunächst bedeckt.

Der Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen hatte dem Minister am Montag ein Sondergutachten zur Entwicklung und Steuerung des Krankengelds übergeben.

Dessen Hauptempfehlung: die Einführung einer Teilarbeitsunfähigkeit und eines Teilkrankengelds. Wer trotz einer Malaise ein paar Stunden am Tag arbeiten kann, solle dies auch tun können, so die Überlegung der Gesundheitsweisen.

Ärzte befürchten zusätzliche Last

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"Eine an sich vernünftige Idee", sagte Ulrich Weigeldt, Vorsitzender des Deutschen Hausärzteverbands, der "Ärzte Zeitung".

Dann jedoch folgte das große Aber: Die Umsetzung dürfte für Ärzte eine enorme, zusätzliche Last bedeuten, weil Arzt und Patient über den Prozentsatz des Restleistungsvermögens diskutieren müssten, sagte Weigeldt.

Es sei schwer, sich vorzustellen, wie das bei einer Grippewelle ablaufen solle. Dazu komme die Unsicherheit, ob der Medizinische Dienst die Einschätzungen übernehme oder zu anderen Einschätzungen komme.

"Kein Vorschlag, der bis zum Ende durchdacht ist", lautete auch die erste Einschätzung von Dr. Wolfgang Wesiack, Präsident des Berufsverbands Deutscher Internisten (BDI).

Krankheit habe eine objektive und eine wenig konstante subjektive Komponente. Hier zu objektivieren sei nicht möglich. Die Empfehlung des Sachverständigenrates sei geeignet, Ärzte in ein Verhandlungsgeschäft mit den Patienten zu treiben, für das es keine Kriterien gebe, sagte Wesiack der "Ärzte Zeitung".

Es bestünden erhebliche Unterschiede zwischen einem Sachbearbeiter, einem Dachdecker und einem Piloten, sagte der stellvertretende Vorsitzende des NAV-Virchow-Bundes, Dr. Veit Wambach.

Nicht alle Arbeitnehmer könnten gleichermaßen teilgesund geschrieben werden. "Unsere Gesellschaft muss sich fragen, was schwerer wiegt: die ökonomische Leistungsfähigkeit der Arbeitswelt oder Arbeitnehmerschutz und Patientenwohl."

Gedanken um sorgsamen Umgang mit Arbeitsfähigkeit

Dass das Gutachten des Sachverständigenrates Anlass zu Diskussionen sein kann, zeigen auch Leserkommentare auf www.aerztezeitung.de. Die praktische Umsetzung steht hier im Vordergrund: Dr. Robert Künzel aus Hof an der Saale etwa sieht Probleme in der Rechtssicherheit.

Schon heute sei es für einen praktizierenden Arzt "gar nicht möglich, etwa in einem BU/EU-Gutachten rechtssicher genaue prozentuale Abstufungen des verbliebenen Leistungsvermögens vorzunehmen", so Künzel.

Und: "Völlig zu Recht setzt die sogenannte "stufenweise Wiedereingliederung" das Einverständnis aller Beteiligten, also auch des Arbeitgebers und des Kranken voraus." In kleinen Betrieben seien solche Reformen aber nicht umsetzbar.

"Aus der Aufgabe, sich Gedanken um den sorgsamen Umgang mit der Arbeitsfähigkeit der Beschäftigten zu machen, sollten die Arbeitgeber nicht entlassen werden", pflichtet auch Gerhard Leinz, Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie sowie Psychiatrie aus Kiel, bei.

Weil es vor allem die Arbeitgeber seien, die von einer Teilkrankschreibung profitieren würden, sollten diese bei der Zahlung des Krankengeldes stärker in die Pflicht genommen werden.

Auf Ablehnung stößt bei Lesern der "Ärzte Zeitung" die Empfehlung, nur noch die Angabe einer einzigen arbeitsunfähigkeitsbegründenden Hauptdiagnose zu ermöglichen. "Fakt ist, dass so gut wie alle Patienten mehr als nur eine einzige AU-Diagnose haben", gibt Dr. Thomas Georg Schätzler zu bedenken.

Musterbeispiel sei eine bakterielle Sekundärinfektion nach primären Virusinfektionen. Es sei daher "geradezu absurd und lächerlich", den Krankheitskatalog "auf eine einzige AU-auslösende Krankheit eindampfen zu wollen".

[09.12.2015, 18:20:47]
Dr. Claus Kühnert 
Zur Frage der Teil - AU
Als langjährig tätiger Arzt im stationären als auch im ambulanten Bereich + "hinreichenden Erfahrungen" als Gutachter beim MDK, sowie bei der DRV bleibt mir mit Respekt ausgedrückt nur das Fazit: ABSOLUTER UNSINN. Für die Ärzte mit Praxisbezug geht es doch fast ausschließlich um den Patienten! Ansonsten würden sich die ohnehin geringen freien Valenzen aller Kollegen nur noch in "Verwaltungs - Schnick - Schnack" und Diskussionen erschöpfen. Vielleicht bleiben wir, und damit auch die bereits vorab angesprochenen "Akteure des Sachverständigenrates" doch höchstverantwortlich beim Wohl und Wehe der Patienten.
Sehr viele Optionen scheitern z.B. schon bei der "stufenweisen Wiedereingliederung" eines Kranken an den techn. Strukturen der Arbeitgeberschaft und den Anfahrmöglichkeiten des Patienten zum Arbeitsort.Da könnte man auch die begonnene Auflistung des Herrn Kollegen Schätzler bis ultimo fortsetzen und ergänzen.
Wie wäre es denn, wenn wir, wie ursprünglich auftragsgemäß vorgesehen, uns mal "nur" um den Patienten in seiner Gesamtheit bemühen. Als Gutachter erlebe ich z.B. im chirurgischen-unfallchirurgisch und orthopädischen Bereich "unglaublich viele" Fehldiagnosen und - Behandlungen" nach "nur einfachen Traumata / + Frakturen der Extremitäten" wegen eines "übersehenen" CRPS (früher Sudeck-Syndrom, Kausalgie o.ä.) Solche und ähnliche Patienten schickt man nicht einfach mal so in die "Teil-AU"! Wieso halten sich die vorgenannten Theoretiker (s.o.)für die potentiellen geistigen Überflieger. Davon haben wir in anderen Institutionen schon genug "Unheilbringer". Wie wäre es wenn die GKK sich mehr in ihren Betriebs- und Werbestrukturen um mehr Sparsamkeit bemühen und / oder die KV'en auf kleinerer Flamme kochen, von der KBV mal "ganz abgesehen".
Für eine generelle Abstimmung in der Ärzteschaft votiere ich mit einem klaren NEIN !!
MfG dokuet












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[09.12.2015, 15:57:16]
Dr. Christoph Luyken 
Finger weg von der Teil-AU!
Das Projekt ist mit so vielen Unsicherheiten behaftet und gibt an so vielen Stellen mögliche Anlässe für endlose Streitereien, daß man tunlichst die Finger davon lassen sollte!

Die kleine Aufzählung des Kollegen Dr.Schätzler gibt schon eine Ahnung davon.
Zu beachten ist auch, daß es zu kurz gegriffen ist, eine Arbeitsunfähigkeit nur unter dem Aspekt der Tages- oder Wochenarbeitszeit zu betrachten (z.B. „restarbeitsfähig für 4 Stunden pro Tag“ oder „3 Tage pro Woche“). Es gibt ja auch Fälle, bei denen nur einzelne Tätigkeiten aus dem Spektrum des betreffenden Berufes nicht ausgeübt werden können. Z.B. die Arzthelferin mit Fuß im Gips: Sie könnte am Empfang sitzen, aber keine EKGs ableiten oder Wundversorgung durchführen. Eine Telefonistin mit Husten oder Aphonie könnte vielleicht E-Mails beantworten...

Solche Fälle könnten nach Rücksprache mit dem Arbeitgeber in einzelnen Fällen mit einer Teil-AU geregelt werden – aber hat mal jemand daran gedacht, was für eine hohe zeitliche Zusatzbelastung dieses Management für die behandelnden Ärzte bedeuten würde? Wo soll die Zeit herkommen? Und soll etwa auch das noch im Rahmen der jetzt schon zu knappen Budgets geleistet werden...?

Und, was bisher noch nicht bedacht wurde: Die Mehrheit der Berufstätigen hat einen mehr oder weniger langen Arbeitsweg zurückzulegen, sei es mit dem eigenen KFZ oder mit dem ÖPNV. Sehr oft ergibt sich eine AU schon allein daraus, daß der Patient genau dazu nicht in der Lage ist; was nützt dann eine Teil-AU?
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[09.12.2015, 11:10:33]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
"AU oder nicht AU" - Das ist hier die Frage?
Der "Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen" besteht aus einem Allgemeinmediziner (Prof. Dr. med. Ferdinand M. Gerlach), einer Internistin (Prof. Dr. med. Marion Haubitz), einer klinischen Pharmakologin (Prof. Dr. med. Petra A. Thürmann), zwei Gesundheitswissenschaftlern (Prof. Dr. phil. Gabriele Meyer und Prof. Dr. rer. pol. Wolfgang Greiner) und zwei Gesundheits-Ökonomen (Prof. Dr. rer. pol. emiritus Eberhard Wille und Prof. Dr. rer. oec. Jonas Schreyögg) in den Bereichen VWL und Gesundheits-Management.
http://www.svr-gesundheit.de/index.php?id=5

Da für Kliniker eine teilweise Krankschreibung ihrer stationären Patienten eher eine contradictio in adjecto wäre, klinische Pharmakologen über AU-Vordrucke i. d. R. gar nicht verfügen und Gesundheitswissenschaftler ebenso wie Ökonomen gar nicht über die Erlaubnis bzw. Befähigung zur Ausübung der Heilkunde verfügen, bleibt bei den "Gesundheitsweisen" nur ein einziger übrig, der sich praxis-fundierte Gedanken über eine teilweise Krankschreibung machen könnte. Aus der Pressemitteilung:

"Derzeit gilt in Deutschland eine 'Alles-oder-Nichts-Regelung'. Der Empfehlung des Sachverständigenrats folgend könnte zukünftig der individuellen Situation und Leistungsfähigkeit erkrankter Erwerbstätiger flexibler entsprochen werden: Die Einstufung könnte auf 100%, 75%, 50% oder 25% Arbeitsunfähigkeit erfolgen und würde mit einer Verringerung der zu leistenden Arbeitszeit einhergehen. Nach Ablauf der Entgeltfortzahlung würde das Arbeitsentgelt entsprechend der Arbeitsunfähigkeit reduziert und durch ein Teilkrankengeld ergänzt. Die Einstufung sollte ausschließlich im Einvernehmen zwischen Arzt und
betroffenem Arbeitnehmer erfolgen und bei einer Veränderung des Gesundheitszustands angepasst werden können." (Zitat Ende)

Wie soll bloß eine regelhaft von 25% bis 100% abgestufte Arbeitsunfähigkeit in der Praxis aussehen?

- Angina lacunaris mit Streptokokkeninfektion und Antibiose beim Briefzusteller: Nach 3 Tagen zu 25% im Briefverteilungszentrum arbeiten?
- Organist mit Armfraktur: Zu 50% AU, kann mit den Füßen weiterspielen?
- Fingerfraktur li bei rechtshändigem EDV-Spezialisten: Kann zu 75% mit seiner "Track-Ball-Mouse" weiterarbeiten?
- Verkäuferin mit per-akuter Virusinfektion der Atemwege: Weiterarbeiten, Kunden anstecken, Arbeitsplätze im Gesundheitswesen sichern?
- AZUBI im Friseurhandwerk mit exogen-allergischem Asthma und exogenem Ekzem: 2 Tage 100% AU, dann mit Mundschutz/Handschuhen zu 50% arbeiten?
- Sänger mit Laryngotracheitis: Nur zu 25% AU, kann mit "Plyback" nur die Lippen bewegen.

Diese Liste ließe sich beliebig fortsetzen!

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund

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