Ärzte Zeitung, 23.01.2009

Erst Geld, dann Hilfe - das treibt Schwerkranke in den Ruin

Viele US-Bürger können sich ärztliche Behandlungen nicht leisten / Kliniken bleiben auf Rechnungen von 31 Milliarden Dollar sitzen

WASHINGTON. US-amerikanische Krankenhäuser scheinen es leid zu sein, auf unbezahlten Rechnungen sitzen zu bleiben. Einige haben im vergangenen Jahr Schlagzeilen gemacht, weil sie von Patienten hohe Vorauszahlungen verlangten.

Von Claudia Pieper

"Cash before Chemo: Hospitals Get Tough" war der aufsehenerregende Titel eines Beitrags in "Wall Street Journal", der den Fall einer 52-jährigen Leukämiepatientin beschrieb. Sie hatte sich im Jahr 2006 um Behandlung in dem renommierten Krebskrankenhaus M.D. Anderson in Texas bemüht.

Das Krankenhaus befand ihre Versicherung jedoch als unzureichend - die Police sah eine maximale jährliche Auszahlung von 37 000 US-Dollar vor. Sie verlangte vorab 105 000 Dollar für diagnostische und therapeutische Maßnahmen. Obwohl das Hospital später von diesen hohen Zahlen abrückte, klagte die Patientin über einen andauernden Kampf mit den Geldeintreibern des Hauses im Verlauf ihrer Behandlung.

Viele Kliniken behandeln nur nach Vorkasse

Ähnlich ging es einem pensionierten Landschaftsdesigner, dessen Misere in einer Ausgabe des AARP Bulletin (American Association of Retired Persons), beschrieben wurde: Auch er hatte eine Krebsdiagnose erhalten und war in ein Spezialkrankenhaus überwiesen worden. Eine Vorauszahlung von 20 000 US-Dollar war dort die Voraussetzung für seine Behandlung. Da der Patient die Ersparnisse für die Krebsbehandlung seiner inzwischen gestorbenen Frau aufgebraucht hatte, war er nicht in der Lage, diese Summe aufzubringen. Zum Zeitpunkt des Erscheinens des Beitrags wusste er bereits seit drei Monaten von seiner Erkrankung, hatte aber noch keine Behandlungsalternative gefunden.

Obwohl diese Beispiele Einzelschicksale sind und bisher statistisch nicht belegt ist, wie viele Menschen betroffen sind, gibt es doch einen Trend: So hat zum Beispiel die US-Steuerbehörde im Jahr 2006 erstmals Non-Profit-Krankenhäuser nach ihren Rechnungsgepflogenheiten befragt. Dabei ergab sich, dass 14 Prozent der 481 antwortenden Krankenhäuser Vorauszahlungen verlangten oder vorab den Abschluss eines Ratenzahlungsvertrags forderten.

Betroffen sind auch die, die Versicherungen haben

Eine nicht repräsentative Umfrage unter 22 Krankenhäusern in Florida fand heraus, dass alle Vorauszahlungen für elektive Operationen verlangen, berichtete die Tageszeitung "South Florida Sun-Sentinel".

Das Dilemma der Vorauszahlungen ist ein weiteres Indiz dafür, dass das US-amerikanische Gesundheitswesen krank ist: Mittlerweile sind es nicht mehr nur die über 47 Millionen Nicht-Versicherten, die bei schweren Erkrankungen alles zu verlieren drohen. Zunehmend sind auch diejenigen betroffen, die zwar versichert sind, deren Policen aber Zuzahlungen verlangen, die sie bei ernster Krankheit überfordern. Die Folge ist ein Anstieg unbezahlter Rechnungen, die wiederum Leistungsanbieter in prekäre Situationen bringen. Nach Angaben der American Hospital Association blieben amerikanische Krankenhäuser im Jahr 2006 auf rund 31,2 Milliarden Dollar unbezahlten Rechnungen sitzen - was im Vergleich zum Jahr 2000 einem Anstieg von 44 Prozent entspricht.

Es sei sinnvoll, mit Patienten vorab über finanzielle Verpflichtungen zu reden, sagte ein Vertreter des M.D. Anderson Cancer Centers. Vor der Behandlung seien die Patienten in diesem Punkt "aufnahmebereit". Arme Patienten behandele das Krankenhaus nach wie vor oft kostenlos, hieß es. Im genannten Fall habe es sich jedoch nicht um eine mittellose Patientin gehandelt. Mittellos oder nicht - die American Cancer Society teilt mit, sie erhalte immer mehr Anrufe von ratsuchenden Patienten. "Ich befürchte, dass es eine nicht zu vernachlässigende Zahl von Menschen gibt, die Krebs haben, aber nicht behandelt werden - meistens aus finanziellen Gründen", sagte Otis Brawley, Chief Medical Officer, dem "Wall Street Journal".

Rechte von US-Patienten in der Klinik

US-Krankenhäuser sind zwar per Gesetz verpflichtet, Notfall-Patienten ohne Rücksicht auf ihren Versicherungsstatus zu behandeln. Doch wo es nicht unmittelbar um Leben und Tod geht, gehen die Leistungsanbieter grundsätzlich eine Gratwanderung zwischen betriebswirtschaftlichen und humanitären Erwägungen. Da US-Bürger sich um ihren Versicherungsschutz selbst kümmern müssen, passiert es häufig, dass sie zu niedrige Policen haben, um im Ernstfall etwa eine kostspielige Krebstherapie bezahlen zu können. Denn die Behandlung gilt als elektiv, obwohl eine Verzögerung die Lebenserwartung drastisch verkürzen kann.

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