Ärzte Zeitung, 27.05.2011

Viele Rechnungen von US-Ärzten bleiben unbezahlt

US-Bürger ohne Krankenversicherung können Kosten für medizinische Leistungen nur selten begleichen.

Von Claudia Pieper

Viele Rechnungen von US-Ärzten bleiben unbezahlt

Amerikanisches Gesundheitssystem: Bringt selbst Wohlhabende in Bedrängnis.

© Gina Sanders / fotolia.com

WASHINGTON. Der umstrittenste Baustein in Präsident Obamas Gesundheitsreform ist die allgemeine Versicherungspflicht, die ab 2014 gelten soll. Eine neue Studie aus dem US-Gesundheitsministerium zeigt erneut die finanzielle Last der rund 50 Millionen nicht versicherten US-Amerikaner.

Darin heißt es, dass Nicht-Versicherte nur in zwölf Prozent der Fälle ihre Krankenhausrechnungen voll begleichen. Lediglich fünf Prozent der fälligen Beträge werden auf diese Weise bezahlt.

Nicht nur die Ärmsten sind unfähig, ihren finanziellen Verpflichtungen nachzukommen. Selbst von den zehn Prozent Reichsten ohne Krankenversicherung zahlten nur rund die Hälfte ihre Krankenhausrechnung vollständig.

Das, was US-amerikanische Krankenhäuser berechnen, bringt selbst Wohlhabende in Bedrängnis: Von den knapp zwei Millionen Nicht-Versicherten, die jährlich ins Krankenhaus eingeliefert werden, erhalten 58 Prozent Rechnungen von über 10.000 US-Dollar (etwa 7100 Euro) Die meisten der Nicht-Versicherten, so berichtet die Studie, haben keine oder kaum Ersparnisse, auf die sie in Notfällen zurückgreifen könnten.

Der Mittelwert der Ersparnisse unter den Nicht-Versicherten lag bei 20 US-Dollar (etwa 14 Euro). Selbst die Hälfte derjenigen mit einem mindestens vierfachen Einkommen über der Armutsgrenze (89.400 US-Dollar für eine vierköpfige Familie, etwa 63.500 Euro) hatte weniger als 4100 US-Dollar Erspartes (etwa 2912 Euro).

Gesundheitsministerin Kathleen Sebelius sagte zu den Studienergebnissen: "Einer der beharrlichsten Mythen im amerikanischen Gesundheitssystem ist die Behauptung, dass Nicht-Versicherte keine Probleme haben, medizinisch versorgt zu werden.

Nichts könnte der Wahrheit weniger entsprechen. Das Ergebnis ist, dass Familien entweder unversorgt bleiben oder sich mit Rechnungen konfrontiert sehen, die sie unmöglich begleichen können." Andere Studien haben eindeutig belegt, dass das durchaus nicht nur die Betroffenen belastet.

Es wird geschätzt, dass insgesamt jährlich bis zu 73 Milliarden US-Dollar (knapp 52 Milliarden Euro) an medizinischen Leistungen unbezahlt bleiben - eine schwindelerregende Summe, die zumindest teilweise umgeschichtet wird: auf Steuerzahler und auf Versicherte sowie ihre Arbeitgeber, die ohnehin unter der Last der Sozialkosten stöhnen.

[27.05.2011, 11:54:45]
Helmut Karsch 
Krankheitsbedingte Verschuldung und Zahlungsunfähigkeit in den USA
Zwei in 2005 veröffentlichten empirischen Studien über Privat-Insolvenzen im Jahre 2001 und private Verschuldung im Jahr 2003 sind sich in einem Punkt einig: Wer in den USA krank wird, hat sogar trotz einer vorhandenen Versicherung ein hohes Verschuldungs- und Insolvenzrisiko.
David U. Himmelstein, Elizabeth Warren, Deborah Thorne und Steffie Woolhandler von der Harvard University befragten stichprobenartig 1.771 Personen, die im Jahre 2001 ihre Zahlungsunfähigkeit erklärten und durch eine Eingabe an ein Gericht, Schutz vor Gläubigern beantragt hatten. Diese Form der persönlichen Insolvenz ("bankruptcy") und des Schutzes vor totalen Folgen ist in den USA weitverbreitet: In 2001 waren es fast 1,5 Millionen Individuen oder Ehepaaare, was einen 360 Prozent-Anstieg seit 1980 bedeutet.
Die in der Zeitschrift "Health Affairs" im Februar 2005 unter der Überschrift "Illness and injury as contributors to bankruptcy" veröffentlichten Ergebnisse lauteten u.a.:
• Ungefähr die Hälfte der "Bankruptcy"-Fälle beruhten auf der Finanzierung medizinischer Behandlung. Insgesamt (Antragsteller plus Familienangehörige) 1,9 bis 2,2 Millionen US-Amerikaner machten also 2001 Erfahrungen mit "medical bankruptcy".
• Diese Personen mussten seit Beginn ihrer Erkrankung 11.854 US-$ Zuzahlungen ("out-of-pocket costs") leisten. 75,7 Prozent waren zu Beginn der Behandlung krankenversichert.
• Auch Mittel-Klasse-Familien machten Erfahrungen mit "medical bankruptcy".
Michelle M. Doty, Jennifer N. Edwards und Alyssa L. Holmgren analysierten die Daten des Commonwealth Fund Biennial Health Insurance Survey für 2003 und veröffentlichten die Ergebnisse unter der programmatischen Überschrift "Seeing red: Americans into debt by medical bills".
Die wichtigsten Ergebnisse lauten:
• 37 Prozent oder 77 Millionen der über 19 Jahre alten Amerikaner hatten 2003 Schwierigkeiten Behandlungsrechnungen zu bezahlen, hatten aufgelaufene Behandlungsschulden oder beides. Davor sind auch Personen mit ununterbrochenem Versicherungsschutz nicht gefeit.
• Erwachsene im erwerbsfähigen Alter hatten signifikant mehr Probleme der Bezahlung und Verschuldung von medizinischen Behandlungen als Erwachsene im Alter von mehr als 65 Jahren. Unversicherte Personen hatten die größten Finanzierungsprobleme.
- Zwei Drittel der Personen mit Bezahlungs- und Verschuldungsproblemen verzichteten aus Kostengründen auf gesundheitliche Versorgung - dreimal mehr als unter den Personen ohne derartige Probleme.
Wenn in Deutschland die Umlagefinanzierung durch Kapitalstockbildung ersetzt worden ist, hat man ja schon einmal eine Blaupause wie es dann mit der Versorgung aussieht
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