Ärzte Zeitung, 03.04.2013

Fatale Folgen der Sparkurse

Malaria in Griechenland

Dass in Zypern ein paar Tage lang die Geldautomaten dicht waren, ist nicht das wahre Problem der Finanzkrise in Europa. Die Auswirkungen fallen in den Gesundheitssystemen der betroffenen Länder heftig aus.

Von Anno Fricke

Malaria in Griechenland

Griechenlands, Spaniens und Portugals Gesundheitssysteme sind krank Es droht Ansteckungsgefahr.

© imago stock&people

BERLIN. Die Troika aus Europäischer Kommission und Zentralbank sowie Internationalem Währungsfonds hat die sozialen Folgen ihrer Austeritätspolitik aus den Augen verloren.

Zu diesem Schluss kommt eine Untersuchung von Wissenschaftlern, der im renommierten britischen Fachmagazin "Lancet" erschienen ist.

Dabei sei bekannt: "Politische Entscheidungen zur Bewältigung wirtschaftlicher Krisen wirken sich auf die Gesundheitsversorgung stark aus," schreiben die Autoren der Studie.

Katastrophale Folgen

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Um 25 Prozent muss das Land seine Ausgaben für medizinische Dienstleistungen und Arzneien kürzen.

50 Prozent der Beamten des Sozialfonds und ein Viertel der dort arbeitenden Ärzte müssen gehen.

Um 15 Prozent müssen die Klinikkosten sinken. 370 Spezialabteilungen sollen schließen oder fusionieren. (Quelle: Lancet)

Besonders betroffen sind demnach die Gesundheitssysteme Griechenlands, Spaniens und Portugals. Nach mehreren Krisenjahren prallen dort zwei Entwicklungen mit Wucht aufeinander.

Immer mehr an den Folgen der Wirtschaftskrise physisch und psychisch erkrankte Menschen treffen auf längst ausgehöhlte Versorgungssysteme. Die Folgen sind katastrophal.

In Griechenland häufen sich Ausbrüche von Malaria, West-Nil- und Dengue-Fieber. Die Tuberkulose breitet sich wieder aus. Die Zahl der HIV-Neuinfektionen ist von 15 im Jahr 2010 auf deutlich mehr als 300 im Jahr 2012 hochgeschnellt.

Viele Griechen haben den Zugang zum Gesundheitssystem komplett verloren, weil Gesundheitsposten und Kliniken geschlossen komplett geschlossen haben oder nur noch tageweise öffnen.

Steigende Zuzahlungen halten in allen betroffenen Ländern Menschen vom Gang zum Arzt oder zur Apotheke ab.

In Spanien erhalten Hunderttausende Einwanderer ohne Papiere medizinische Versorgung nur noch in Notfällen und bei Schwangerschaft.

Effekte auf Gesundheitssysteme wenig berücksichtigt

Die Aussichten sind nicht rosig. Es tickt eine Zeitbombe. Da die meisten Gesundheitsdaten erst mit Verzögerung ausgewertet werden könnten, seien bislang nur die frühen Auswirkungen der Krise auf die Gesundheitsversorgung in ganz Europa sichtbar, schreiben die Professoren Martin McKee und Marina Karanikolos (London) sowie Johann Mackenbach (Rotterdam) für "Lancet".

Für die Autoren sitzen die Verantwortlichen in der Schaltzentrale Europas, in Brüssel: Die in der Kommission für Gesundheit und Verbraucherschutz zuständigen Direktoren hätten es versäumt, die Sparpolitik auf ihre Effekte auf die Gesundheitssysteme abzuklopfen.

Und das, obwohl die Union sich zu einer solchen regelmäßigen Risikofolgenabschätzung verpflichtet habe.

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