Ärzte Zeitung online, 22.07.2015

Griechenland

Großbaustelle Gesundheitssystem

Staatlich, privat, oder eine Mischung aus beidem: Das griechische Gesundheitssystem ist zerplittet und gleicht einem Flickenteppich. Daran werden wohl auch die anstehenden Reformen nichts ändern.

Aus Griechenland berichtet Jana Kötter

Großbaustelle Gesundheitssystem

Im Uniklinikum Athen sind aktuell nur 45 der 80 Betten belegt - aus Personalmangel. Bis zu einer Besserung werden Renovierungsarbeiten durchgeführt.

© Jana Kötter

ATHEN. Es kommt Bewegung in eine mögliche Rettung Griechenlands: Der hoch verschuldete Staat könnte schon am Freitag Gespräche mit den Gläubigern über ein neues Hilfspaket aufnehmen.

Das stellte Finanzminister Euklid Tsakalotos am Mittwoch in Aussicht. Voraussetzung ist jedoch, dass das griechische Parlament am Mittwochabend das zweite und vorerst letzte Reformpaket billigt.

Bereits am 15. Juli verabschiedete die Regierung ein erstes Reformpaket, das unter anderem eine Liberalisierung des Arzneimittelmarktes sowie eine Reform des Rentensystems beinhaltet.

Nun geht es um Reformen im Bereich der Justiz und der Banken. Dass die Reformen auch eine Besserung für das am Abgrund stehende, tief gespaltene Gesundheitssystem bringen, sehen jedoch viele skeptisch.

Seit Beginn der Krise hat sich die Lage der Gesundheitsversorgung im Land stetig verschlechtert. Die ambulante Versorgung findet heute vorwiegend in staatlichen Kliniken statt, die damit nicht mehr ihrer eigentlichen Aufgabe, der Sekundärversorgung, nachkommen können.

Fachärztliche Praxen sind, da sie zu einem Großteil nicht mit der staatlichen Einheitsversorgung EOPYY kooperieren, nur noch Anlaufstelle für wenige, die sich die privat zu zahlende Behandlung leisten können.

Bis zu 40 Prozent weniger Einkommen beklagten Kollegen aufgrund ausbleibender Patienten, sagt Dr. Emmanouil Sevastiadis, Chirurg im Hygeia Hospital, einer großen Privatklinik in Athen. Laut Medienberichten sind es bei einigen sogar bis zu 70 Prozent.

Privatsektor: kein neues Phänomen

Griechenland - Innenansichten einer Krise

"Ärzte Zeitungs"-Redakteurin Jana Kötter berichtet aus Athen über die Situation im krisengeplagten Griechenland und konzentriert sich dabei auf die medizinische Versorgung.

In der Serie "Griechenland - Innenansichten einer Krise" fassen wir ihre Berichte zusammen. Schon erschienen sind folgende Artikel:

- Poliklinik in Athen: Lichtblick im Olympia-Dorf

- Die Probleme der Apotheker in Athen

Dabei spielt der private Sektor in Griechenland seit Jahrzehnten eine bedeutende Rolle. "Das hat gar nichts mit der Krise zu tun", betont Sevastiadis im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung".

Vielmehr habe es schon immer Probleme im öffentlichen Bereich gegeben - auch, als die Finanzierung noch gewährleistet war. Eine mangelnde Infrastruktur der öffentlichen Gesundheitsversorgung begünstigte, dass sich der Privatsektor bereits in den 1970er Jahren stark entwickelte.

"Die Krise hat auch nicht alle Einrichtungen im Privatsektor gleich hart getroffen", meint Sevastiadis.

Die großen Kliniken wie das Hygeia Hospital - Patienten zahlen hier bar oder über eine private Zusatzversicherung - hätten keine Einbußen in den Patientenzahlen erlitten, die Zielgruppe verfüge nach wie vor über ausreichend finanzielle Möglichkeiten. "Wir zählen sogar mehr Patienten als noch vor einigen Jahren."

Dies liege auch daran, dass die Zahl der mit der Klinik kooperierenden Privatärzte gestiegen sei. Wie er auch rekrutieren diese in der eigenen Praxis Patienten, die dann "mit in die Klinik gebracht werden". Die Arzt-Patienten-Bindung spiele, vor allem im Privatsektor, eine immense Bedeutung.

Auch die öffentliche Primärversorgung - Gesundheitszentren oder Polikliniken, die entweder von EOPYY selbst oder dem griechischen Staat getragen werden - verbucht ein erhöhtes Patientenaufkommen, hier allerdings bis zur Extreme.

Seitdem zahlreiche Patienten keine private Behandlung mehr zahlen können, führt der extreme Anstieg der Patientenzahlen sowie erhebliche Mängel in der Ausstattung zu chaotischen Zuständen.

Laut Verdi sind von den ursprünglich 183 Kliniken im Land bis September 2014 zudem rund 100 geschlossen worden.

Niedergelassene Hausärzte, die Patienten vollständig auf EOPYY-Kosten behandeln, gibt es praktisch nicht.

Unikliniken spielen besondere Rolle

Eine besondere Rolle nehmen bei der Betrachtung des zersplitterten Gesundheitssystems die Universitätskliniken des Landes ein.

"Wir haben eine Art Sonderstatus, da wir zwar staatliche Krankenhäuser sind, aufgrund zusätzlicher Finanzierung der Universitäten aber in einer deutlich besseren Situation sind", so Konszantinos Nastos, Chirurg im Uniklinikum Athen.

Zu spüren sei die Krise dennoch: Ein völlig neuer, von einem wohlhabenden Patienten gespendeter Flügel mit neuen Instrumenten steht seit drei Jahren leer - weil das Personal fehlt, die zusätzlichen Patienten zu betreuen. Im alten Teil des Gebäudes seien aus Personalgründen nur 45 der 80 Betten belegt.

Zudem kommen neue Mischformen auf. Vor allem in der ambulanten Versorgung könnten diese eine Lösung für das Problem der mangelnden Primärversorgung im Land sein: niedergelassene Hausärzte, die mit der staatlichen Einheitsversicherung EOPYY zusammenarbeiten.

Die deutsche Ärztin Bettina Krumbholz etwa rechnet über solch ein System ab: Patienten zahlen einen Betrag von zehn Euro, die Behandlungskosten trägt EOPYY.

Noch handelt es sich dabei jedoch um eine Seltenheit. Im Primärversorgungszentrum Poliklinik Olympisches Dorf, in der 15 Haus- und Fachärzte tätig sind, ist die Abrechnung in Verbindung mit der Zentrumsstruktur gar ein Modellprojekt.

Letzte Anlaufstelle Sozialklinik

Für die, die völlig durch das Raster des Systems fallen - rund ein Drittel der griechischen Bevölkerung hat keine Krankenversicherung mehr -, stellen die Sozialkliniken eine wichtige Säule des Gesundheitssystems dar.

"Wir wollen nicht die Lücken des Staats füllen, das ist nicht unsere Aufgabe", sagt Christos Sideris von der Sozialklinik im Athener Stadtteil Elliniko. "Aber wir sind die letzte Anlaufstelle."

In der Klinik erhalten unversicherte Patienten eine kostenfreie Behandlung sowie kostenfreien Zugang zu Medikamenten.

"Solange Sparmaßnahmen auf dem Gesundheitssystem lasten, wird keine Besserung eintreten", sagt Sideris. "Um wieder alle Menschen in das System aufzunehmen, müssen die Ausgaben erhöht werden. Nur dann kommen wir wieder zu einer funktionierenden Gesundheitsversorgung."

Am griechischen Flickenteppich Gesundheitsversorgung werden die Reformen aber wohl nichts ändern. Sevastiadis verweist auf andere Länder, in denen die Privatversorgung ebenfalls eine wachsende Bedeutung spiele.

"Der Unterschied besteht darin, dass die Diskrepanz zwischen öffentlichem und privatem Sektor hier in Griechenland zu hoch ist", sagt der Chirurg.

Ein Ende der Privatversorgung bedeute die Verbesserung des öffentlichen Sektors jedoch in keinem Fall. "Der Bedarf wird immer da sein."

Weitere Beiträge zur Serie:
"Griechenland: Innenansichten einer Krise"

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