Ärzte Zeitung online, 29.12.2015

Schnelle Asylverfahren

Auch eine Art der Prävention

Die Zeit für die Bearbeitung von Asylanträgen möglichst kurz zu halten, zahlt sich aus. Das bestätigen Daten aus den Niederlanden. Forscher haben dort die psychische Gesundheit Asylsuchender unter die Lupe genommen.

BERLIN. Flüchtlinge schaffen es in unterschiedlichem Maße, die Erlebnisse von Krieg, Bedrohung und Zerstörung im Heimatland und auf der Flucht zu verarbeiten. Nicht wenige haben posttraumatische Belastungsstörungen (PTSD).

Eine lange Zeit bis zur Entscheidung über den Asylantrag macht das alles noch schlimmer. Die Zeit in Massenunterkünften ohne Sicherheit über den eigenen Status verschärfen psychische, aber auch physische Probleme erheblich.

Das bestätigen auch Daten, die Dr. Cornelis Laban aus Beilen in den Niederlanden beim DGPPN-Kongress in Berlin präsentiert hat.

In einer Querschnittsstudie ermittelten Laban und seine Kollegen die Prävalenz psychischer Erkrankungen, Lebensqualität, Behinderungen und körperliche Gesundheit bei 194 erwachsenen Asylsuchenden aus dem Irak.

Erfasst wurden auch Risikofaktoren für eine Morbidität vor und nach der Migration und der Einfluss der Dauer des Asylverfahrens auf die genannten Endpunkte.

143 Probanden waren maximal sechs Monate in den Niederlanden, 151 zwei Jahre und mehr ohne Anerkennung ihres Status oder dauerhaftes Aufenthaltsrecht.

Beim Warten auf Asyl nimmt die Morbidität zu

Im Vergleich zum Durchschnitt der niederländischen Bevölkerung war bei den erst vor Kurzem im Land angekommenen Asylanten vor allem die Prävalenz von PTSD erhöht (31,5 vs. 7 Prozent), in geringerem Maße auch die depressiver Störungen (25 vs. 19 Prozent) und die somatoformer Erkrankungen (5 vs. 1 Prozent), nicht aber die von Angsterkrankungen (14 vs. 19 Prozent) oder Alkoholkrankheit (0,0 vs. 0,8 Prozent).

Bei Asylsuchenden, die bereits zwei Jahre und mehr im Land waren und noch immer keinen sicheren Status hatten, war die Situation anders: Hier dominierten Depressionen mit einer Rate von 44 Prozent, die PTSD-Prävalenz war mit 43 Prozent noch höher als bei kurz im Land befindlichen Personen, Angststörungen betrafen 30,5, somatoforme Störungen 13 und Alkoholkrankheit 7 Prozent der Asylsuchenden.

Schon in der Gruppe der noch nicht lange eingereisten Asylsuchenden war im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung die Rate derjenigen mit mehr als einer psychischen Störung erhöht (42 vs. 23,5 Prozent). Sie stieg aber in der zweiten Gruppe noch weiter auf 66 Prozent.

Zwei von drei Asylsuchenden, die so lange ohne Anerkennung ihres Status in Flüchtlingsunterkünften leben mussten, litten also gleich unter mehreren psychischen Erkrankungen.

"Die Lebensbedingungen sind einfach sehr stressig", betonte Laban und nannte als Beispiele Massenunterkünfte, häufige Verlegungen und die Trennung von Familienangehörigen.

Dementsprechend war auch die Lebensqualität derjenigen, die schon zwei Jahre und mehr auf die Anerkennung ihres Asylantrags warteten, signifikant schlechter war als bei denjenigen, die erst kurz im Land waren (Gesamtwert 2,2 vs. 2,9, bei 1 = schlecht bis 5 = gut, p < 0,05).

Rollenfunktion ist zunehmend beeinträchtigt

Die selbst berichtete Behinderung und die Beeinträchtigung der Rollenfunktionen nahm ebenfalls mit der Dauer des Asylverfahrens zu. Gaben in der Gruppe der erst vor kurzer Zeit Eingereisten 38,5 Prozent körperliche Beschwerden an, waren es in der lange wartenden Gruppe 66 Prozent.

Dabei stieg die Häufigkeit von Kopfschmerzen, Schwindel, Rückenschmerzen, Magenbeschwerden und Gelenkbeschwerden gleichermaßen signifikant mit der Dauer des Aufenthalts an (jeweils p < 0,05).

Die Erlebnisse im Irak waren nach einer logistischen Regressionsanalyse nur mit somatischen Beschwerden assoziiert, nicht mit psychischen Beschwerden oder Einschränkungen der Lebensqualität.

Risikofaktoren für eine beeinträchtigte Lebensqualität waren die Dauer des Asylantragsverfahrens, das Erleben schwieriger Situationen in den Niederlanden und die sozioökonomischen Bedingungen, unter denen die Asylbewerber leben mussten.

Risikofaktoren für berichtete Behinderungen/Beeinträchtigungen waren wiederum schwerwiegende Lebensereignisse in den Niederlanden, Familienprobleme und sozioreligiöse Schwierigkeiten.

Sicherer rechtlicher Status: Die Belastung sinkt

Eine Abnahme der Belastung tritt nach Angaben von Laban nur auf, wenn ein sicherer rechtlicher Status gewährt wird, wie eine longitudinale Studie ergeben hat (J Nerv Ment Dis 2008; 196: 37 - 45).

Das bestätigen auch andere Studien. So war die psychische Gesundheit unabhängig von erlebten Traumata in der Vergangenheit in einer schweizerischen Untersuchung mit Asylsuchenden ebenfalls maßgeblich abhängig vom rechtlichen Status (Compr Psychiatry 2014; 55: 818 - 25).

Die Bedingungen der Flüchtlingsunterkünfte und die begrenzten ökonomischen Möglichkeiten führen nach einer Metaanalyse besonders zu einem schlechteren psychischen Gesundheitszustand.

Auffällig ist dabei, dass gerade ältere, gut ausgebildete Flüchtlinge, die vor der Flucht einen relativ hohen sozioökonomischen Status genossen, ein hohes Risiko für eine starke psychische Belastung und Morbidität hatten (JAMA 2005; 294: 602 - 12).

Laban betonte, dass insbesondere die Bedingungen, unter denen sich Flüchtlinge/Asylsuchende im Aufnahmeland wiederfinden, ihnen alle Ressourcen für eine Resilienz nehmen:

- Sie haben keinen sicheren legalen Status.

- Sie haben keine Arbeit/dürfen nicht arbeiten oder können höchstens weit unter ihrem Niveau arbeiten.

- Sie werden diskriminiert und sozial isoliert.

- Sie sind von ihren Kindern/Familien getrennt.

- Sie sind finanziell eingeschränkt.

Laban sieht eine große Gefahr, dass bei fehlender Ressourcen für eine Resilienz Verarbeitungswege gesucht werden, die nicht wünschenswert sind, wie die Suche nach Sinn und Problemlösungen bei externen Meinungsmachern, die sich am Ende gegen die aufnehmende Gesellschaft richten. (fk)

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