Ärzte Zeitung, 15.03.2016

Psychotherapie

Welche Hilfe brauchen junge Flüchtlinge?

Vor allem unbegleitete minderjährige Flüchtlinge stellen Ärzte und Psychotherapeuten vor besondere Herausforderungen.

WEIMAR. Zu den psychischen Belastungen und traumatischen Erlebnissen, die insbesondere Kinder auf der Flucht erlebt haben, kommen in Deutschland mit der Zeit neue Belastungsfaktoren hinzu, die vor allem von Unbegleiteten Minderjährigen Flüchtlingen (UMF) nur schwer bewältigt werden können.

Auf dieses Dilemma hat Michael Simons vom Universitätsklinikum Aachen beim bundesweiten Kongress für Jugendmedizin in Weimar hingewiesen. So würden immer wieder dann massive Schuldgefühle aufkommen, wenn Flüchtlingskinder vom Tod eines nahen Angehörigen oder gar dem Tod der Eltern, die im Heimatland geblieben sind, erfahren.

Aber auch politische Entscheidungen in Deutschland - etwa schnellere Abschiebungen, erschwerter Nachzug der Eltern nach Deutschland im Asylpaket II - führten dazu, dass sich Posttraumatische Belastungsstörungen (PTBS) verfestigen oder sogar noch verschlimmern können. Viele Flüchtlingskinder hätten zudem Heimweh und vermissen mit zunehmender Zeit in Deutschland den persönlichen Kontakt mit ihrer Familie.

Nach Darstellung von Simons ist es daher nachvollziehbar, dass immer mehr UMF neue und verlässliche Bezugspersonen in Deutschland - zum Beispiel Paten - suchen. Dabei komme es dann ganz besonders darauf an, mit den Flüchtlingskindern eine "vertrauensvolle, empathische und angstfreie Beziehung" aufzubauen, erläutere der Marburger Kinder- und Jugendarzt Dr. Stephan Heinrich Nolte. Damit dies überhaupt gelingen könne, benötigten viele Kinder aber erst einmal eine psychische Betreuung oder psychotherapeutische Behandlung.

Eine solche Therapiemethode ist aber in den meisten Herkunftsländern der Flüchtlingsfamilien unbekannt. Dort sei fast ausschließlich die Verordnung von Medikamenten üblich. Daher gestalte sich auch die Behandlung der PTBS von UMF hierzulande mitunter als äußerst schwierig, hieß es in Weimar.

Dies treffe auch für die Therapie anderer Erkrankungen zu. So hat man laut Simons bei der Behandlung von Stoffwechselerkrankungen festgestellt, dass die hier üblichen Dosierungen von Medikamenten für viele Flüchtlinge zu hoch sind. All dies wirke sich natürlich auch negativ auf die Compliance aus.

Simons warb deshalb abschließend in Weimar für spezifische "multimodale Behandlungsansätze", die nach und nach immer besser an die speziellen medizinischen und auch kulturellen Bedarfe von UMF angepasst werden müssten. (ras)

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