Sonderdruck, 09.11.2009

zur Großdarstellung klicken

"Das Fest wollte kein Ende nehmen"

Er war Westberliner und Medizinstudent an der Freien Universität Berlin als die Mauer fiel: Dr. Michael Piechnik konnte nicht ahnen, dass sich sein Leben als Folge der Wende rasant verändern würde.

Von Michael Piechnik

Du bleibst jetzt nicht in deiner Studentenwohnung im zweiten Hinterhof in Schöneberg, du gehst zur Mauer, sagte ich mir, nachdem am Abend des 9. November 1989 im West- und Ostfernsehen die berühmte Pressekonferenz mit Günter Schabowskis verklausulierter Bemerkung über die Reisefreiheit übertragen wurde. Die Grenze soll offen sein? Vielleicht ein Missverständnis? Nichts wie hin!

Ich bin in Westberlin aufgewachsen und war zur Zeit der Wende Medizinstudent an der Freien Universität Berlin. Ich hatte zu schnell studiert, meine Scheine zu schnell gemacht und musste deshalb ein Jahr auf mein zweites Staatsexamen warten. Eine missliche, ärgerliche Situation. Dass sie sich als Folge des Mauerfalls ändern würde, dass ich mein Examen nicht an der FU, sondern an der Ost-Berliner Humboldt-Universität machen würde - das hätte ich mir an diesem Abend nicht träumen lassen. Aber davon später.

zur Großdarstellung klicken

Einsatz im Osten, 1989: Michael Piechnik wirbt für den Hartmannbund.

Foto: HB

"Verlassen Sie sofort das Grenzgebiet!"

Ich fuhr also zunächst zum Übergang Invalidenstraße, wo zunächst noch wenig los war. Dann tauchten immer mehr Menschen mit und ohne Trabbis auf, die Invalidenstraße verwandelte sich nach und nach in ein riesiges Lichtermeer. Die Mauer muss weg, skandierten Bürger von diesseits und jenseits der Sperrmauer. "Verlassen Sie sofort das Grenzgebiet", riefen DDR-Grenzer in ihre Megaphone. Es wurde immer enger, auch auf westlicher Seite, dann fielen endlich alle Schranken. Die ersten Ost-Besucher begrüßten wir per Handschlag, bei anderen klopften wir begeistert aufs Auto. Eine gigantische Freudenparty begann, die Menschen weinten, lachten und sangen …

Von Ost nach West - das war nur eine mögliche Option in dieser historischen Nacht. Es gab auch einige, die die Chance zu einem Kurzbesuch im Osten nutzten. Ich schloss mich einer Gruppe wildfremder Menschen an, wir starteten zu einer Entdeckungstour in den Osten.

Fenster zugemauert, Fassaden abgebröckelt

Bereits nach wenigen hundert Metern erreichten wir menschenleere Straßen, Fenster waren zugemauert, Fassaden abgebröckelt, eine völlig andere Welt. Wir gingen dann, weil wir Durst bekommen hatten, ins Interhotel in der Nähe des Fernsehturms. Da saßen quietschvergnügt zwei Polit-Funktionäre mit jungen Frauen. Sie amüsierten sich, flirteten, schlürften genüsslich ihren Kir Royal an der Bar. Uns war sofort klar: Die hatten keinen blassen Schimmer, was an der Grenze passiert war. Wir informierten sie quasi ungebeten über die Maueröffnung; Sekunden später waren sie verschwunden.

Das Fest ging weiter, es war morgens gegen sechs Uhr, als mir auf dem Nachhauseweg eine Frau zwischen 50 und 60 begegnete, die zum ersten Mal im Westen war. Ich begleitete sie zum Wochenmarkt vor dem Rathaus Schöneberg. Ich lud sie zum Shoppen ein, mit einer Plastiktasche voller Gemüse marschierte sie hinterher glücklich zurück in Richtung Osten; ich war begeistert.

Auch die Zeit danach bleibt unvergesslich jeden Tag passierte an der Mauer etwas Neues. Das Fest wollte kein Ende nehmen, und ich war immer wieder dabei.

Einige Tage nach dem Mauerfall traf ich an der FU zufällig drei Medizinstudenten von der Humboldt- Universität. Wir kamen ins Gespräch. Sie nahmen mich mit in ihr Studentenwohnheim, wir fragten uns gegenseitig Löcher in den Bauch. Wie funktioniert das Studium in Ost und West? Wie ist das Leben im Studentenwohnheim? Unter welchen Bedingungen wird gearbeitet? Mir wurde klar: Das Studium an der Humboldt-Uni war völlig anders organisiert. Es gab Hausaufgaben, Kontrollen und immer wieder Prüfungen.

Es war Vorweihnachtszeit, ich hatte nach dem Gespräch viele neuen Einsichten gewonnen und kehrte mit Geschenken zurück in den Westen. Ich bekam ein blaues Hemd der FDJ und einen Dresdner Stollen.

In dieser Zeit war ich Vorsitzender des Ausschusses für Medizinstudenten beim Hartmannbund. Und mir wurde klar: Wir müssen diesen Ost-West-Informationsaustausch dringend strukturieren - nicht nur für Studenten, sondern auch für Ärzte, die bereits im Beruf stehen. Zusammen mit den drei Kommilitonen von der Humboldt-Uni leierte ich Info-Treffen an, bastelte Flyer, das Interesse an diesen Veranstaltungen war riesengroß.

"Ich büffelte Tag und Nacht fürs Examen"

Danach ging alles sehr schnell. Beide Berliner Universitäten erkannten gegenseitig ihre Scheine an - und damit eröffneten sich mir völlig neue Perspektiven. Ich befand mich plötzlich und unerwartet im 2. Staatsexamen, das im Osten völlig anders ablief als an der FU. Im Westen gab es Multiple Choice, im Osten mündliche Prüfungen. Ich musste zusätzliche Scheine nachweisen, um fürs Ost-Examen zugelassen zu werden. Ich büffelte Tag und Nacht und fand viel Unterstützung. Ein Ost-Professor stellte mir bereitwillig seinen Orginal-Vorlesungsordner mit einzigartigen Handzeichnungen zur Verfügung, damit ich mich besser vorbereiten konnte. Was für ein Vertrauensbeweis!

Am Ende hatte ich nicht nur mein Examen bestanden, sondern sogar ein Jahr gewonnen, und war wohl der erste Medizinstudent der FU, der an der Humboldt-Uni seine Prüfungen abgelegt hat. Ich bin dann an der Uni geblieben, habe dort promoviert und später viele Jahre als Arzt im Osten gearbeitet. Heute weiß ich: Der Mauerfall war der Beginn vieler wunderbarer Geschichten in meinem Leben.

Aufgezeichnet v. Christoph Fuhr

Zum Special "20 Jahre Mauerfall" »

ZUR PERSON

zur Großdarstellung klicken

Dr. Michael Piechnik

Dr. Michael Piechnik (51) ist Beratungsarzt der AOK Bayern in Augsburg. Der gebürtige Westberliner war bereits vor dem Mauerfall 1989 als Medizinstudent an der Freie Universität Berlin im Hartmannbund aktiv.

Nach der Wende und seinem Examen an der Humboldt-Universität Berlin bekleidete er Ämter im Hartmannbund und arbeitete als Arzt in Kliniken im Osten.

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Was neue Onkologika den Patienten tatsächlich bringen

Ist das Glas halb voll oder halb leer? Neue Onkologika haben die Überlebenszeit von Krebspatienten in den vergangenen zwölf Jahren im Schnitt um 3,4 Monate verlängert. Dieser Vorteil geht oft zulasten der Sicherheit. mehr »

Kassen und KBVdrücken aufs Tempo

Bisher trat die Selbstverwaltung bei der Digitalisierung eher als Bremser auf. Bei den Formularen geben KBV und Kassen jetzt Gas: Im Juli kommt der digitale Laborauftrag. mehr »

"Weiterbildung auch mit Kind zügig möglich - im Verbund!"

Eine strukturierte Weiterbildung, die auch mit Elternzeit nur sechs Jahre dauert? Das ist möglich, sagt Dr. Sandra Tschürtz. Die angehende Allgemeinmedizinerin steht vor ihrer Facharztprüfung – und blickt für die "Ärzte Zeitung" auf ihre Zeit in einem Weiterbildungsverbund zurück. mehr »