Sonderdruck, 09.11.2009

Bleibe im Lande und wehre dich täglich

Bleibe im Lande und wehre dich täglich

Die Arztpraxis für Hautkrankheiten übernahm sie von ihrem Vater - und wurde Teil einer Notgemeinschaft der Niedergelassenen, die neben den staatlichen Einrichtungen, die Versorgung sicherten. Als ein Patient niedergeprügelt wurde, nahm sie an Friedensgebeten teil.

Von Ulrike Schwäblein-Sprafke

Heute denke ich mit Dankbarkeit an den Herbst 1989 zurück, dem Wunder der friedlichen Revolution folgte das Wunder der Wiedervereinigung.

Im Winter 1972 übernahm ich nach dem Tod meines Vaters die Niederlassung, die gesetzliche Erbfolge bei gleicher Fachrichtung war in der DDR noch möglich. Es gab damals im Bezirk Karl-Marx-Stadt (heute Verwaltungsdirektion Chemnitz) noch etwa 150 niedergelassene Ärzte mit einem Durchschnittsalter von über 60 Jahren. Der damalige DDR-Gesundheitsminister soll in diesem Zusammenhang gesagt haben: "Die niedergelassenen Ärzte sind kein politisches, sondern ein biologisches Problem."

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Ein Plakat für die Wandzeitung - der Protest im Herbst 1989, den sich Dr. Ulrike Schwäblein-Sprafke traute. Das Plakat von damals hat sie noch heute.

Foto: Mohn

Wir waren eine verschworene Notgemeinschaft und machten das Beste aus dem System. "Bleibe im Lande und wehre dich täglich" - wir Niedergelassenen hatten hier zu bleiben, weil es für uns keinen Ersatz gab. Als Einzelkämpfer versorgten wir viele Patienten und erfüllten somit einen wichtigen Part im zentralistisch ge-lenkten Gesundheitswesen.

Wir litten an einem chronischen Mangelsyndrom: es mangelte an moderner Medizintechnik. Medikamente, Hilfsmittel und Verbandsstoffe waren zwei Jahre voraus mit allen Mängeln der sozialistischen Planwirtschaft geplant.

Kaum Literatur oder Kontakte zu Fachgesellschaften

Es fehlte an Fachliteratur und an Kontakten zu medizinischen Fachgesellschaften. Die einheitliche Sozialversicherung war laut Verfassung der DDR der Einheitsgewerkschaft "Freier Deutscher Gewerkschaftsbund" (FDGB) unterstellt. Die zentrale Leitung oblag dem Gesundheitsministerium. Somit war unsere Abrechnungsstelle in Karl-Marx-Stadt ein Teil des FDGB und die niedergelassenen Ärzte eine Kreisgewerkschaftsgruppe.

Zurück zum medizinischen Alltag: Die Wartezeit auf eine elektrische Schreibmaschine für meine Praxis von etwa sechs Jahren entsprach der Wartezeit auf einen Rollstuhl für Behinderte.

Ich traute mich nur, ein Protestplakat zu schreiben

Es gab Medikamente der A-, B-, C-, D-Nomenklatur: Die D-Nomenklatur gab es nur für Parteifunktionäre, dem Niedergelassenen waren sie nicht zugängig. Die C-Nomenklatur erforderte einen Antrag in dreifacher Ausfertigung. Der gelernte DDR-Bürger wusste damit umzugehen, der HNO-Arzt erhielt von mir Flucinarsalbe gegen Alupent oder Berotec-Asthmaspray.

Machen wir einen Zeitsprung in den Herbst 1989: Es war eine spannende und interessante Zeit mit einer atemberaubenden Entwicklung, voller Angst und Hoffnung. Wir waren geprägt von unserem vormundschaftlichen Staat, von der Schizophrenie, dass es seit der Schulzeit immer einen gab, der einem sagte, wo es lang ging und was für einen gut war. Aber Eingesperrte nehmen jeden Zipfel an Information auf, lesen jedes Buch, entwickeln eine ureigene Philosophie.

Meine Patienten kannten meine Einstellung und haben mir vertraut. Ich hatte ganz einfach Angst, der Einladung zur Teilnahme an der Demo in Leipzig nachzukommen. So traute ich mich lediglich, ein Protestplakat für die Wandzeitung zu schreiben. Das habe ich bis heute aufgehoben.

Erst als mir ein Patient, der als Unbeteiligter brutal im Polizeigewahrsam verprügelt worden war, seinen Rücken zeigte, war das für mich das Zeichen, dass alle Widerstand leisten müssen.

In meiner Heimatstadt fanden sonntags in der völlig überfüllten Kirche die so genannten Friedensgebete statt. Als ich dort das Wort ergriffen hatte, wurde ich in die SED-Kreisleitung einbestellt. Sie hatten jedes Wort mitgeschnitten.

Nach dem Mauerfall im Frühjahr 1990 gründeten einige engagierte Niedergelassene die KV e.V. Sachsen, die am 1. Juli 1991 den Körperschaftsstatus als KV Sachsen erhielt. Viele Kollegen, die das schon immer wollten, gingen in die Niederlassung. Nicht selten lag ihr 50. Geburtstag schon hinter ihnen. Die Polikliniken wurden entgegen anders lautenden Gerüchten in Sachsen nicht abgewickelt. Die Ärzte in diesen Einrichtungen erhielten das gleiche Honorar wie die Ärzte in den Niederlassungen.

Wie soll die Versorgung auf dem Land in Zukunft werden?

Übrigens erhielt ich zur DDR-Zeit eine Fallpauschale von 7,89 Ostmark pro Patient/Quartal. Das gezahlte Honorar war zur Wendezeit niedriger als heute.

Jeder kennt die Fallpauschalen, die heute für die ärztliche Tätigkeit pro Quartal gezahlt werden und kann sich ausrechnen, dass man davon nicht zusätzlich einen Verwaltungsleiter, eine Oberschwester und einen Kraftfahrer bezahlen kann. Die Polikliniken arbeiteten also mit einem Defizit, eine Quersubventionierung durch Kliniken gab es nicht und die Kommunen wollten sie nicht mehr leisten. Sowohl eine Praxis als auch ein MVZ müssen sich rechnen.

Umso unverständlicher ist mir, dass heute viele mit der "guten alten Poliklinik" die flächendeckende medizinische Versorgung im ländlichen Raum sichern wollen.

Es gilt deshalb zu diesem Jubiläum des Mauerfalls in diesem Jahr nicht nur verklärt zurück zu blicken, sondern die Erfahrungen für die Zukunft zu nutzen - die Schlechten und die Guten.

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ZUR PERSON

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Dr. Ulrike Schwäblein-Sprafke

1938 geboren, studierte Dr. Ulrike Schwäblein-Sprafke 1956 bis 1962 Humanmedizin in Leipzig und Dresden. 1962 folgte die Promotion, 1963 die Approbation. 1972 übernahm sie die Praxis für Haut- und Geschlechtskrankheiten ihres Vaters. 1990 war sie Gründungsmitglied der KV Sachsen, 1991 Mitglied des Vorstandes der KV und Vorsitzende der Bezirksgeschäftsstelle Chemnitz. Seit 2004 ist sie stellvertretende Vorstandsvorsitzende der KV Sachsen und führt ihre Praxis in Hohenstein-Ernstthal.

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