Samstag, 11. Februar 2012
Sonderdruck, 09.11.2009

Der Raubbau an der Gesundheit

Der Raubbau an der Gesundheit

Der real existierende Sozialismus pervertierte das idealistische Menschenbild des Kommunismus: Realität war ein ruinöser Umgang mit der Gesundheit der Menschen.

Von Helmut Laschet

"Mir ist vor kurzem zugetragen worden, dass in einer Geburtsklinik ein frisch geborenes Kind von einer Ratte aufgefressen worden ist." Dimitri Tschasow, 1989 sowjetischer Gesundheitsminister, charakterisierte schonungslos den Zustand des Gesundheitswesens in der implodierten Weltmacht Sowjetunion.

Dabei war die UdSSR ein Land mit der weltweit höchsten Ärztedichte: 43,3 Mediziner kamen auf 10 000 Einwohner (30,1 waren es in der alten Bundesrepublik Ende der 80er Jahre). Aber: den miserabel bezahlten Ärzten mangelte es in jeder Hinsicht an Arznei-, Heil- und Hilfsmitteln. Die Sowjetunion wandte damals 3,2 Prozent ihres Sozialprodukts für Gesundheit auf, in West-Deutschland waren es (auf viel höherem BIP-Niveau) acht Prozent. Für die Gesundheit der Menschen hatte dies katastrophale Folgen:

  • Die Lebenserwartung der Sowjetbürger lag um sechs bis sieben Jahre unter dem Niveau des Westens.
  • Die Säuglingssterblichkeit lag bei 2,5 Prozent; Fortschritte gab es nicht, während die Bundesrepublik diese Rate binnen zehn Jahren auf 0,9 Prozent halbierte.
  • Infektionskrankheiten waren in der Sowjetunion zehnmal so häufig wie in der Bundesrepublik.
  • Fast doppelt so häufig wie in Deutschland (West) waren Atemwegserkrankungen die Todesursache.
  • Viermal so häufig wie in West-Deutschland waren Unfälle und Vergiftungen bei Männern die Todesursache - ein deutlicher Hinweis auf gefährliche Arbeitsbedingungen.

Professor Jewgeni Leparski, ein enger Berater des sowjetischen Gesundheitsministers, charakterisierte die Zustände in russischen Krankenhäusern 1989 so: "Sie müssten vollständig renoviert werden. Sie haben keine Zentralheizung, kein fließendes Wasser, keine Kanalisation und kein heißes Wasser." Einwegspritzen sind nicht vorhanden. Alte Glaskolben werden ausgekocht, Nadeln über Bunsenbrennern sterilisiert. Wenn sie sich dabei verbiegen, werden sie mit einem Hämmerchen gerade geklopft. Zwar gab es seit Ende der 80er Jahre etliche Hilfsaktionen für die sich öffnende Sowjetunion. Aber anders als im Ostteil des wiedervereinigten Deutschlands, wo 1991 das westdeutsche Krankenversicherungsrecht in Kraft trat und binnen weniger Jahre Milliarden-Investitionen in eine neue Gesundheits-Infrastruktur folgten, begann für die Menschen in Russland der Sturz in den Abgrund.

Die ohnehin karge Infrastruktur brach völlig zusammen. Die Lebenserwartung sank dramatisch. In großem Umfang amnestierte Häftlinge aus medizinisch unbetreuten Gefängnissen streuten Infektionen wie offene Tuberkulose über das ganze Land. Neben den ohnehin chronischen Alkoholismus vieler Russen trat Drogenkonsum - in Kombination mit Prostitution ein Nährboden für HIV und Hepatitis.

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