Ärzte Zeitung, 26.10.2011

Patient und Arzt bald auf Augenhöhe?

Längst vorbei sind die Zeiten, in denen Patienten die Ärzte als "Halbgötter in Weiß" ansahen. Heute hinterfragen sie Diagnose und Therapie. Doch wohin führt die Reise - werden Ärzte künftig von ihren Patienten entmachtet?

Von Sunna Gieseke

Patient und Arzt auf Augenhöhe?

Patienten sind heute selbstbestimmter, doch das birgt Gefahren.

© NotarYES / shutterstock.com

BERLIN. Patienten gewinnen im Gesundheitssystem zunehmend an Autonomie - gleichzeitig verlieren Ärzte immer mehr ihrer Freiheiten. Diese Entwicklung hat die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) nun massiv kritisiert.

"Ärzte werden in ihrem Handeln zunehmend fremdbestimmt", sagte KBV-Chef Andreas Köhler in der Veranstaltung "KBV kontrovers" zum Thema "Arzt und Patienten: Wie viel Selbstbestimmung darf‘s denn sein?" in Berlin.

Zu den Beschränkungen des ärztlichen Handelns gehörten Rabatt- und Selektivverträge genauso wie Rechenschaftspflichten gegenüber den Krankenkassen.

Köhler: Patienten sind heute selbstbestimmter

Patienten hingegen nähmen nicht mehr alles hin, was Ärzte ihnen sagten. Sie seien heute selbstbestimmter, so Köhler. "Ein gewisses Vorwissen" sei zwar positiv - schwierig werde es aber dann, wenn der Patient sich eine Diagnose gestellt habe, noch bevor die Untersuchung überhaupt begonnen habe.

Immer mehr Patienten informieren sich bereits vor dem Arztbesuch im Internet. Das birgt Gefahren: Viele Patienten finden nur "mit Glück" die Informationen, die sie wirklich brauchen.

Forderung: Selbsthilfegruppen stärken

Karin Stötzner, Patientenvertreterin im Gemeinsamen Bundesausschuss, betonte, dass man die Patienten gezielt mit Informationen versorgen könne, indem man Selbsthilfegruppen stärke. Gerade die lieferten "viel Expertenwissen in eigener Sache".

Für mehr Patientensouveränität bräuchten die Selbsthilfegruppen aber mehr Mitspracherecht im Gesundheitswesen. Entscheidungen dürften nicht nur über die Köpfe der Patienten hinweg getroffen werden.

Müller fordert mehr Eigenverantwortung von den Patienten

KBV-Vorstand Carl-Heinz Müller forderte Versicherte auf, mehr Eigenverantwortung zu übernehmen. Im Gesundheitssystem mündig zu sein, bedeute viel mehr als lediglich einen Blick auf Online-Portale zu werfen.

"Patienten müssen sich aktiv mit ihren Krankheiten auseinandersetzen", forderte Müller. Es reiche nicht, ein Medikament zu schlucken, wenn der Patient auch seine Ernährung ändern und mehr Sport machen sollte.

Patientenvertreter: Kranke hilflos dem Gesundheitssystem ausgeliefert

Patientenvertreter Wolfram-Arnim Candidus konterte, dass Patienten zu sehr dazu erzogen seien, auf das System zu vertrauen. "Patienten werden nicht herangeführt, gesund zu bleiben."

Wenn sie dann krank würden, seien sie dem Gesundheitssystem hilflos ausgeliefert. Daher sei es notwendig, dass sich Versicherte bereits als Gesunde mit Vorsorge beschäftigen. Er plädierte für Präventionsunterricht in der Schule.

 Dagegen betonte Müller, dass Patienten sich ohnehin bestens im Gesundheitssystem auskennen würden, schließlich seien sie von Anfang an darin eingebettet.

Jeder Patient sollte die Möglichkeit haben, sich auf einen Arzttermin vorzubereiten

Gerhard Schillinger vom AOK-Bundesverbandes forderte, dass jeder Patient die Möglichkeit haben sollte, sich gut auf einen Arzttermin oder eine Krankenhausbehandlung vorbereiten zu können.

Der Arztnavigator der AOK, der Barmer GEK und dem Projekt Weisse Liste biete die notwendige Hilfestellung bei der Suche nach einem geeigneten Arzt oder Krankenhaus.

Patienteninformation sei eine Aufgabe der Kassen

Schließlich hätten Kassen eine immer größere Verantwortung, Patienten zu informieren. "Nur so können Patienten souverän mit dem Arzt sprechen", so Schillinger.

Patienteninformation sei neben der Finanzierung der Versorgung heute die zweite große Aufgabe der Krankenkassen.

[27.10.2011, 12:42:21]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Transparenz und Reliabilität
Vertrauen einlösen und garantieren, Zuverlässigkeit darstellen und realisieren - das wären d i e Maximen für die Zukunft!

Derzeit schieben alle Interessengruppen und Meinungsbildner im Gesundheits- und Krankheitswesen, aber auch in Medien und Öffentlichkeit die Verantwortung dem jeweils Anderen zu:

- "Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker", damit entledigen sich die Pharmahersteller (kostenfrei) i h r e r Verantwortung für Produkt- und Prozessqualität.

- "Sie müssen Alles, was notwendig ist, von Ihrem Arzt auch verordnet bekommen", sagen in Form eines sibyllinischen Orakels alle GKV- Krankenkassenmitarbeiter/-innen den Ratsuchenden. Und verschweigen unisono das Wirtschaftlichkeitsgebot nach § 12 SGB V.

- Die (teuren) COX-II-Inhibitoren verschreibt Ihnen selbstverständlich Ihr Hausarzt sagt der Orthopäde mit den 10 injektionsfertig vorbereiteten NSAR-Mischspritzen.

- Den Befund erklärt Ihnen Ihr Hausarzt ausführlich, sagt der Kardiologe zum fragenden KHK-Patienten.

- Die zur eigentlichen Abklärung noch erforderlichen ANCA-AMA-Tests und ein CT/MRT-Schädel können ambulant vom Hausarzt veranlasst und 1 Tag später vom niedergelassenen Neurologen interpretiert werden schreibt die neurologische Fachklinik, um den nächsten "Fall" DRG-günstig aufnehmen zu können.

Die Liste ließe sich beliebig fortsetzen.

Zeit, Raum (und Honorar) für Gesundheitsförderung, Reflexion der eigenen erstarrten Verhaltensweisen und Aufbrechen des stereotypen Über und Aneinander vorbei Redens werden n i c h t gewährt. Stattdessen Technik, Prozess- und Ergebnisqualität, Labor, robotergestützte Eingriffe etc. Aber keine Zuwendung, Empathie, kein Zuhören, keine Kommunikation. D a s ist die Krise in der Patient-Arzt-Kommunikation.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund




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