Ärzte Zeitung, 31.08.2012

Demografie

Es gibt größere Kostentreiber

Die Barmer GEK hat nachgerechnet - und ein bislang scheinbar unumstößliches Dogma infrage gestellt: Denn die Alterung der Gesellschaft belastet das Gesundheitswesen offenbar weniger als bislang vermutet.

Von Anno Fricke

Demografie belastet das Gesundheitswesen nur wenig

Fröhlich in Rente. Die Alterung der Gesellschaft kostet das Gesundheitswesen weniger als gedacht.

© Julian Stratenschulte / dpa

BERLIN. Dass die Menschen älter und damit auch kränker werden, ist nur einer der Gründe, warum die Ausgaben im Gesundheitswesen steigen.

"Weniger als ein Fünftel der Kostensteigerungen gehen auf demografische Effekte zurück", sagte Uwe Repschläger aus dem Management der Barmer GEK bei der Vorstellung des Reports "Gesundheitswesen aktuell 2012" am Donnerstag in Berlin.

Der Rest entfalle auf den medizinisch-technischen Fortschritt, die Preise und die Angebotsstrukturen. Der Höhepunkt der demografiebedingten Kostensteigerungen werde bereits im Jahr 2013 erreicht.

Es ist noch nicht so lange her, dass Gesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) der Alterung den schwarzen Peter zugeschoben hatte. Keine Regierung könne die demografische Entwicklung wegreformieren, hatte Bahr 2011 gesagt.

Für die Vertreter der Barmer GEK ist der Fall klar: Die Alterungseffekte herausgerechnet, sei die Zahl der Hüft- und Knieprothesen-Operationen oder die Menge an Magnetresonanztomografien dennoch deutlich gestiegen.

Hauptauslöser seien demnach der medizinisch-technische Fortschritt und die angebotsinduzierte Nachfrage.

"Nicht weil es mehr alte Leute gibt, sondern weil man sie behandeln kann", stiegen die Kosten, sagte Barmer-GEK-Chef Dr. Christoph Straub.

Mengenausweitung in den Griff bekommen

Minimalinvasive Verfahren zum Beispiel könnten Menschen heute auch in einem Alter noch helfen, in dem sie früher nicht mehr operiert worden wären.

Straub forderte, die Mengenzuwächse zu identifizieren, die durch Demografie und Fortschritt nicht eindeutig zu erklären seien.

Er ging auch auf die aktuelle Diskussion um Mengenausweitungen in Kliniken ein. Ärzte sollten Anreize für gezielten Ressourceneinsatz und nicht für die Acquise von immer mehr Fällen erhalten. Neue Methoden und Verfahren dürften nicht einfach nur zusätzlich in die Versorgung einbezogen werden.

Jedes Jahr muss die GKV zwischen drei und 3,5 Prozent mehr für die Versorgung ausgeben. Für jeden Versicherten sind das im Schnitt 80 Euro mehr.

Den Berechnungen der Barmer GEK zufolge ist der demografische Wandel in den Jahren 2007 bis 2010 nur zu 18 Prozent für den Anstieg der Gesamtausgaben verantwortlich. Bevölkerungsprognosen des Statistischen Bundesamtes zufolge sinke dieser Anteil nach 2013 sogar ab.

Um den tatsächlichen Beitrag der Alterung zum Kostenanstieg aus der Gesamtsumme heraus zu rechnen, ermittelten die Statistiker der Barmer die Ausgaben nach Altersgruppen und Geschlecht für ein Basisjahr.

Anschließend haben sie diese Ausgaben auf ein Folgejahr übertragen und mit der geänderten Altersstruktur jenes Jahres multipliziert.

So sollte der reine Demografieeffekt isoliert werden, sagte Repschläger. Die sich im Zeitverlauf ebenfalls ändernden Faktoren wie technologischer Wandel, die Preisentwicklung und die Angebotsstrukturen würden damit aus der Rechnung eliminiert.

[03.09.2012, 09:19:18]
Walter Schenk 
Billig-Zement für Menschen über 80 Jahre?
Barmer-GEK-Chef Dr. Christoph Straub (ein Mediziner) hat recht mit seiner Aussage, dass die Kosten steigen, weil man mehr alte Leute behandeln kann. Deutschlands Ärzte kommen dem nach und helfen und heilen – und das wird auf einen Schlag zur angebotsinduzierten Nachfrage umdefiniert. Die von ihm geforderten Anreize für einen „gezielten Ressourceneinsatz“ sind beispielhaft in staatlich gelenkten Gesundheitssystemen ablesbar – hier kann jeder sehen, was Mengenbegrenzung mit sich bringt.
 zum Beitrag »

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Zahl der Behandlungsfehler stagniert

"Fehler passieren, auch in der Medizin. Aber die Wahrscheinlichkeit, dass Patienten durch einen Behandlungsfehler zu Schaden kommen, ist extrem gering." So lautete das Fazit von Dr. Andreas Crusius bei der Vorstellung der Behandlungsfehlerstatistik. mehr »

Naturvolk mit erstaunlich gesunden Gefäßen

In einer geradezu heroischen Studie haben US-Forscher Eingeborene der Amazonas-Region zur Calcium-Score-Messung in einen CT-Scanner geschoben. Noch nie wurde ein Volk mit so gesunden Arterien beschrieben. mehr »

Dann ist ein Hausbesuch abrechenbar

Die vollständige und vor allem korrekte Abrechnung der so genannten Leichenschau stellt Ärzte immer wieder vor Probleme. Beispielsweise stellt sich die Frage nach der eigenständigen Berechnung des Hausbesuchs. mehr »