Ärzte Zeitung, 09.01.2015

Beitragssätze

Schöne neue Kassenwelt

Die Kassenreform ist erst der Anfang: Kassenvertreter warnen vor schrumpfenden Reserven und steigenden Zusatzbeiträgen. Gleichzeitig verändern sich die Ansprüche der Kunden an den Service ihrer Versicherung.

Von Anno Fricke

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Neue Beitragswelt: Auch Krankenkassen können jeden Euro nur einmal ausgeben.

© Photography ByMK / fotolia.com

BERLIN. Die neue Beitragswelt unterscheidet sich noch nicht allzusehr von der alten. 65 Kassen von insgesamt 124 haben zu Jahresbeginn ihre Beiträge gesenkt, acht erhöht. Die Ausschläge sind gering.

Das muss nicht so bleiben: Vertreter von Kassen und Kassenverbänden warnen bereits vor deutlich steigenden Zusatzbeiträgen.Beitragsaufschläge gehen nach der gegenwärtigen Konstruktion alleine zu Lasten der Versicherten.

"Unsere Einschätzung ist, dass wir mit 0,15 bis 0,2 Prozent Steigerung des Beitragssatzes rechnen müssen in den nächsten Jahren. Das entspricht dem langjährigen Mittel, und wir werden zu diesem langjährigen Mittel mindestens zurückkehren, was die Ausgabendynamik angeht. Damit geht die Schere zwischen Einnahmen und Ausgaben auf", sagte Barmer GEK-Chef Dr. Christoph Straub der "Ärzte Zeitung".

03, Prozentpunkte mehr pro Jahr?

Kassen-Beitragssätze 2015

Seit Januar gelten bei Krankenkassen zum Teil wieder unterschiedliche Beitragssätze. Wir zeigen Ihnen, bei welcher Kasse es günstiger und bei welcher es teurer wird.

Der Vorstandsvorsitzende des AOK-Bundesverbandes, Jürgen Graalmann, hält sogar bis zu 0,3 Prozentpunkte im Jahr für möglich. TK-Chef Dr. Jens Baas sieht die Finanzlage der Kassen sich kontinuierlich verschlechtern.

Verantwortlich dafür seien neben er demografischen Entwicklung jedoch überwiegend die allgemeine Kostensteigerung.

Für die Kassen ist es deshalb nach wie vor wichtig, effizienter zu werden. Die Konsolidierung auf der Kassenseite ist weit fortgeschritten. Zum Zeitpunkt der deutschen Einheit gab es noch mehr als 1000 gesetzliche Krankenkassen.

25 Jahre später ist deren Zahl auf 124 geschrumpft. Der Aufwand, der durch die Fusionen entstehe, sei beträchtlich. "Insgesamt ist der Wirtschaftlichkeitsdruck hoch.

Und wir als Barmer GEK schauen sehr konsequent darauf, wie wir die Aufbau- und Ablauforganisation straffen und Produktivität und Effizienz steigern können", sagte Straub.

Ein weiterer Faktor des Anpassungsdrucks seien die sich deutlich verändernden Kundenbedürfnisse. Zunehmend nutzten die Kunden Telefon und E-Mail zur Kommunikation mit der Kasse.

Nutzung wächst kontinuierlich

In absoluten Zahlen sei die Nutzung von Mails und anderen internetbasierten Diensten noch gering, wachse aber kontinuierlich, sagte Straub.

Die Kunden entwickelten zudem eine deutlich andere und übrigens anspruchsvollere Haltung, was Beratungsleistungen angehe.

Die Reaktionen auf die Entwicklungen fallen unterschiedlich aus. Die Barmer GEK hat bereits tiefgreifende Veränderungen angekündigt.

250 bis 300 Millionen Euro im Jahr sollen durch einen mittelfristigen Abbau von bis zu 3500 Stellen und die Verkleinerung des Filialnetzes erwirtschaftet werden.

Gleichzeitig will die Kasse in Telefon- und Onlinedienste investieren. Verlängerte Öffnungszeiten und mehr Berater in den verbleibenden rund 400 Geschäftsstellen sowie mobile Geschäftsstellen sollen flächendeckende Beratung sicherstellen.

Das Netz von mehr als 1300 Filialen solle weitgehend aufrecht erhalten bleiben, hieß es dagegen am Donnerstag beim AOK-Bundesverband. Die demografische Entwicklung schaffe mehr Beratungsbedarf.

Effizienzreserven versuche die AOK mit den Rabattverträgen und beim Leistungsmanagement zu heben.

Von den 9,2 Milliarden Euro, die die GKV durch Rabattverträge bei den Arzneimittelausgaben seit 2009 gespart hätten, entfielen alleine 4,2 Milliarden auf die AOK, sagte Jürgen Graalmann der "Ärzte Zeitung".

Von den 7,5 Millionen DMP-Patienten in Deutschland betreuten die AOKen mehr als drei Millionen. Dafür gebe es Verträge mit 40.000 Ärzten und 1100 Krankenhäusern.

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