Ärzte Zeitung online, 22.06.2016

Krankengeld

Gutachter plädieren für Reform des Morbi-RSA

Eine Lohnersatzleistung sorgt für Unruhe unter den Krankenkassen. Das aktuelle System sorge beim Finanzausgleich für Unterdeckungen bei manchen Kassen, heißt es. Gutachter schlagen nun eine weitreichende Reform vor.

Von Anno Fricke

Gutachter plädieren für Reform des Morbi-RSA

Krankengeld ist ein elf Milliarden Euro schwerer Posten.

© akf / fotolia.com

BERLIN. Das Krankengeld macht rund fünf Prozent der Ausgaben der Krankenkassen aus. Rund elf Milliarden Euro betrug der Posten im Jahr 2014. Neun Jahre zuvor waren es rund sechs Milliarden Euro gewesen.

Das Krankengeld wird eine Rolle bei einer möglichen Reform des Finanzausgleichs zwischen den Kassen spielen.

Zu dem Paket gehören auch die Regionalisierung des morbiditätsorientierten Risikostrukturausgleichs (Morbi-RSA), der Ausgleich der Erwerbsminderungsrenten und eine Neugewichtung der 80 Krankheiten, die die Basis für den Finanzausgleich darstellen.

Am Donnerstag haben Gutachter empfohlen, den Ausgleich der Krankengeldzahlungen künftig auch auf der Basis der Arbeitsunfähigkeit auslösenden Krankheiten, dem Einkommen der Versicherten und ihrer Branchenzugehörigkeit zu berechnen.

Derzeit erhalten die Kassen die Hälfte ihrer Ist-Kosten und einen gewichteten Ausgleich nach Alter und Geschlecht ihrer Versicherten.

Diese Berechnung hält ein Gutachter-Konsortium aus Wissenschaftlern des Berliner IGES-Instituts, des WIG-Instituts in Leipzig sowie der Gesundheitsökonomen Professor Eberhard Wille und Professor Wolfgang Greiner für ungenügend.

Unterschiede in Menge und Dauer

Die Treiber der Krankengeldzahlungen seien vor allem Rückenbeschwerden und psychische Erkrankungen, also eher akute Leiden von Menschen im Berufsleben.

Der Morbi-RSA stelle hingegen eher auf chronische Erkrankungen älterer Menschen ab, sagte Wille, der auch stellvertretender Vorsitzender des Sachverständigenrats zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen ist.

Im heutigen Ausgleichssystem erhalten manche Kassen lediglich 80 Prozent ihrer Kosten erstattet, andere bekommen bis zu 200 Prozent.

Gründe sind nach Angaben der Gutachter Unterschiede in der Menge und in der Dauer der Krankengeldzahlungen, die in den Mitgliederstrukturen der Kassen begründet und nur bedingt zu beeinflussen seien, hieß es.

Das Gutachten in Auftrag gegeben haben Betriebs- Ersatz- und Innungskrankenkassen. Die Gutachter hatten Zugriff auf mehr als 2,8 Millionen Datensätze von Versicherten.

Ziel des Gutachtens sei es, Modelle zu entwickeln, wie sich die Deckungsquoten annähern lassen und gleichzeitig Anreize für ein aktives Krankengeld-Management bestehen bleiben, sagte Dr. Karsten Neumann vom IGES-Institut. In den Modellrechnungen der Gutachter ließ sich die Zielgenauigkeit der Zuweisungen gegenüber dem aktuellen Verfahren verdoppeln.

Der Vorstandsvorsitzende des AOK-Bundesverbands Martin Litsch plädiert für eine Gesamtevaluation des Morbi-RSA. Der Start sollte noch in diesem Jahr erfolgen, damit die Ergebnisse zu Beginn der neuen Legislaturperiode vorlägen, sagte Litsch im Interview mit der "Ärzte Zeitung".

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