Ärzte Zeitung online, 20.07.2012

Organspende-Skandal an Göttinger Uniklinik

Seitenhieb für die Organspende-Reform: Erst vor zwei Tagen wurde die Gesetzesänderung im Bundesgesetzblatt veröffentlicht. Jetzt erschüttert ein Skandal die Republik - ein Göttinger Arzt soll im großen Stil Patienten bevorzugt haben.

Von Heidi Niemann und Anno Fricke

Organspende-Skandal an Göttinger Uniklinik

Uniklinik Göttingen: Erschüttert von einem Organspende-Skandal.

© Hubert Jelinek / imago

GÖTTINGEN. Ein Skandal um Organtransplantationen erschüttert das Göttinger Universitätsklinikum.

Der ehemalige Leiter der Transplantationschirurgie soll Dutzende von Krankenakten manipuliert haben, um so Patienten bevorzugt zu einer Spenderleber zu verhelfen.

Das haben die Ermittlungen der Ständigen Kommission Organtransplantation der Bundesärztekammer (BÄK) ergeben.

Der Vorstand der Universitätsmedizin zeigte sich über die Verstöße erschüttert: Die neuen Erkenntnisse "haben uns tief getroffen", sagte der Vorstand Krankenversorgung, Professor Martin Siess, am Freitagmittag bei einer Pressekonferenz.

Den Ermittlungen zufolge soll der Oberarzt insbesondere in den Jahren 2010 und 2011 gezielt Laborwerte gefälscht und Dialyse-Behandlungen erfunden haben, so dass Patienten kränker dargestellt wurden, als sie tatsächlich waren.

Unter anderem sollen falsche Blutgerinnungs- und Nierenfunktionswerte angegeben worden sein. Außerdem wurden Dialyse-Behandlungen dokumentiert, die nie stattgefunden hatten und nie abgerechnet wurden.

Insgesamt 25 Patienten bevorzugt

Durch die Manipulationen rückten die betreffenden Patienten auf der Warteliste für Spenderorgane der Stiftung Eurotransplant nach oben. Die Organisation ist für die Zuteilung aller Spenderorgane in Deutschland und sieben weiteren europäischen Ländern zuständig.

Auf diese Weise sollen in den vergangenen Jahren 25 Patienten des Uniklinikums bevorzugt eine Spenderleber zugeteilt bekommen haben.

Die Ermittler untersuchten außer den Transplantationen auch die aktuelle Warteliste. Sämtliche 130 Patienten seien noch einmal überprüft worden, sagte Siess.

Bei der Auswertung der neu erhobenen Befunde sei man in 25 Fällen auf Auffälligkeiten gestoßen. Diese Patienten seien deshalb von der Warteliste gestrichen worden.

Die Göttinger Universitätsmedizin hatte sich bereits Ende vergangenen Jahres aufgrund eines ersten Verdachtsfalls von dem Transplantationsmediziner getrennt.

Den Stein ins Rollen gebracht hatte damals ein anonymer Anrufer. Dieser hatte der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) einen Hinweis auf Manipulationen durch einen Transplantationsarzt gegeben.

Strafrechtliche Konsequenzen nicht in jedem Fall

Das Göttinger Klinikum hatte daraufhin eine externe Prüfungskommission eingerichtet und die Staatsanwaltschaft Braunschweig eingeschaltet.

Diese ermittelt gegen den Spezialisten für Leberverpflanzungen wegen des Verdachts der Bestechlichkeit. Bislang habe man jedoch noch keine Anhaltspunkte dafür gefunden, dass Geld an den Mediziner geflossen sei, sagte am Freitag die Sprecherin der Strafverfolgungsbehörde, Serena Stamer.

Ob der Fall am Ende tatsächlich strafrechtliche Folgen nach sich ziehen wird, lässt sich noch nicht absehen. Verstöße gegen die Richtlinien des Transplantationsgesetzes werden in der Regel nicht strafrechtlich geahndet.

Ausnahmen von dieser Regel gibt es, wenn etwa mit Organen gehandelt wurde oder ein anderer Patient, der durch die Manipulationen benachteiligt wurde, infolge eines ausgebliebenen Spenderorgans verstorben ist. Dieser Nachweis dürfte allerdings schwer zu führen sein.

Der Leiter der Ständigen Kommission Organtransplantation der BÄK, Professor Hans Lilie, zeigte sich tief erschrocken über das Ausmaß der Manipulationen: "Wir hätten uns das nicht vorstellen können", sagte der an der Universität Halle lehrende Medizinrechtler.

"Wir müssen uns jetzt darüber Gedanken machen, wie wir so etwas in Zukunft verhindern können." Er gehe außerdem davon aus, dass die niedersächsische Ärztekammer berufsrechtliche Konsequenzen prüfen werde.

Schon früher aufgefallen

Die Universitätsmedizin Göttingen (UMG) hat bereits Konsequenzen gezogen und ihre Abläufe geändert. So darf beispielsweise jetzt nur noch der Transplantationsbeauftragte die Werte der Patienten in die entsprechende Datenbank eingeben.

Ärzte hätten keinen Zugang mehr zu dem Rechner, sagte Vorstandsmitglied Sebastian Freytag. Die Transplantationschirurgie hat außerdem seit April einen neuen Leiter.

Der unter Verdacht stehende Oberarzt war schon früher durch Verstöße aufgefallen. Bei seiner früheren Tätigkeit am Universitätsklinikum Regensburg soll er 2006 eine Spenderleber außer Landes geschafft haben.

Dabei soll er die Stiftung Eurotransplant darüber im Unklaren gelassen haben, dass sich der Empfänger nicht bei ihm auf der Station befand, sondern in Jordanien. Der Fall zog damals keine Konsequenzen nach sich.

Stattdessen wurde er im Herbst 2008 Leiter der Transplantationschirurgie in Göttingen. Dort habe niemand etwas von irgendwelchen Unregelmäßigkeiten gewusst, sagte UMG-Sprecher Stefan Weller.

Wäre damals etwas darüber bekannt gewesen, wäre der Chirurg nicht eingestellt worden.

Nur ein Einzelfall?

"Erschüttert und fassungslos", zeigte sich der Präsident der Deutschen Transplantationsgesellschaft, Professor Wolf Bechstein, im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung" über die Nachrichten aus Göttingen.

Er gehe aber davon aus, dass es sich um einen Einzelfall handele und nicht um ein verbreitetes System, sagte der Leiter der Klinik für Allgemein- und Viszeralchirurgie am Universitätsklinikum Frankfurt am Main.

Der erste Hinweis auf die Manipulationen, die Patienten auf der Warteliste schneller zu einem Spenderorgan verholfen haben könnten, sei anonym bei der Deutschen Stiftung Organtransplantation eingegangen.

Er habe erst am vergangenen Montag Abend auf dem Internationalen Transplantationskongress in Berlin erfahren, dass die Vorwürfe gegen besagten Arzt viel weiter gingen, als bis dato bekannt.

Wenn der Arzt sich persönliche Vorteile verschafft habe, werde alles noch viel schlimmer. Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen Bestechlichkeit.

Kommission muss Sicherheit verbessern

Seiner Kenntnis nach seien die Ermittlungen der Ständigen Kommission Organspende gegen den ehemaligen Oberarzt am Universitätsklinikum Göttingen noch nicht abgeschlossen, sagte Bechstein. Dessen Mitgliedschaft in der Deutschen Transplantationsgesellschaft ruhe.

Erste Schritte, die Zuteilung von Spenderorganen durch Eurotransplant korruptionssicher zu machen, sind gegangen. Inzwischen müsse ein Dialysearzt bestätigen, dass ein Patient tatsächlich die Blutwäsche benötige, sagte Bechstein.

Er trete zusätzlich für das Vieraugen-Prinzip bei der Übermittlung von Laborwerten an Eurotransplant ein.

Es sei Aufgabe der bei der Bundesärztekammer angesiedelten Ständigen Kommission, die Sicherheit zu verbessern.

In der Kommission sei der Sachverstand von Bund, Ländern, Kassen- und Klinikvertretern sowie von Ärzten und Juristen versammelt. "Da müssen sich neue Wege finden lassen", sagte Bechstein der "Ärzte Zeitung".

[23.07.2012, 17:08:46]
Dr. Alfred Cassebaum 
Wer sich wundert...
... der ist selber schuld!
Incentives, Bonus-Malus-Systeme, variable Gehaltsbestandteile: immer zählt dabei die Quantität, das heißt die Anzahl an Fällen, Prozeduren, Operationen. Kein Geschäftsführer (zumindest keiner, den ich kenne) fragt doch nach, ob die Fallzahlsteigerung, über die man sich gemeinsam freut, auf seriöse Medizin oder auf Herumschrauben an Indikationen zurückzuführen ist. Bis die Sache aufflog war der Kollege in Göttingen bestimmt ein großer Held, der die Transplantationsmedizin nach vorne gebracht hat. Man muss gar nicht nach individueller Bestechlichkeit des Kollegen forschen: Status und Reputation hängen eben weitgehend von Masse statt Klasse ab - ein fragwürdiges aber gleichwohl logisches Resultat der Verbetriebswirtschaftlichung (wohlgemerkt: nicht Ökonomisierung!) unserer Krankenhausmedizin. Also: der Kollege hat sich "ökonomisch rational" verhalten, und so lange derartige Anreizsysteme immer weiter implementiert werden, wird dies kein Einzelfall bleiben. In Deutschland werden 8 x so viele Schilddrüsenoperationen/100000 Einwohner durchgeführt wie in Kanada, von Linksherzkathetern, Ganzkörper-MRT's, Arthroskopien usw. usf. ganz zu schweigen. Alles keine Folgen kriminellen, sondern im Gegenteil systemkonformen Verhaltens!  zum Beitrag »

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