Ärzte Zeitung, 19.10.2012

Wirtschafts-Nobelpreis 2012

Die Theorie des Organmarktes

Altruismus und Ökonomie - das passt nach gängiger Auffassung nicht zusammen. Der diesjährige Wirtschafts-Nobelpreis zeigt aber, dass die Ökonomie auch praxis- relevante Lösungen für die Medizin entwickelt hat - am Beispiel der Organspende in den USA.

Von Florian Staeck

Wie die Preisträger die Organspende geprägt haben

Die diesjährigen Wirtschafts-Nobelpreisträger: Lloyd S. Shapley (l.) und Alvin E. Roth.

© [M] ths,

Fotos: dpa, Susanna Bates / epa / dpa

NEU-ISENBURG. Elke Büdenbender hatte Glück, sehr viel Glück. Als ihr Nierenleiden sich im Sommer 2010 verschlimmerte, hatte sie einen Lebendspender an ihrer Seite - ihren Mann, den SPD-Politiker Frank-Walter Steinmeier.

Alle medizinischen Parameter passten, keine Unverträglichkeiten behinderten die Op.

Sehr häufig klappt das bei Paaren aber nicht. Da es aus guten Gründen einen legalen Handel mit Organen nicht gibt, haben sich in den USA Tauschringe entwickelt. Hier wird Angebot und Nachfrage nicht wie sonst über den Preis geregelt.

Denn ein preisgesteuerter Markt lässt nur den zahlungskräftigsten Patienten zum Zuge kommen, die anderen bleiben auf der Strecke. Was nötig wäre, das ist ein geregeltes Vorgehen der Bildung von Koalitionen und gemeinsamen Interessen.

Shapley legt die Grundlagen

Die beiden US-amerikanischen Ökonomen Lloyd S. Shapley (89) und Alvin E. Roth (60) haben die theoretischen Grundlagen gelegt, wie Märkte, die ohne Geld auskommen, konstruiert werden können.

Am Montag haben die beiden Wissenschaftler dafür den Wirtschafts-Nobelpreis erhalten, der ihnen am 10. Dezember verliehen wird.

Shapley hat bereits in den 60er Jahren die Grundlagen des sogenannten Economic Engineering gelegt, Roth hat die Theorie zur praktischen Anwendung ausgearbeitet.

In Deutschland haben Ökonomen im Gesundheitswesen oft einen zweifelhaften Ruf. Vorschläge aus dem Elfenbeinturm ohne Praxisrelevanz - so lautet der Vorwurf.

Das hat das Nobelpreis-Komitee anders gesehen. Mit den Preisträgern werde auch ein Forschungsfeld gewürdigt, wo "Theorie, Empirie und Anwendung interaktiv verknüpft sind", heißt es.

Wie zueinanderpassende Paare sich finden

Die Volkswirtin Professor Veronika Grimm von der Friedrich-Alexander Universität Erlangen-Nürnberg spricht mit Blick auf die Preisträger von "praxisnaher Forschung, die Menschen hilft".

Vor allem Roth habe "konkrete Vorschläge zur Ausgestaltung von Institutionen und Märkten" entwickelt. Besonders hob Grimm die Matching-Theorie hervor, die sich damit beschäftigt, wie zueinanderpassende Paare sich finden.

In den USA, wo eine länderübergreifende Organisation wie Eurotransplant nicht existiert, ist das Matching von Nierenspendern ein ebenso großes Problem wie der Mangel an Spenderorganen an sich.

Fast 90.000 Patienten befinden sich in den USA landesweit auf der Warteliste für eine Niere. 10.600 Menschen erhielten im Jahr 2010 eine postmortal gespendete Niere, rund 6300 Menschen wurde das Organ von einem Lebendspender transplantiert.

Doch oft kommt die Lebendspende eines Partners etwa wegen einer Blutgruppenunverträglichkeit nicht in Frage.

Der National Organ Transplant Act in den USA verbietet es, direkte Verträge zwischen Spender und Empfänger über Organtransplantationen zu schließen, "paired donation" dagegen ist erlaubt.

Roths Marktbedingungen

Vor diesem Hintergrund machte sich Alvin Roth daran, einen Markt zu "designen", der mehrere Bedingungen erfüllen sollte:

Ausreichend viele potenzielle Transaktionen zwischen Spendern müssen möglich sein, dies erfordert ein möglichst großes Register in Frage kommender Spender. Patienten verbessern ihre Chance auf Erhalt eines Organs, wenn sie selbst mehrere potenzielle Spender, beispielsweise von altruistisch motivierten Familienmitgliedern, melden.

Ausreichend Zeit muss vorhanden sein, damit Marktteilnehmer Angebote für ein Organ prüfen, annehmen oder zurückweisen können.

Die Marktteilnahme muss für die Beteiligten sicher sein.

Paarbildungssystem findet in vielen Feldern Anwendung

Zurückgreifen konnte Roth dabei auf die Vorarbeiten seines älteren Kollegen Shapley. Beim sogenannten Gale-Shapley-Algorithmus handelt es sich um einen Satz von Spielregen, bei dem in einer Abfolge von Einzelschritten Paare gebildet werden, deren Präferenzen zueinanderpassen.

Am Ende dieses Suchprozesses ist ein Zustand erreicht, bei dem jeder Versuch eines einzelnen an der Paarbildung Beteiligten, seinen Zustand noch zu verbessern, tatsächlich zu einer für ihn ungünstigeren Lösung führen würde.

Mit einem Chirurgen an der Harvard Medical School entwickelte Roth ein Ringtausch-System, das 2004 im Nordosten der USA als "New England Program for Kindney Exchange" von den Behörden genehmigt wurde.

Die gemeinnützige Organisation regelt inzwischen in sechs US-Bundesstaaten den kreuzweisen Nierentausch. Der Ringtausch hat sich dort längst etabliert: 2009 berichtete das New England Journal of Medicine über eine Kette von zehn, überwiegend gleichzeitig ausgeführten Nieren-Transplantationen.

Das Modell der Paarbildung hat längst auch in völlig anderen Feldern in den USA Anwendung gefunden: Etwa bei der optimalen Verteilung von Schülern auf Schulen oder der von frischgebackenen Ärzten auf Kliniken. Statt um Verteilungskampf geht es um gemeinsame Interessen und Koalitionen.

Wer in Deutschland beispielsweise je das alljährliche Chaos bei der Zentralstelle für die Vergabe von Studienplätzen (ZVS) erlebt hat, der weiß: Die bahnbrechende Forschung von Roth und Shapley könnte auch hierzulande den Alltag vieler Menschen verbessern.

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