Ärzte Zeitung, 28.05.2013

116. Ärztetag

Bahr bittet Ärzte um Hilfe

Die Skandale haben die Organspende erschüttert. Das merkt auch der Ärztetag. Ungewohnt deutlich hat Gesundheitsminister Bahr an die Ärzte appelliert, das Vertrauen in die Organspende zurückzugewinnen. Und im Video kritisieren Ärzte die Probleme der Ökonomisierung.

Von Helmut Laschet

HANNOVER. Tief bestürzt hat sich Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr am Dienstag bei der Eröffnung des 116. Deutschen Ärztetages in Hannover über die Folgen der Verfehlungen in der Transplantationsmedizin gezeigt.

"Es hat mich massiv geärgert, dass es gerade zu jenem Zeitpunkt, als wir einen parteienübergreifenden Kompromiss beim Transplantationsgesetz gefunden hatten, zu diesem Skandal kam."

Mit großer Empathie warb Bahr vor den Delegierten des Ärztetages und ihren Gästen für die Organspende: "Jeder, der sich zu einer Organspende bereit erklärt, ist ein potenzieller Lebensretter."

Deutschland habe inzwischen im internationalen Kontext die schärfsten Richtlinien. Ein Vergleich mit Entwicklungs- und Schwellenländern verbiete sich. Bahr appellierte vehement an die Ärzteschaft, für das berechtigte Vertrauen in die Organspende bei ihren Patienten und in der Bevölkerung zu werben.

Der Tag zum Nachhören

Auch der Präsident der Bundesärztekammer, Professor Frank Ulrich Montgomery, ging in seiner Eröffnungsrede ausführlich auf die ärztlichen Verfehlungen ein. "Uns ist bewusst, dass an ärztliches Handeln besondere Maßstäbe gelegt werden."

Umso mehr habe das Fehlverhalten einiger Transplantationsmediziner die Ärzteschaft getroffen. Ein schwerer Vertrauensverlust sei die Folge gewesen. Die ärztliche Selbstverwaltung habe aber sofort mit Aufklärung reagiert, während staatliche Stellen lange beiseite geschaut hätten.

Kritik von den Kassen am Finanzkonzept

Notwendig seien nun Verantwortung, Sachverstand und klare Kompetenzen bei der Zusammenarbeit zwischen Staat und ärztlicher Selbstverwaltung.

Mit Blick auf eines der Schwerpunktthemen des Ärztetages, der Rolle von Markt und Wettbewerb, sagte Montgomery, ökonomische Dimensionen wie Betriebsergebnisse in Kliniken oder Budgets und Pauschalen für Praxen hätten inzwischen ein Übergewicht im Vergleich zur Qualität der Patientenversorgung und der Humanität in der Daseinsvorsorge gewonnen. Ökonomie dürfe aber nur ein Werkzeug und kein Selbstzweck sein.

Vor dem Hintergrund der Debatte um den Erhalt der dualen Krankenversicherung und die Einführung der Bürgerversicherung wird sich der Ärztetag auch mit den künftigen Finanzierungsgrundlagen des Gesundheitswesens befassen.

Dazu hat die Bundesärztekammer ein eigenes Konzept erstellen lassen. Unterschiedlich regierten Kassen darauf: AOK-Vize Uwe Deh warf dem Ärztetag vor, sich nur auf die Finanzen zu konzentrieren, TK-Chef Jens Baas hält die Sorge, Ärzte würden bei einem Wegfall der PKV Geld verlieren, für nicht berechtigt. Er forderte die Ärzteschaft zum Dialog auf.

Auf der bis Freitag dauernden Arbeitssitzung wird sich der Ärztetag unter ethischen Gesichtspunkten mit der Ökonomisierung der Medizin auseinandersetzen und die Zusammenhänge zwischen Armut und Krankheit analysieren.

Ferner wird der Ärztetag darüber beraten, wie die Weiterbildung des ärztlichen Nachwuchses neu organisiert werden muss, wenn immer mehr spezialisierte Leistungen aus der Krankenhausversorgung in die ambulante Medizin oder in kooperative Strukturen mit niedergelassenen Ärzten überführt werden.

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[31.05.2013, 00:14:08]
Johann Gruber 
Der mündige Bürger soll entscheiden
Wenn sich die Politiker einig über die Notwendigkeit und Wichtigkeit des Themas "Bereitschaft zur Organspende" sind, dann frage ich mich, warum sie nicht den Mumm haben, die Widerspruchslösung gesetzlich zu verankern.
Jeder mündige Bürger kann dann doch für sich festlegen, dass er im Falle des Falles nicht als Organspender zur Verfügung steht. Dann ist alles klar. Aber dann bestehen womöglich wieder Ängste, dass das als Patientenverfügung ausgelegt werden könnte, die besagt: "Ich will keine Organe spenden, also will ich ggf. auch keine erhalten!" Denn die Option auf ein Spenderorgan würden die meisten Spender-Verweigerer wohl nicht aufgeben wollen.  zum Beitrag »

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