Ärzte Zeitung, 24.04.2012

Pflegeheime: Schmerztherapie mit Defiziten

Es geht aufwärts mit der Pflegequalität. Das stellt der dritte Pflegequalitätsbericht des Medizinischen Dienstes fest. Das Bild ist jedoch getrübt. Zigtausende Heimbewohner leiden immer noch unter Pflegemängeln.

Von Anno Fricke

Pflegeheime: Schmerztherapie mit Defiziten

Betreuung im Heim: Langsame Besserung bei der Qualität.

© Rainer Weisflog / imago

BERLIN. Der 3. Pflege-Qualitätsbericht des Medizinischen Dienstes der Krankenkassen und des GKV-Spitzenverbandes liegt vor.

Pflegeheime: Schmerztherapie mit Defiziten

Einige Parameter deuten darauf hin, dass sich die Versorgung in der stationären Pflege seit dem letzten Pflege-Qualitätsbericht aus dem Jahr 2007 verbessert hat, andere nicht.

"Die gute Nachricht ist, dass sich die Qualität der Pflege positiv weiterentwickelt hat", so GKV-Spitzenverband-Vorstand Gernot Kiefer bei der Vorstellung des Berichts am Dienstag in Berlin.

Das bedeute nicht, dass sie bereits überall zufriedenstellend sei. Ihr Augenmerk legten die Prüfer auf die tatsächliche Versorgung und nicht nur auf die Dokumentation.

Das führte zu einer Kernaussage des Berichts: "Es gibt einen engen Zusammenhang zwischen Prozessstandards und den Ergebnissen", sagte MDS-Chef Dr. Peter Pick.

Grundlage sind die Daten aller MDK-Qualitätsprüfungen in den 18 Monaten zwischen Juli 2009 und Dezember 2010.

Die Prüfer besuchten 16.000 Heime und ambulante Dienste und untersuchten die Situation von 107.000 Pflegebedürftigen. Erstmals liegen nun auch epidemiologische Daten vor.

Ernährung: Bei 95 Prozent der Heimbewohner sei der Ernährungszustand angemessen, stellt der MDS fest. Defizite gab es bei fünf Prozent.

79,5 Prozent der Betroffenen werden dem Bericht zufolge bei der Nahrungsaufnahme unterstützt. Das sind 15 Prozent mehr als 2007.

Kritik: In den Heimen, in denen diese Unterstützungen systematisch unterblieben, stellten die Prüfer einen mittleren Gewichtsverlust der Bewohner von 34 Prozent fest.

Demenz: 76,3 Prozent der Menschen mit eingeschränkter Alltagskompetenz erhalten Angebote zur Bewegung, Kommunikation und Wahrnehmung. Das sind laut Qualitätsbericht rund zehn Prozent mehr als 2007.

Kritik: Nur bei 58 Prozent ermitteln die Pfleger, wie wohl sich die betroffenen Menschen fühlen.

Soziale Betreuung: Mehr als 90 Prozent der Heimbewohner können laut Bericht in den eigenen Möbeln wohnen, erhalten Orientierungshilfen und haben Zugang zu Aufenthaltsflächen im Freien. Das sind 24 Prozent mehr als noch 2007.

Dekubiti: Drei Fünftel der von einem Dekubitusrisiko betroffenen Menschen erhalten laut Bericht die erforderliche Prophylaxe.

Kritik: Zu 2007 gab es keine Veränderung.

Medikation: 95 Prozent der Heimbewohner benötigen Hilfe beim Umgang mit Medikamenten. Laut Bericht ist der Umgang mit Medikamenten bei 82 Prozent der Heimbewohner sachgerecht.

Kritik: Gut 18 Prozent der Heimbewohner werden mit falsch dokumentierten und gelagerten Medikamenten versorgt. Bei knapp der Hälfte der möglichen Schmerzpatienten erfolgt keine Schmerzeinschätzung durch die Pfleger.

Etwa sechs Prozent derjenigen, denen Ärzte eine Schmerztherapie verordnet haben, werden die Schmerzmittel vorenthalten.

Freiheitseinschränkung: Etwa 140.000 Menschen in Heimen unterliegen laut Bericht "freiheitseinschränkenden Maßnahmen". Dabei handele es sich hauptsächlich um vergitterte Betten.

Kritik: 14.000 Menschen werden laut Bericht ohne die eigentlich zwingend vorgeschriebene richterliche Anordnung fixiert. Gitterbetten seien zur Sturzprophylaxe nicht nötig.

Viele der Freiheits-Einschränkungen seien unbegründet, stellen Vertreter des MDS fest.

Lesen Sie dazu auch:
Potenzial von Demenzkranken anerkennen
Kommentar: Ohne Druck bleiben Fortschritte rar

[24.04.2012, 20:18:01]
Horst Boss 
Solange es die Verantwortlichen nicht selbts trifft, wird es wohl immer nur beim Prüfen bleiben
Wenn man solche Berichte liest (s. oben), dann könnte man glatt meinen es gehe lediglich um eine geförderte Menge Sand oder Kies. Dabei handelt es sich bei jedem einzelnen Betroffenen um ein existenzielles, menschliches Desaster. Müsste der Artikel vielleicht nicht so lauten?

Ca. 700.000 Menschen sind in Pflegeheimen untergebracht. Zwischen Juli 2009 und Dezember 2010 untersuchten die Prüfer des MDK (Medizinischer Dienst der Krankenversicherung) die Situationen von 107.000 Pflegebedürftigen. Jetzt liegt ihr 3. Qualitätsbericht vor.

Bei fünf Prozent dieser Pflegebedürftigen – das sind immerhin 5.350 Menschen (insgesamt also ca. 5-mal so viel) - wurde der Ernährungszustand bemängelt. 20,5 Prozent der Betroffenen wurden bei der Nahrungsaufnahme nicht unterstützt. In den Heimen, in denen diese Unterstützungen systematisch unterblieben, stellten die Prüfer einen mittleren Gewichtsverlust der Bewohner von 34 Prozent fest.

42 Prozent der Pflegebedürftigen werden vom Pflegepersonal nicht gefragt, wie es ihnen geht. Zwei Fünftel der von einem Dekubitusrisiko betroffenen Bettlägrigen erhalten nicht die erforderliche Prophylaxe. 18 Prozent der Heimbewohner werden mit falsch dokumentierten und falsch gelagerten Schmerzmitteln versorgt. Bei der Hälfte der Schmerzpatienten erfolgt keinerlei Schmerzeinschätzung. Sechs Prozent derjenigen, denen Ärzte eine Schmerztherapie verordnet haben, werden die Schmerzmittel vorenthalten. 14.000 Menschen werden, ohne die dazu zwingend vorgeschriebene richterliche Anordnung, fixiert. Zudem sind, laut MDS (Medizinischer Dienst des Spitzenverbandes Bund der Krankenkassen e. V.) viele Freiheitseinschränkungen sogar unbegründet, stellte der MSD fest.

Prüfer können lediglich prüfen. Doch jetzt sind sofort diejenigen gefragt, die stets in laufende Kameras grinsen, hohe Gehälter kassieren, nach kurzer Zeit schon horrende Pensionen einstreichen und auf richtig gestellte Fragen stets am Thema vorbei antworten – unsere Politiker.

Horst Boss
Medizinjournalist
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