Ärzte Zeitung, 04.12.2012

Pflegende Frauen

Hilferufe an den Staat

Pflege in Deutschland findet überwiegend in der Familie statt - und oftmals sind es die Frauen, die pflegen. Welche Sorgen und Wünsche sie haben, zeigt eine Umfrage.

Von Anno Fricke

Hilfe-Rufe an den Staat

Pflegende und Gepflegte. Frauen sind in der Mehrzahl.

© gilles lougassi / fotolia.com

BERLIN. Die Deutschen erwarten von ihren Politikern und von den Unternehmen mehr Engagement bei der Förderung der Vereinbarkeit von Pflege und Beruf.

Das geht aus einer Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach im Auftrag der R+V Versicherungs AG hervor. Demnach wünschen sich 78 Prozent mehr Hilfe vom Staat, 55 Prozent mehr Erleichterungen durch die Arbeitgeber.

Laut einer begleitenden Untersuchung der R+V könnte die Zahl der Menschen, in deren Familie ein pflegebedürftiger Mensch lebt, auf 27 Millionen steigen. Derzeit sollen es rund zehn Millionen sein.

Der Versicherungszweig der Volks- und Raiffeisenbanken hat die Veröffentlichung dieses ungewöhnlich dramatischen Szenarios mit einer Werbekampagne für Pflegevorsorgeprodukte verknüpft.

Derzeit leben in Deutschland etwa 2,4 Millionen Pflegebedürftige. Ihre Zahl soll bis 2030 auf etwa 3,4 Millionen steigen.

Mehr Geld hat nicht oberste Priorität

Pflegende Frauen haben ganz konkrete Erwartungen. 88 Prozent der befragten Frauen sehen der Umfrage zufolge Defizite in der Unterstützung für Menschen, die Angehörige und Partner zu Hause pflegen.

80 Prozent sehen den Staat in der Pflicht, die Qualität der Pflegeheime zu kontrollieren. 74 Prozent wollen bessere Möglichkeiten, Pflege und Beruf zu vereinbaren. Mehr Geld für die Pflege steht erst an vierter Stelle der Wunschliste (66 Prozent).

"Die überwältigende Mehrheit der pflegenden Frauen hofft, dass die Politik Pflegende künftig besser unterstützt, sagte Professor Renate Köcher, die Leiterin des Allensbach-Institutes.

Pflege in Deutschland findet überwiegend in der Familie statt. 62 Prozent der Deutschen, die pflegebedürftige Angehörige haben, kümmerten sich selbst um die Betreuung, sagte Köcher bei der Vorstellung der Umfrageergebnisse am Dienstag in Berlin.

Die gründen auf zwei Umfragen des Institutes aus dem September 2012. Insgesamt hat Allensbach dafür rund 2.100 Interviews geführt.

Oftmals sind die eigenen Eltern die Pflegebedürftigen

Jede zweite der pflegenden Frauen in Deutschland kümmert sich bereits seit mehr als drei Jahren um einen pflegebedürftigen Menschen.

In der Hälfte der Fälle handelt es sich dabei um die eigenen Eltern. Zwei Fünftel werden dabei von einem ambulanten Pflegedienst unterstützt. Etwa sechs Millionen Menschen pflegen ihre Angehörigen zumindest teilweise selbst, zwei Drittel davon sind Frauen.

Die Pflege belastet laut Köcher die Frauen nicht nur körperlich. Die Aussage "Würden Sie sagen, die Pflege belastet Sie psychisch... ergänzten 67 Prozent mit "sehr stark" und "stark".

Je älter die Pflegenden sind, um so größer wird die Sorge, dass sie der Situation körperlich und seelisch nicht mehr gewachsen sein könnten.

"Wären es Männer, die diese Lasten tragen müssten, hätte die Politik schon längst eine umfassende Lösung gefunden", kommentierte der Vorstand der Deutschen Hospiz Stiftung, Eughen Brysch die Umfrageergebnisse am Dienstag.

Aber weder die Pflegereform noch die Rentenreform gingen auf diese Aspekte ein. Stattdessen würden jährlich 280 Milliarden Euro im Gesundheitswesen ausgegeben - davon für die pflegenden Frauen blieben höchstens sechs Milliarden Euro.

Die Risiken einer Pflegesituation werden nach wie vor unterschätzt. 42 Prozent der befragten Frauen gehen davon aus, dass die gesetzliche Pflegeversicherung die Kosten der Pflege voll abdeckt. Sieben Prozent haben begonnen, Geld zur Absicherung eines Pflegerisikos anzusparen.

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