Ärzte Zeitung, 25.04.2013

Angela Merkel

Pflegende nicht überfordern!

Dass die Gesellschaft immer älter wird, beschäftigt auch die Kanzlerin. Angela Merkel schließt nicht aus, dass die Beiträge zur Pflegeversicherung weiter steigen.

Von Anno Fricke

Pflegende nicht überfordern!

Bundeskanzlerin Angela Merkel ist sich sicher: "Das Thema Pflegeversicherung wird in unserer Gesellschaft eine große Rolle spielen."

© Kay Nietfeld/dpa

BERLIN. Angela Merkel ist sich sicher: "Das Thema Pflegeversicherung wird in unserer Gesellschaft eine große Rolle spielen," sagte die Kanzlerin beim Forum Bioethik des Deutschen Ethikrates am Mittwoch in Berlin.

Thema der Veranstaltung war der "Zusammenhalt im demografischen Wandel". Für Merkel liegen die Herausforderungen in der Familienpolitik und in der Beschäftigung mit der Nachhaltigkeit der sozialen Sicherungssysteme.

Das Verhältnis von professioneller und ehrenamtlicher sozialer Leistung in einer Gesellschaft müsse immer wieder diskutiert werden, sagte Merkel.

Hintergrund dieser Debatte ist die Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt, die bis in die Familien hinein die Zeit für ehrenamtliche Tätigkeiten, auch die für die Pflege, absorbiert.

Kinder großziehen und Eltern pflegen - für viele eine Doppelaufgabe

"Wenn weniger Menschen ehrenamtlich arbeiten und die häusliche Pflege übernehmen, müssen die professionellen Angebote steigen", sagte die Regierungschefin.

Das wiederum verteuert die Beiträge zu den sozialen Sicherungssystemen. "Man kann nicht ausschließen, dass es in Zukunft wieder einmal Zeiten geben kann, in denen die Beiträge steigen", sagte Merkel.

Sie betonte, dass die Gesellschaft darauf achten müsse, die Menschen im erwerbsfähigen Alter nicht mit der Doppelaufgabe zu überfordern, Kinder großzuziehen und die eigenen Eltern zu pflegen. Die sich daraus ergebenden Fragen könne die Politik nicht gerecht beantworten.

"Dazu braucht es eine ethische Debatte. Das endet dann zum Schluss in der Frage nach der Gerechtigkeit von Lebensentwürfen, wo es Kinder gibt und wo es keine Kinder gibt", deutete die Kanzlerin an, bei welcher Gruppe von Erwerbstätigen Beitragssteigerungen abgeladen werden könnten. Schon heute zahlen Kinderlose mehr in die Pflegeversicherung ein als Eltern.

Die Alterung der Gesellschaft, der demografische Wandel, wird auf allen gesellschaftlichen Ebenen aufmerksam beobachtet. Derzeit bereitet die Regierung ihren Zweiten Demografiegipfel vor.

Vertreter zahlreicher Verbände und gesellschaftlicher Gruppen arbeiten seit dem ersten Gipfel im Oktober 2012 daran, Rezepte zur Umsetzung der Demografiestrategie der Regierung zu entwickeln.

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Angela Merkel (1017)
[26.05.2013, 14:48:07]
Ingrid Langschwert 
Auch für psychisch kranke Menschen sollte es Leistungen aus der Pflegeversicherung geben
Mit Bedauern stellen wir vom Landesverband Bayern der Angehörigen psychisch Kranker e.V., München fest, dass in den Diskussionen über die Reform der Pflegeversicherung regelmäßig die Demenzkranken, nicht aber alle psychisch kranken oder psychisch behinderten Menschen einbezogen werden. Ihre Behinderung ist zwar auf den ersten Blick nicht immer erkennbar. Sie betrifft aber Handeln, Wollen, Fühlen und den Antrieb. Die persönliche Dynamik ist eingeschränkt, die Aktivität beeinträchtigt oder übertrieben.
Diese Menschen müssen nicht unbedingt gewaschen oder zur Toilette geführt werden, sie müssen aber rund um die Uhr betreut, getröstet, motiviert und angeleitet werden. Betroffene haben Schwierigkeiten, eigenständig zu leben, einer geregelten Tätigkeit nachzugehen, ihre Freizeit zu gestalten, oder häufig auch sich selbst zu pflegen, weil ihnen dazu der nötige Antrieb oder die Einsicht in die Notwendigkeit fehlt. So kann es vorkommen, dass sie ohne den Zuspruch und die Begleitung durch Angehörige das Essen und Waschen völlig vergessen und immobil im Bett verharren.
Die pflegenden Angehörigen sind oftmals die einzigsten Bezugspersonen, die dem Kranken bleiben. Sie leisten Hilfe, damit ihre Kranken nicht völlig vereinsamen, innerlich und äußerlich verwahrlosen. Ihre Arbeit ist nicht mit Gängen zum Arzt, zum Therapeuten, oder zum Einkaufen erledigt. Sie sorgen für die Medikamenteneinnahme, wozu häufig eine sich täglich wiederholende Diskussion über den Sinn derselben gehört. Sie überreden den Kranken, endlich das Bett oder die Wohnung zu verlassen. Sie räumen in manchen Fällen das Zimmer, die Wohnung auf, damit das kranke Kind nicht der Verwahrlosung verfällt und sie beruhigen überforderte Familienmitglieder mit oft stundenlangen Gesprächen.
Angehörige leisten täglich Überzeugungsarbeit, wenn es um Körperpflege, Arztbesuche oder Beschäftigungen geht. Sie rufen den Notarzt in Krisenzeiten und kümmern sich um die diversen Rehabilitations- und Wiedereingliederungsmaßnahmen.
Im Gegensatz zur dementiellen Erkrankungen, treten andere psychische Erkrankungen wie Depressionen, Schizophrenie oder Borderline-Syndromen oft schon in der Jugend auf und führen im Verlauf einer chronischen Erkrankung zunehmend zur Pflegebedürftigkeit des Erkrankten. Automatisch werden dann Eltern, Geschwister oder Partner, in manchen Fällen auch Kinder, lebenslang zu pflegenden Angehörigen. Die Dauer der Pflegebedürftigkeit ist nicht absehbar und erstreckt sich oft über Jahrzehnte.
Oft ist die Pflege eines psychisch kranken Menschen ein Vollzeitjob - allerdings derzeit ohne Bezahlung, ohne Wochenende, ohne Urlaubsanspruch – und ohne Leistungen aus der gesetzlichen Pflegeversicherung! Ein Mitglied der Kleinfamilie– meist die Mutter– muss den Beruf ganz oder teilweise aufgeben, um das kranke Familienmitglied ständig pflegen zu können.
Daher wünschen wir uns angemessene Leistungen aus der Pflegeversicherung. In Zeiten sich auflösender Familienstrukturen und immer mehr allein erziehender Eltern können es sich inzwischen immer weniger Menschen leisten, das geliebte Kind, den Bruder, die Schwester zu Hause zu pflegen. Eine Pflege zu Hause ist aber für viele Kranke förderlich, da sie in einer vertrauten Umgebung mit weniger Ängsten zu kämpfen haben. In jedem Fall ist aber eine Pflege zu Hause sehr viel billiger als eine stationäre Pflege.
Deshalb wünschen wir uns nicht nur die Anerkennung der besonderen Pflegebedürftigkeit psychisch kranker Menschen in der Pflegeversicherung, sondern auch weitere Maßnahmen zur Unterstützung pflegender Angehöriger. Zum Beispiel eine bessere Vereinbarkeit von Pflege und Beruf, oder Rentenanwartschaften, um die Altersarmut pflegender Frauen und Männer künftige zu vermeiden.
Seit 1. Juli 2008 gibt es das zusätzliche Pflegegeld bei eingeschränkter Alltagskompetenz bei der Eingruppierung in die Pflegestufe 0. Doch Pflegestufe 0 bedeutet keine finanzielle Entlastung für Angehörige. Der zu pflegende Mensch bekommt zwar Geld zur Verfügung gestellt, für das er/sie sich Leistungen von externen Anbietern, wie Pflegediensten einkaufen kann. Dies soll der Entlastung der Angehörigen in zeitlicher Hinsicht dienen. Diese Geldsumme hilft Angehörigen aber nur in Ausnahmefällen, da psychisch Kranke häufig Angst vor fremden Menschen oder fremden Situationen entwickeln und sich deshalb weigern, mit einem „Unbekannten“ zum Arzt zu fahren, oder zum Einkaufen zu gehen.
Wir Angehörige sind deshalb all jenen dankbar, die bei der Pflegereform mitarbeiten, die uns im Verständnis für unsere Lage zur Seite stehen und so für soziale Gerechtigkeit sorgen.

Der Landesverband der Angehörigen psychisch Kranker Bayern setzt sich für die psychosozialen Belange psychisch kranker und psychisch behinderter Menschen und deren Angehörigen ein.
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