Ärzte Zeitung, 17.03.2014

Kongress

Gewalt in der Pflege vorbeugen, aber wie?

Bei gewalttätigem Verhalten gegen Pflegebedürftige ist es mit dem Rausschmiss des Mitarbeiters nicht getan. Die Organisation muss dann auf den Prüfstand.

Von Anke Nolte

DRESDEN. Dem alten Herrn werden die Gehstöcke weggenommen, die Sprachstörungen der alten Dame nachgeäfft, die Bewohnerin wird beim Umlagern grob angefasst - wann beginnt Gewalt in der Pflege und wie kommt es zu solchen Grenzüberschreitungen?

Wie können die verschiedenen Beteiligten damit umgehen? Gibt es Warnsignale, mittels derer sich eine Eskalation verhindern lässt? Gewalt in der Pflege wird ein Thema auf dem Interprofessionellen Pflegekongress sein, der von 10. bis 11. April 2014 im Deutschen Hygiene-Museum in Dresden stattfindet.

Nach einer repräsentativen Umfrage des Zentrums für Qualität in der Pflege (ZQP) hat jeder fünfte Bundesbürger bereits aggressives oder gewalttätiges Verhalten in der Pflege erlebt.

"Immer da, wo Beziehungen durch ein Machtgefälle geprägt sind, besteht ein Risiko des Machtmissbrauchs und damit der Gewaltanwendung", betont der Berliner Pflegeberater und Gesundheitswissenschaftler Siegfried Huhn.

Der Pflegeexperte weist darauf hin, dass Opfer eher besonders pflegebedürftige Menschen werden, die "viel Arbeit machen", oder auch Patienten, die selbstbewusst auftreten.

"Häufig fixieren sich Teams auf einen ‚unbeliebten‘ Patienten", beschreibt Huhn. Es handele sich dabei oft um Teams, in denen sich Kleingruppen gebildet haben und Feindseligkeiten untereinander bestehen. "Es gibt zahlreiche Belege, dass in feindseligen Kontexten mehr Gewalt gegenüber Schutzbefohlenen ausgeübt wird."

Das Risiko für Gewalt anerkennen

Deshalb reiche es auch nicht, nur den Täter aus der Einrichtung zu entfernen. "Sie können nur etwas verändern, wenn Sie sich die gesamte Organisation angucken", so Huhn.

Gelebte und vorgelebte Pflegekultur, klare Qualitätsstandards, Teamentwicklung, ein funktionierendes Beschwerdemanagement, Schulung der Mitarbeiter - das können Strategien zur Gewaltprävention sein.

Das Wichtigste sei es, sagt Huhn, anzuerkennen, dass es in jeder Einrichtung zu Gewalt gegenüber Bewohnern und Patienten kommen kann. "Nur dann kann das Thema sachlich, offen und vorbeugend angegangen werden."

Weitere Themen auf dem Kongress sind unter anderem: Rehabilitation bei älteren Menschen, Integrierte Versorgung bei Demenz, Multimorbidität und Pharmakotherapie im Alter. Der Kongress richtet sich nicht nur an Pflegefachkräfte, sondern auch an das hausärztliche Team und weitere Gesundheitsberufe.

"Wir bieten den verschiedenen Professionen im Gesundheitswesen eine zweitägige Plattform mit dem Ziel, den konstruktiven Austausch untereinander zu fördern", so Andrea Tauchert, Leiterin der Kongressorganisation.

"Dabei hat sich die enge Kooperation mit den großen Kliniken der Region, dem Sächsischen Hausärzteverband und dem Sächsischen Pflegerat, bewährt."

Weitere Informationen: Andrea Tauchert, Tel. 030/82787-5510; andrea.tauchert@springer.com, www.heilberufe-kongresse.de

Topics
Schlagworte
Pflege (4525)
Krankheiten
Demenz (2943)
Personen
Andrea Tauchert (61)

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Körperlich aktive Kinder werden seltener depressiv

Bewegen sich Kinder viel, entwickeln sie in den kommenden Jahren seltener depressive Symptome. Viel körperliche Aktivität könnte daher präventiv wirken. mehr »

Generelle Landarztquote ist vom Tisch

Der Masterplan Medizinstudium 2020 ist in trockenen Tüchern. Länder können, müssen aber keine Zulassungsquote für Landärzte in spe festlegen. mehr »

Star Trek und die Ethik der Medizin

Ärztliche Fortbildung sind immer dröge Veranstaltungen? Eine Veranstaltung in Frankfurt ist der medizinethischen Wertewelt von Raumschiff Enterprise auf den Grund gegangen - und zeigt, was Ärzte aus der Serie lernen können. mehr »