Ärzte Zeitung, 11.04.2014

Leitartikel zur Pflege

Mit geballter Kraft zum großen Wurf

Mit ihren Plänen zur Pflegereform geht die große Koalition die anstehenden Herausforderungen durch den demografischen Wandel mit Bedacht an. Es zeigt aber auch: Die von den Volksparteien gebildete Regierung hat die Kraft, auf gesellschaftliche Veränderungen zu reagieren.

Von Anno Fricke

Mit geballter Kraft zum großen Wurf

Pflege in der Familie: Das wird seltener werden. Professionalisierung wird voranschreiten.

© Mettelstiefel / dpa

Die große Koalition zeigt, was die Bündelung der Macht der beiden großen Volksparteien ermöglicht. Sie kann offenbar sogar bewirken, dass in Deutschland tatsächlich ein "Jahr der Pflege" anbrechen könnte.

Immer vorausgesetzt, Union und SPD ziehen durch, was sie mit ihrem Koalitionsvertrag angestoßen haben, dann sind die angekündigten Reformen mehr als eine milde Gabe an ein darbendes Sozialsystem. Es ist, so ist zu hoffen, der Anfang einer Entwicklung, an deren Ende ein weitaus stärker professionalisiertes Pflegesystem als heute stehen wird.

Die Koalition, an dieser Stelle vertreten durch Gesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU), hat in dieser Woche eine umfassende Pflegereform auf den Weg gebracht. Die Soziale Pflegeversicherung wird damit gegen Ende der Legislaturperiode rund 27 Milliarden Euro ausgeben können, fünf Milliarden Euro mehr als bisher.

Und das ist noch nicht alles. Zusätzlich werden mehr eine Milliarde Euro im Jahr aller Voraussicht nach in einen Vorsorgefonds fließen, mit dem ab dem Jahr 2035 Beitragserhöhungen abgefedert werden sollen. Diese Aufstockung eines sozialen Sicherungssystem ist in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland ohne Beispiel.

Kaum hörbare Proteste gegen Beitragserhöhung

Trotz der auffälligen Dimensionen gibt es gegen die Erhöhung des Beitrags zur Pflegeversicherung um 0,5 Prozentpunkte keine wirklich hörbaren Proteste. 2,5 Millionen Menschen in Deutschland sind pflegebedürftig.

Das Ausmaß des Bedarfs und seiner perspektivischen Steigerungsraten ist sichtbar. Wenn eine Regierung auf diesem Feld die Initiative ergreift, kann sie mit einem weit in die Gesellschaft reichenden Konsens rechnen.

Wenn überhaupt Kritik laut wird, dann daran, wie das Geld verwendet werden soll. Zum Beispiel beklagen Sozialverbände, dass die Abkehr von der Minutenpflege und die regelhafte Einbeziehung von an einer Demenz erkrankten Menschen nicht sofort, sondern erst nach wissenschaftlicher Vorbereitung in drei Jahren umgesetzt werden soll.

Bei vielen Verbänden reibt man sich nach den Jahren der vollmundigen Ankündigungen und der Reformtrippelschritte angesichts der geplanten Reformsprünge der aktuellen Koalition die Augen. Der pflegepolitische Sprecher der Unionsfraktion, Erwin Rüddel, beschreibt dies so: "Die Pflege glaubt noch nicht, wie ernst wir das Thema nehmen."

Das klassische Familienbild verblasst

Mit viel Respekt, aber auch einer Spur Traditionsduseligkeit, wird die Familie von Politikern gerne als "größter Pflegedienst Deutschlands" umarmt. Folgerichtig stärken die ersten Reformschritte der großen Koalition die Pflege zu Hause. Der geltende Grundsatz "ambulant vor stationär" wird bei der Geldverteilung noch gewahrt.

Tatsächlich hat die Politik immer schon auf die Solidarität in der Familie gesetzt. Das wird auch weiter so sein, aber der Blick auf die demografischen Entwicklungen lehrt auch die gegenwärtig handelnden Politiker, dass das klassische Familienbild verblasst.

Von den rund 2,5 Millionen Menschen, die Leistungen aus der Pflegeversicherung beziehen, werden etwa 1,75 Millionen zu Hause versorgt, oft rund um die Uhr von Angehörigen. Die Gesellschaft als Ganzes muss sich darauf einstellen, dass es diese viele Milliarden Euro werten Leistungen künftig nicht mehr "kostenlos" gibt.

Mehr Menschen in einem Alter, in dem sie pflegebedürftig werden können, stehen immer weniger Angehörigen gegenüber, die sie pflegen können. Nach Hochrechnungen könnten in 30 Jahren bis zu fünf Millionen Menschen pflegebedürftig sein.

Professionalisierung ist unausweichlich

Das führt zu den weiteren Schritten der Reform. Dass Menschen, die an einer Demenz erkrankt sind, stärker als bisher von den Leistungen der Pflegeversicherung profitieren sollen, ist ebenfalls bereits angestoßen worden. Aber diese Leistungen werden den Bedarf an Arbeitskraft weiter anheizen.

Dass es den Trend zur Professionalisierung in der Pflege geben muss, wird auch in der Union nicht mehr bestritten. Die Koalition plant, noch in diesem Jahr ein Pflegeberufegesetz auf die Schiene zu setzen.

Das heißt zwar nicht, dass die in den kommenden Jahren zusätzlich benötigten Pflegekräfte damit schon verfügbar sind. Es kann aber dazu beitragen, die Attraktivät und die Wertschätzung der Pflegeberufe aufzuwerten.

Daran wiederum hängen auch die Versorgungsstrukturen um die Pflege herum. Stichwort: Delegation ärztlicher Leistungen. Es gibt einen gesetzlichen Auftrag, Modellprojekte zur Delegation anzustoßen. Passiert ist auf diesem Feld seit Jahren wenig.

[15.04.2014, 13:05:44]
Ingrid Langschwert 
... und wieder werden die Angehörigen psychisch Kranker Menschen vergessen ...
Die Angehörigen und Familien von psychisch Kranken werden auch diesmal von der Politik und von den großen Sozialverbänden nicht wahrgenommen. Dabei ist die Pflege von seelisch kranken Menschen eine Pflege, die man nicht in ein einfaches Messschema pressen kann und die man von außen nicht sieht, weil sie "alltäglich" ist. Sie füllt aber den ganzen Tag aus: zum Beispiels kann ein angstkranker Menschen,einfach nicht allein bleiben... Ein Mensch mit Zwangserkrankungen braucht selbst zum Zähneputzen Anleitung und Hilfe. Und wenn sich jemand bedroht fühlt, muss eine vertraute Person zur Stelle sein, um Schlimmes zu verhindern. Die Pflege und Beaufsichtigung eines seelisch kranken Menschen ist oft eine lebenslange Aufgabe, denn viele seelische Krankheiten treten bereits in der Jugend auf. Das stellt dann für die Familien eine kaum zu ertragende Dauerbelastung dar, die zudem immer öfter im Burnout endet. Die Familien brauchen dringend eine Entlastung!

Wir vom Landesverband Bayern der Angehörigen psychisch Kranker e.V., München fordern, dass auch die „Präsenzpflege“, also das für den Anderen da sein, als Pflegekriterium eingeführt wird!

mit freundlichen Grüßen

Eva Straub, 2. Vorsitzende des Landesverband Bayern der Angehörigen psychisch Kranker e.V., München.

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[11.04.2014, 20:12:52]
Frank Albohn 
Großer Wurf?
Sehr geehrte Leserinnen und Leser,

ob bei dieser Reform der Pflegeversicherung tatsächlich der "große Wurf" herauskommt bleibt abzuwarten! Alle im Gesundheitswesen Tätigen erfahren es täglich, dass es so wie es heute ist, nicht mehr weitergehen kann und darf! Die weit verbreitete Überforderung der Mitarbeiter - insbesondere der Pflegekräfte - führt zu Fehlern bei der Pflege und Behandlung, zur Demotivation und letztlich (bei denen, die es sich leisten können!)zur Flucht aus dem Beruf! All das ist doch nicht neu - schon zu Zeiten meiner Berufsausbildung, Ende der achtziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts, wurde über den "Pflegenotstand" geklagt und die Personallücken stopfte man - soweit verfügbar - mit Personalimporten aus dem früheren Jugoslawien, anstatt Grundsätzliches zu ändern... Wann erleben wir endlich, dass Pflegepolitik "Chefsache" wird - in der selben "Dringlichkeitsstufe", wie "Bankenrettung" und "Energiewende"???

Mit freundlichen Grüßen

Frank Albohn
Diplom-Pflegewirt (FH)

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