Ärzte Zeitung, 26.11.2015

Künftige Versorgung von psychisch Kranken

Psychiater denken an Ampelmodelle

Lange Wartezeiten, fehlende Nachsorge nach einem Klinikaufenthalt, Fachärztemangel: Psychiater und Psychotherapeuten kämpfen derzeit an vielen Fronten. Neue Konzepte sollen etwas Abhilfe schaffen, wie auf dem DGPPN-Kongress zu hören war.

Ein Leitartikel von Thomas Müller

Nervenärzte denken an Ampelmodelle

Eine Priorisierung mittels Ampelmodell - das ist für die Versorgung von psychisch kranken Menschen in Zukunft denkbar.

© rsiel / istock

BERLIN. Eigentlich hätten Psychiater, Nervenärzte und Psychotherapeuten auf ihrem Kongress in Berlin in diesem Jahr jeden Grund zum Feiern gehabt: Vor genau 40 Jahren wurde durch den Psychiatrie-Enquete-Bericht des Deutschen Bundestags ein Reformprozess angestoßen, der weg von der Verwahrung psychisch Kranker in großen Klinken hin zu einem flächendeckenden Aufbau von Tageskliniken und Institutsambulanzen sowie zum Ausbau eines besseren ambulanten Versorgungsnetzes führte.

Es entstanden sozialpsychiatrische Dienste, Wohngemeinschaften, Tagesstätten und Rehamaßnahmen mit dem Ziel, Patienten wieder rasch in das Berufs- und Alltagsleben zu integrieren. In der Folge wurden die stationären Aufenthalte von durchschnittlich 65 Tagen im Jahr 1991 auf 23 Tage im Jahr 2008 verkürzt, die Bettenzahl in den psychiatrischen Kliniken ging deutlich zurück.

Doch die Freude hält sich in Grenzen: Inzwischen halten viele Psychiater die Erfolge der Vergangenheit für gefährdet.

So ist die Wiederaufnahmerate in den Kliniken zuletzt wieder deutlich gestiegen, und nach einer Umfrage der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) liegt die Auslastung der psychiatrischen und psychotherapeutischen Kliniken bei 98 Prozent.

Zugleich stoßen die Beteiligten im ambulanten Bereich an ihre Grenzen - lange Wartezeiten sind die Folge.

Mehrheit befürchtet verschlechternde Versorgung

Die eher düstere Stimmung spiegelt sich auch in einer weiteren Umfrage der DGPPN bei rund 800 Mitgliedern wider: So gaben zwar 45 Prozent an, dass sich die Versorgungslage psychisch Kranker in den vergangenen Jahren verbessert habe, aber die meisten waren der Ansicht, dass sie unverändert (22 Prozent) oder schlechter geworden sei (33 Prozent).

Noch trüber sieht der Blick in die Zukunft aus: Nur ein Fünftel (22 Prozent) glaubt an eine Verbesserung in den nächsten zehn Jahren, 59 Prozent gehen davon aus, dass sich die Versorgung weiter verschlechtert.

Zu den Schwachpunkten zählt die oft mangelhafte Zusammenarbeit zwischen klinischem und ambulantem Bereich: Ob Patienten nach einem Klinikaufenthalt in der ambulanten Betreuung aufgefangen werden oder schauen müssen, wie sie zurechtkommen - häufig ist das Glücksache.

"Es fehlt ein vernünftiges Einweisungs- und Entlassungsmanagement", sagte Dr. Frank Bergmann, Vorsitzender des Berufsverbandes Deutscher Nervenärzte (BVDN) auf einer Pressekonferenz der DGPPN-Jahrestagung.

Die Folgen nannte Martin Kolbe, stellvertretender Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Bipolare Störungen (DGBS). Er zitierte aus einer Online-Umfrage der Gesellschaft zahlreiche Beschwerden psychisch Kranker, die sich nach der Klinikentlassung entweder völlig allein gelassen oder unzureichend betreut fühlten.

Während die Reha nach dem Herzinfarkt oder der Endoprothesen-Op längst zum Standard der Versorgung gehöre, fehlten für psychisch Kranke entsprechende Maßnahmen.

Letztlich, so Bergmann, hakt es auch hier am Geld. "In der Endoprothetik ist das recht überschaubar, da kann man etwas sparen, wenn die Patienten schnell aus der Klinik in die Reha kommen."

Dort ließen sich standardisierte Verfahren zur Reha anwenden, dagegen sei in der Psychiatrie jeder Patient anders. "Wir brauchen ein maßgeschneidertes Programm für die Nachsorge."

Es habe in IV-Modellprojekten durchaus solche Programme gegeben. "Aber das sind alles keine Sparmodelle. Wenn da nicht herauskommt, dass man mindestens zehn Prozent einsparen kann, erlahmt das Interesse schnell."

Beim derzeitigen Stand der Unterversorgung in der Psychiatrie sei eine Kostenreduktion über Rehaprogramme eher illusorisch, vielmehr würden diese zusätzliche Ressourcen in Anspruch nehmen.

Bedarf an Leistungen steigt weiter

Mit mehr Ärzten und Therapeuten sei jedoch nicht zu rechnen. Zwar habe die Zahl der neu ausgebildeten Psychiater in den vergangenen Jahren etwas zugenommen, aber das reiche gerade, um die ausscheidenden Kollegen zu ersetzten.

Zudem würden immer mehr Psychiater eine Teilzeitbeschäftigung anstreben. Der Bedarf an psychiatrisch-psychotherapeutischen Leistungen steige jedoch weiter. Für Bergmann stellt sich daher die Frage, wie man die Versorgung unter den gegebenen Bedingungen dennoch verbessern kann.

Eine Möglichkeit seien Ampelmodelle, die eine Priorisierung erlauben: Akut oder besonders schwer kranke Patienten sollten schneller einen Termin beim Facharzt bekommen.

Der BVDN-Vorsitzende sieht zwar die Probleme eines solchen Konzepts, wenn etwa Überweiser versuchen, alle ihre Patienten zu priorisieren, aber die Patienten den Wartelisten zu überlassen, sei auch keine wirklich gute Alternative.

Etwas Entspannung bei der Versorgung könnte es auch durch eine bessere Zusammenarbeit mit Hausärzten geben. Oft sei es nicht nötig, dass Fachärzte ihre Patienten jedes Quartal sehen.

Sie könnten gut eingestellte und stabilisierte Patienten wieder zurück an die Hausärzte geben, die sie weiterbetreuen und nur bei Problemen oder in größeren Abständen zur Kontrolle überweisen. Damit würden vermehrt nur solche Patienten zum Facharzt kommen, die es auch wirklich nötig hätten.

Viele Baustellen in der Psychiatrie

Auch von den nun geplanten Maßnahmen wie Lotsengesprächen und Akuttherapien verspricht sich Bergmann einen schnelleren und vor allem zielgenaueren Zugang zur psychiatrisch-psychotherapeutischen Versorgung. Patienten müssten dann im Optimalfall nicht mehr lange herumirren, um eine für sie geeignete Therapie zu finden.

"Die Einrichtung von Terminservicestellen oder die im Versorgungsstärkungsgesetz vorgesehene Aufkaufverpflichtung von Praxissitzen in überversorgten Regionen lösen die Probleme jedoch nicht."

40 Jahre nach dem Psychiatrie-Enquete-Bericht gibt es also wieder jede Menge Baustellen in der Psychiatrie. Ein großer Wurf zur Lösung der vielen Schwierigkeiten ist aber noch nicht erkennbar.

[27.11.2015, 14:54:36]
Dr. Michael Kirsch 
Da wird ein wesentliches Problem übersehen!
"Sie könnten gut eingestellte und stabilisierte Patienten wieder zurück an die Hausärzte geben, die sie weiterbetreuen und nur bei Problemen oder in größeren Abständen zur Kontrolle überweisen. Damit würden vermehrt nur solche Patienten zum Facharzt kommen, die es auch wirklich nötig hätten."

Das heißt, all die aufwendigen, betreuungs- und kostenintensiven Patienten sollen beim Facharzt betreut werden, die einfachen Fälle beim Hausarzt. Das klingt logisch, übersieht aber einen wesentlichen Punkt. Solange die Abrechnung eine Mischkalkulation voraussetzt, braucht jeder Facharzt "Verdünnerscheine", weil er sonst sofort zu viel Leistungen pro Patient abrechnet und zu teuer verschreibt. Ersteres führt dazu, dass die erbrachten Leistungen nicht mehr bezahlt werden. Letzteres, dass ein Regress wegen Überschreitung der vorgegebenen Normen kaum zu vermeiden ist.

Eine bessere Versorgung ist in diesem KV-System nicht mehr umzusetzen, schon gar nicht, solange die Ökonomen und Kostensparer das Gesundheitswesen dirigieren und nicht mehr die medizinische Notwendigkeit. zum Beitrag »

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